Susan Sontag – Kunst und Antikunst

In „Über den Stil“ schreibt Susan Sontag: „Wenn es wahr ist, daß wir nicht urteilen können (moralisch, begrifflich), ohne damit zu verallgemeinern, dann trifft es ebenso zu, daß das Erleben des Kunstwerks und dessen, was im Kunstwerk repräsentiert wird, das Urteilsvermögen übersteigt – wenn auch das Werk selbst als Kunstwerk beurteilt werden kann.“

 

 

Dieser Satz, der zunächst wie eine Lösung für alles erscheint, bevor er weitere Fragen aufwirft (wie ich mir überhaupt ein nach allen Seiten abgesichertes Weltbild aus Zitaten basteln könnte, und oft auch versucht bin, genau das zu tun, wenn ich mir erlauben würde, auf das Nachdenken, auf den Eigensinn, zu verzichten.).

 

 

Das Kunstwerk läßt uns etwas Einmaliges sehen und begreifen, nicht aber bewerten und verallgemeinern. Dieser Akt des Begreifens, der von Wollust begleitet ist, ist der einzige vertretbare Zweck und die einzige überzeugende Rechtfertigung des Kunstwerkes.“

 

 

In diesem Zitat also die Begründung, warum etwas, das nicht bewertet werden kann, weil es das Urteilsvermögen übersteigt, sehr wohl als Kunstwerk begriffen werden kann. Begriffen auch im Sinne von definiert, also kategorisiert, also benannt, also bewertet. Nämlich indem man dem Werk die Frage stellt, ob es das leistet, ob es den Betrachter, den Leser, etwas Einmaliges sehen und begreifen lässt, oder ob es sich im Allgemeinen verliert. Ob es also einen Schritt über etwas zu beurteilendes hinausgeht und ergreift, ganz subjektiv und einmalig. Über jegliches Objektivität hinausgehend. Sie sprengend.

 

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26 Gedanken zu “Susan Sontag – Kunst und Antikunst

    1. Guten Morgen, Susanne. Ich habe ein großes Problem damit, Bewertung als unbedingt negativ anzusehen. ich denke vielmehr, wir brauchen Bewertungen, ich brauche sie zumindest. Wenn ich alles wertschätze, wird alles zu einem ununterscheidbaren Brei. Nur sollte man sich bei Bewertungen stets bewusst sein, dass es um ein subjektives Urteil geht, außer Gleichgültigkeit und Liebe ist vielleicht kaum etwas generell als gut oder schlecht zu bewerten, und selbst da gibt es so viele Nuancen, dass eine objektive Bewertung unmöglich ist. Aber ich als Einzelne, brauche diese Bewertungen, um eine Haltung entwickeln zu können, zu mir und der Welt, auch über die Kunst.

      1. Liebe Elke, nein, ich sehe die Bewertung nicht nur negativ. Aber eine ständig positive Bewertung kann negativ sein!
        Bei der Bewertung nehmen wir eine Verantwortung auf uns. Für diese Verantwortung gehört Mut, sofern man sich der Verantwortung bewusst ist. Wir müssen unsere Argumentationen für die Bewertung untersuchen und diskutieren. Die Bewertung ist ja kein Gottesurteil. Ich mag die Diskussion um etwas mehr als die Bewertung. Wobei natürlich aus der Diskussion die Bewertung entstehen kann oder sollte.
        Fundierte Bewertungen mag ich sehr und sie helfen mir und geben mir Denkanstösse!
        LG Susanne

      2. Vielen Dank für diese Antwort, Susanne, Du bringst sehr schön auf den Punkt, worum es mir geht, worum es bei Kritik und Bewertung, die eben auch Wertschätzung sein kann, gehen sollte.

