Blaue Stunden

Der Stapel mit den zu besprechenden Büchern ist nach wie vor hoch, aber seit gestern liegt „Blaue Stunden“ auf meinem Tisch, und ich kann nicht aufhören zu lesen, wie Joan Didion rücksichtslos sich selbst und die Welt erforscht, sich preisgibt und mit all ihren Schwächen präsentiert. Ich kann dieses Buch nicht lesen, ohne in einen Dialog zu treten, mich aufwühlen zu lassen und vieles in Frage zu stellen, gerade die Dinge, auf die ich keine Antworten habe, und die ich deswegen bislang nicht an mich heran gelassen habe.

„Da ich keine passende Antwort auf diese Fragen hatte, lehnte ich es ab, über sie nachzudenken.“

schreibt Didion und ich fühle mich erkannt (Nicht ertappt).

Es ist grausam, sich sterben zu sehen ohne Kinder. Das sagte Napoleon Bonaparte.

Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken, als sterben zu sehen die Kinder? Das sagte Euripides.

Wenn wir von Sterblichkeit reden, reden wir von unseren Kindern.

Das sagte ich.“

Darum geht es in diesem Buch, um die Sterblichkeit, um das Überleben, (Didion hat in kurzem Abstand sowohl ihren Mann als auch ihre Tochter an den Tod verloren), um Liebe und Loslassen und Erinnerung.

Und ich bin Antje Rávic Strubel wirklich dankbar für ihre großartige Übersetzung.

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14 Gedanken zu “Blaue Stunden

    1. Klar, Susanne, ich sehe das auch als Schutzmechanismus. Das ist, was dieses Buch so aufregend, so schmerzhaft macht, dass Didion jeglichen Schutz fallen lässt, aber ich glaube, dass das wiederum in dem Moment, als sie das Buch geschrieben hat, die einzige Möglichkeit für sie gewesen ist, weiter zu machen.

      1. Letztendlich, Elke, glaube ich, dass wir uns alle mit unseren Fragen und vor allen Antworten, auseinandersetzen müssen.
        Wer bin ich?
        Wo will ich hin?
        Mit wem möchte ich diesen Weg gehen?
        Jorge Bucay hat darüber ein Buch geschrieben, was ich dir sehr empfehlen kann. Der Titel fällt mir leider gerade nicht ein…..

      2. Ja, mein Gedächtnis ist dann doch nicht so richtig gut 🙂 🙂 🙂 – ich hatte es aus der Bücherei aber eigentlich muss ich es mir irgendwann kaufen…

  1. Ich finde, es macht schon einen Unterschied, ob ich eine Frage bewusst verdränge oder ob ich ihr nicht weiter nachgehe. Im ersten Fall ist sie mir vielleicht unangenehm und ich schiebe sie beiseite. Dennoch bleibt sie mir zugehörig, während ich sie zweiten Fall ziehen lasse, sie freigebe in ein nicht weiter verfolgtes Irgendwohin.
    Schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    1. Ja, Herr Ärmel, das ist etwas vollkommen anderes, eine Frage freizugeben (gefällt mir übrigens sehr gut diese Formulierung), Didion (und auch ich) spricht hier aber m. E. eindeutig vom Verdrängen, und davon, wie unmöglich das auf Dauer ist, weil so eine Frage, wie Du ja selbst ganz richtig schreibst, dem Wegschiebenden zugehörig bleibt. Man wird sie nicht los, bis man sich ihr stellt.
      Ich lüfte meine Mütze in Richtung schwarzer Berg 😉

  2. Wenn man den Tag über sehr abgelenkt ist, nimmt man sich auch nicht die Zeit, um über so Themen wie den Tod lange nachzudenken.“ Und wenn es (das Leben) köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen….“
    Ein Spruch aus der Bibel. Schlimm ist es immer, wenn Kinder gehen, auch wenn sie plötzlich allein da stehen.

    1. Kinder verändern alles, das klingt so platt und übertrieben, aber für mich ist wirklich nichts mehr so, wie es gewesen ist, bevor ich eigene Kinder hatte. Alles gewinnt eine neue Bedeutung, und manchmal tut es gut, sich in die Arbeit zu stürzen und den Gedanken an gewisse Themen so eine Zeitlang zu entkommen, da stimme ich Dir zu.

    1. Bei mir war es ganz merkwürdig. Ich habe die Rezensionen damals verfolgt, als es neu herauskam und war hin- und hergerissen, dann hatte ich es vergessen und letztens habe ich einen ihrer Romane gelesen und (wie das so ist, wenn ich Didion lese) wollte mehr. Zum Glück, denn dieses Buch ist wieder ebenso grausam und wahrhaftig wie Das Jahr magischen Denkens und überhaupt alles, was diese Frau schreibt.

  3. Es gibt Situationen, Ausnahmesituationen, in denen man sich nicht mehr mitteilen kann, in denen man vielleicht sogar auch nicht verstanden wird. Das ist nicht selten so.
    Aber wenn das eigene Kind stirbt … gibt es häufig kaum eine Möglichkeit, sich verstanden zu fühlen; so gut auch jedes Verständnis und jeder Trost, jede ernsthafte Anteilnahme gemeint ist.
    Danke, liebe mützenfalterin, für Deinen Artikel hier, der mich mitten ins Herz getroffen hat.
    Liebe Grüße von uns beiden, mb und dm

    1. Das Schlimmste, habe ich bei diesem Buch das Gefühl, ist nicht allein, die Tatsache, wirklich vollkommen allein zu sein (bevor ihre Tochter starb, war ihr Mann gestorben), sondern die Gewissensbisse mit denen sie sich matert, die Überlegungen, was sie alles falsch gemacht hat. Vielleicht ist es in solchen Fällen die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen. Mir ist das alles jedenfalls sehr nahe gegangen, gerade weil ich mich in so vielen Punkten wiedererkannt habe.
      Ich wünsche euch einen schönen Tag
      Herzlich m

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