  1. Gerne verfolge ich diese Gespräche, sowohl bei Jan, als auch bei dir hier.
    Ich bestaune das Bedürfnis, um jeden Preis etwas ( und sich selbst ?) verorten zu wollen oder zu müssen. Warum?
    Für mich ist das zeitweilige Schwimmen im Wasser der Nicht – Wertung mit einem großen Freiheitsgefühl verbunden, dass mir auch Angst macht. Dann klappt alles wieder zusammen und ich ringe um „ein Gesehenwerden, um Beachtung“.
    Beispiel :
    Faktoid :
    Kunst ist, was die eigenen Möglichkeiten überschreitet. Ist das zu allgemein?
    Deine Antwort : Ja,….,was die eigenen Möglichkeiten überschreitet, kann ja einfach Überforderung sein…
    Ja, und ?, dann muß ich nur wahrheitsgemäß erkennen, dass es etwas Größeres als mich und das, was ich als meine Kunst bezeichne gibt. Das ist nur dann scheinbar schwer auszuhalten, wenn ich mich der Illusion hingegeben habe, ich könne zumindest meine eigene kleine Welt kontrollieren.
    Mein Entschluß, meine Gedichte, Bilder und Kurzgeschichten auch nicht mehr mit „Sternchen oder ähnlichem“ bewerten zu lassen, steht immer wieder vor einem Durchbruch und verschwindet wieder, leider, Ich kenne die Konsequenzen : kein facebook, kein bloggen, still ausharren und darauf vertrauen, „gefunden“ zu werden von Lesern, Agenten, Verlagen……, die alle in diesem Bewertungssystem leben.
    Und trotzdem, Laotse sagt :
    Gut geht, wer ohne Spuren geht. Es ist so schwer, aber ich weiß, ich wäre glücklicher.

    Ich lese hier viel vom Ringen der Menschen, die Rezensionen schreiben und damit meinen, lehrhaft tätig sein zu dürfen, ihrer Bitte um Verständnis, um Anerkennung ihrer ethischen Haltung. Aber das funktioniert nicht. Solange wir alle uns in diesem Bewertungssystem aufhalten, wird es immer und ewig diese Spaltungen geben : Was ist Kunst und was nicht, was ist gut und was ist schlecht.
    Es widert mich an und ich kann es einfach nicht lassen. Dieser konsequente Sprung in die Freiheit ist auch für mich zu groß, aber immerhin erlebe ich manchmal einen Zipfel davon.
    Liebe Grüße
    Hanna

    1. Ich muß noch etwas nachsetzen :

      „Das Kunstwerk läßt uns etwas Einmaliges sehen und begreifen, nicht aber bewerten und verallgemeinern. Dieser Akt des Begreifens, der von Wollust begleitet ist, ist der einzige vertretbare Zweck und die einzige überzeugende Rechtfertigung des Kunstwerkes.“

      Auch das ist in letzter Konsequenz meiner Meinung nach „Augenwischerei“. Immer ist und bleibt es die Meinung eines Einzelnen, ausschließlich sein/ihr persönliches kleines Rasenstück, ein ausgerissener Weltenausschnitt. Wir alle tragen Scheuklappen und reden von „Welt“ und glauben allen Ernstes das wir alles wissen. Wir wissen viel, aber wer will beurteilen, ob das alles ist?
      Und für mich gilt das Gleiche für die Kunst und ich leide an diesem Unvermögen und der gleichzeitigen Anmaßung.

      Kunst entwickelt sich meines Erachtens innerhalb eines sich entwickelnden Lebens mit Reflektionen, Versuchen und oft schmerzendem oder rauschhaftem Irrtum zu einer gelassenen Weltsicht, die das Wissen um die menschliche Begrenzung einschließt und damit humorvoll lebendig ist.
      Alles andere sind unsere mehr oder weniger dilettantischen Versuche, ein Ziel zu erreichen, dass es nicht gibt. Und DEN Weg gibt es auch nicht, sondern jedes Wesen hat seinen eigenen.
      Wie kann darüber ein anderer, auf seine Weise begrenzter Mensch über meine Kunst urteilen?

      1. Ich danke Dir sehr für Deine Einwände, Hanna, über die ich jetzt nachdenken werde, insbesondere über den Gegensatz Freiheit durch Nicht Bewerten gegen meine ursprüngliche Idee der Haltung durch Bewertungen (die aber als subjektive gekennzeichnet sind). Da stösst Du etwas an, das sich nicht ganz leicht lösen und in Worte fassen lässt. Gut so!

      2. Es freut mich, dass du meine Zeilen für lesenswert hälst. Sie sind bei mir durch hineinhorchen, hineindenken und hineinfühlen entstanden. Radikales Denken führt allerdings in der Praxis auch nich viel weiter.
        Aber wir haben wenigstens einmal darüber gesprochen. (grins)
        Einen wunderbar wertfreien, lockeren Tag noch.

      3. Das die eigene Kunst bewertet wird, gehört zum Künstlerdasein dazu.
        Als Künstlerin mache ich mit meiner Kunst eine Aussage.
        Und natürlich möchte ich, dass über diese Aussage diskutiert wird und natürlich wünsche ich mir auch, dass die Betrachter über meine Kunst nachdenken.
        Und auch negative Kritik bringt mich weiter … mehr mitunter als positive….

      1. Susanne, manchmal gibt es Momente im „Schaffen“, in denen ich mich losgelöst und frei fühle. Alles verschwindet, sogar ich selbst. Das kann Stunden dauern. Ich glaube, solche Momente kennen wir alle. Wenn das sogenannte „Ich“ dann wieder auftaucht, sind alle Gebundenheiten und Abhängigkeiten wieder da.Vielleicht brauchen wir diese Anbindung, ich weiß es nicht, aber ich sehne mich immer mehr nach diesem freien Gefühl. Dann bin ich stark und voller Schaffenskraft, frei und ungebunden eben.
        Kritik, auch im positiven Sinne hat mich noch nie weitergebracht. Weiß ich doch, das ist auch nur eine Meinung von vielen. Wir alle kennen das, ein Gedicht wird hochgelobt und verrissen, gleichzeitig, es kommt dann nur auf den Rezensenten an und wer sein Auftraggeber ist. Bitte versteh mich nicht miß, ich beklage das nicht, es ist, wie es ist, aber meine Sehnsucht, mich aus all diesen Zufällen heraus zu nehmen ist einfach riesengroß. Auf meiner „Wolke“ an meinem Arbeitsplatz lebe ich, in Konkurrenzen
        und subjektiven Bewertungen fühle ich mich und das, was ich geschaffen habe nicht. Ich bin fest davon überzeugt, solange ich niemanden willentlich verletze zählt im Leben nur, was ich tue und wie ich mich damit fühle.
        Ein fachliches Gespräch auf gleicher Augenhöhe, in dem die Achtung vor dem
        Anderssein und Andersschaffen deutlich wird, wo Fragen gestellt werden statt statements abzulassen, kann sich eine Meinungsfreiheit entfalten, die ausgesprochen fruchtbar ist.
        Das scheint mir für mich ein immer wichtigeres Ziel zu werden, je länger ich darüber nachdenke und diskutiere :
        Unabhängig zu sein von der Meinung anderer, mich mit lebendiger Freude dem Arbeitsprozess zu widmen,das Werk loszulassen und mich nicht darum zu kümmern, was und wie andere Menschen darüber denken.
        Das wäre dann meine ganz persönliche Freiheit in der Gestaltung meines Lebens und meinem künstlerischen Tun, völlig egal, ob andere es Kunst nennen oder nicht.
        eine gute Nacht wünsch ich dir und ganz besonders der Mützenfalterin
        LG Hanna

      2. Liebe Hanna,

        ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du über den Schaffensprozess selbst schreibst, diese Freiheit vom Selbst, von jeglicher Art von Zensur usw. Das ist wunderbar und das ist ganz sicher nicht nur ein schöner Nebeneffekt kreativer Arbeit, sondern eine der Grundvoraussetzungen, etwas zu schaffen. Aber, denn natürlich kommt ein aber, ich glaube das ist nur der eine Teil bei der Entstehung eines Kunstwerkes. Danach kommt ein „bewusster“ Teil, ob ich als „Künstler“ selbst bewusst an Form und Stil arbeite, oder aber, ob ich das Werk in die Welt hinausschicke und mir anhöre, was es auslöst. Und da bin ich vollkommen Susannes Meinung. Kritik, bei der ich spüre, dass sie aus einer verantwortungsbewussten Auseinandersetzung hervorgegangen ist, ist mir weitaus wertvoller (hier werte ich schon wieder ;-)) als ein Lob, das so dahingesagt ist, weil naturgemäß beim Lob keiner so schnell nachhaken wird, als wenn es um Kritik geht.
        Bei Dir lese ich es fast so, als wäre es Dir egal, was Deine Gedichte z.B. auslösen bei der Leserschaft, wenn Du schreibst, Kritik interessiert Dich nicht, es käme schlussendlich nur auf Dich an, das ist ja wahr, auch Kritik wird nur wirksam, wenn ich sie an mich heranlasse, ebenso wie das Lob. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Du nicht wissen möchtest, was Deine Werke bei anderen auslösen, wie sie verstanden und empfunden werden. Und noch etwas; ich glaube dieser Wertediskussion liegt auch immer der Leistungsgedanke zugrunde, bewusst oder unbewusst, und da muss ich sagen, ja ich will auch eine bestimmte Leistung erbringen, sowohl mit meinen Besprechungen als auch mit dem, was ich selbst schreibe, es gibt da Ziele, bei der Besprechung, das was Jan „Verständigung über Literatur“ nennt, und beim eigenen Schreiben immer wieder der Versuch noch ein wenig näher an das Unaussprechliche heranzukommmen. Und natürlich will ich wissen, wie gut das gelungen ist und da ich vielleicht auch für mich allein schreibe, ist das Schreiben aber doch immer auf einen anderen ausgerichtet, sonst wäre es nur Selbstverständigung, aber kein Angebot zur Kommunikation, und demgemäß interessiert mich natürlich, was andere dazu denken, auch wie sie das bewerten, wobei ich nach und nach gelernt habe, und immer weiter lerne, zu unterscheiden zwischen dem, was Susanne so schön damit auf den Punkt gebracht hat, indem sie geschrieben hat, dass ein Kritiker Verantwortung übernehmen muss für das, was er kritisiert, und Lobhudelei oder Ablehung nach Schema F, also ohne echte Auseinandersetzung.
        Aber vielleicht stecke ich auch einfach fest in diesen Gedankenzirkeln, in die ich hineingewachsen bin…
        Entschuldige Hanna, eben ist mir aufgefallen, dass ich völlig an Deinem Kommentar vorbeigeschrieben habe, denn ganz zum Schluss schreibst Du ja, es gehe darum, „unabhängig zu werden“ von den Bewertungen der anderen, und das heißt ja gerade nicht, dass etwas in einer Glasglocke stattfindet, losgelöst von den anderen, sondern dass eine eine Souveränität entfaltet im Umgang mit Kritik.

      3. Guten Morgen, liebe Mützenfalterin und Susanne, zunächst vielen Dank für dieses wunderbare Gedanken – Spiel hier, es macht mir Freude.
        Vielleicht sollte ich einfach meinen Standort in der Lyrik beschreiben, das macht sicher einiges deutlicher.
        Ich liebe die alte japanische Kunst des ZEN, nicht nur die Lebensphilosophie, sondern auch die Literatur und die Musik. Das Wesentliche dabei ist (natürlich hier nur angerissen), das ich übe, mich darauf zu konzentrieren, was hier und jetzt, in diesem Moment geschieht. Der Sinn davon ist, Sorgen und Schmerzen zu vermeiden, die an der Vergangenheit kleben und/oder eine Zukunft zeigen, die vermutlich eine grandiose Illusion ist. Meine Gedichte zeigen alle einen realen Moment des „Jetzt“ auf, ohne diesen zu bewerten. Damit lehne ich mich an den Prozess des Werdens eines Haiku an.
        Das gelingt mal mehr, mal weniger gut, aber ich kritisiere das nicht, sondern nutze meinen kreativen Ansporn zur Verfeinerung der Aussagetiefen, nicht als Wertung. So fühle ich mich offen, auch für andere Ansichten, beschäftige mich damit und lasse sie ziehen, weil der Moment, in dem der Gedanke und die Intuition in mir zusammentrafen und ein Gedicht entstand, längst vorbei und nicht wiederholbar ist.
        Natürlich überarbeite ich es dann nach den Kriterien, die große Dichter (Männer natürlich!!)
        aufgestellt haben. Und da beginnt strenggenommen schon das Unheil. Ich verbiege mich, um Gesetze zu beachten, zu denen mich niemand befragt hat. Wenn ich das nicht tue, fühle ich mich zwar frei, aber einsam, weil mir natürlich „die Anderen“ mit Unverständnis begegnen.
        So möchte ich deinen Kommentar gerne aufnehmen : „Unabhängig werden“ von Bewertungen
        anderer, eine Souverenität entfalten im Umgang mit Kritik.
        Immer vor der eigenen Tür anfangen, dann wird das Private auch politisch (Grins, die 68iger, meine Studentenzeit) So nähere ich mich ganz langsam dem Zustand, den ich „Freiheit“ nenne, das hat mit „der globalen Freiheit“ wenig zu tun, liebe Susanne……oder doch?…..Ich weiß, dass ich rein gar nichts weiß, deshalb bin ich auch sehr vorsichtig und „kritisiere“ weder positiv noch negativ. Ich beschreibe, was ich aus meiner Sicht lese,höre,rieche,schmecke, fühle…. und stelle Fragen……
        So viel Zeit sollte sein……ist es aber nie….
        LG Hanna

      4. Liebe Hanna,
        danke für deine ausführliche Antwort.
        Gut das ich wegen der Freiheit gefragt habe.
        Ich verstehe, glaube ich, etwas anderes darunter.
        Ich sehe die Freiheit globaler, nicht nur auf meinen Schaffensprozeß in der Kunst bezogen. Da ist es für mich Selbstverstänlich, dass ich nur so agiere, wie es mir und meinen Gedanken, meiner Handschrift entspricht. Wenn ich in mir nicht frei bin, dann kann ich auch von Außen keine Freiheit erwarten. Aber genau da erwarte ich sie, wie ich schon auf Elkes Antwort schrieb.
        Ich habe gleich einen Termin und werde weiter zum Thema nachdenken und ich melde mich dann…
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

  2. Aus den zitierten Passagen wird aber auch deutlich, zumindest: nicht ausgeschlossen, dass die Form des Kunstwerks sehr wohl verallgemeinert (verglichen) und bewertet werden kann (es geht hier ja um den Gehalt, das, worauf das Kunstwerk deutet, sozusagen: das Unaussprechliche, oder?).

    Ich finde das insofern überraschend, weil ich meinte von Sonntag auch einmal gegenteilige (oder widersprechende) Ansichten gelesen zu haben, nach denen die Form entscheidend(er) wäre.

  3. Liebe Mützenfalterin,
    so sehr ich mich auch darum bemühe, Bewertungen (in so vielen Bereichen) zu unterdrücken, Urteile, wie Kant sagt, nur in der Not zu fällen (und das versuche ich tatsächlich nicht selten), so wenig gelingt es mir in meinem Alltag, der geprägt ist durch eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, Beurteilungsmöglichkeiten und Bewertungsmöglichkeiten, diesen Anspruch aufrecht zu erhalten. Ich bewerte. Ich bewerte eigentlich ständig. Und als ich mir dessen bewusst wurde, bewertete ich mich, urteilte über mein Urteilsvermögen.
    Daher gefällt, was auch Susanne schreibt: es ist gut, wenn nachgedacht und diskutiert wird. Über all das, was Menschen auszudrücken in der Lage sind. Eigentlich immer.
    Danke Dir, liebe Mützenfalterin!
    Liebe Grüße, mb

  4. Dichter und Rezensent
    Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris‘ Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: »Sing uns bald wieder ein Lied;« das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur dass er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden. Søren Kierkegaard

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