Die Klippen

Die Klippen - Isla volante
Die Klippen – Isla volante

Die Klippen hatte sie gesagt und gelacht. Und er hatte an das Märchen vom Fischer und seiner Frau gedacht. Er hatte sie geküsst. Schnell und heftig, um den Gedanken loszuwerden. Sie war doch ganz anders. Warum kamen ihm solche Gedanken?

Und während sie Blumen auf den Tisch stellte, Limonade machte, oder lächelnd auf dem Bett lag, konnte er seinen Blick nicht von den Klippen lösen. Selbst wenn er sich ein kleines Boot dachte, das munter und schnell mit der Strömung davon trieb und in diesem Boot sich, mit oder ohne Angel, das Gefühl, gefangen zu sein, blieb.

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Kritik und Literatur

Im 21. Jahrhundert beschäftigt sich sowieso kaum noch jemand mit Literatur. Es gibt viele Schriftsteller, aber wenig Literatur. Die Schriftsteller sind zu Handwerkern geworden, und die Leser zu Käufern. Was gut verkauft wird, ist gesund. Was nicht verkauft wird, ist krank, bedrohlich und hat zu verschwinden.“ (Edo Popovic)

Möglicherweise lässt sich die Frage nie endgültig klären, für mich. Aber ich versuche mir stückweise mehr Klarheit darüber zu verschaffen, was ich eigentlich tue, wenn ich Besprechungen schreibe, was das für mich bedeutet.

Vor einiger Zeit gab es hier anlässlich eines Eintrags zu Kunst und Antikunst von Susan Sontag eine fruchtbare Diskussion, die nachgewirkt hat und weiter wirkt. Dazu kam kürzlich ein Essay von Harald Hartung, in dem er sich mit dem gegenwärtigen Stand der Literaturkritik auseinander setzt. Darin führt er z.B. an, dass Kritik einmal als Scheidekunst verstanden worden ist, als Instrument der kritischen Aufklärung. Er zitiert auch Benjamin:

Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen.“

Und Hartung selbst konstatiert: „[…] das Problem ist die Kapitulation der Kritik vor dem Begriff der Qualiät.“

Wobei Qualität wieder so eine Wertung ist, die Hanna z.B. ablehnt, mit guten Argumenten und gutem Recht. Die ich aber beim Schreiben von Besprechungen nicht vernachlässigen will und kann. Allerdings eine „verantwortungsvolle“ Bewertung, so wie Susanne das definiert hat.

Für jede Position lassen sich schließlich sowohl Zitate als auch Argumente finden, und das ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass Literaturkritik vornehmlich eins ist: subjektiv.

Fäden

Seltsam wie mir die Träume im Kopf zergehen. Die Gedanken wechselhaft, wie der heutige Himmel und immer wieder verliere ich den Faden, den ich doch fortspinnen will. Mein Fehler, ich halte ihn fest, statt los zu lassen, wie die Müllerstochter im Märchen, die ihre Unfähigkeit anerkennt und der Hilfe zuteil wird.

 

Hilfe von andern.

 

Also war das, was sie aus sich selbst heraus geschafft hatte, ihre „Leistung“, das Aufgeben, Loslassen und Zulassen?

 

Wie mich die Fragen drehen und wenden. Und ich schaue doch immer nur zurück. Als würde in der Undeutlichkeit der Herkunft der Faden sichtbar, an dem ich hänge, wie oft ich ihn auch verlieren mag. Lasse ich ihn los, entwickelt er mich, halte ich zu fest, nimmt er mir die Luft zum Atmen.

 

Zeiträume

Jetzt, da meine Tage zerschnitten erscheinen, Zeit immer nur in kleinen Stücken denkbar ist, erinnere ich mich häufig an diese Zeit: ich ein Kind, dem Zeit nichts bedeutet, abgesehen von einer diffusen Vorstellung von Zukunft (wenn ich einmal groß bin) und den Ermahnungen der Mutter: es ist Zeit. Zeit aufzustehen, Zeit, ins Bett zu gehen.

Wenn ich an diese Zeit denke, denke ich seltsamerweise an Räume. An das kleine Zimmer, das sich die drei V. Schwestern teilen mussten, an unsere Überraschung, als wir entdeckten, dass T.’s Kinderzimmer viel größer war als unsere Kinderzimmer. Wie fassungslos wir waren, als wir begriffen, dass ihre Eltern das Kinderzimmer als Schlafzimmer nutzten und ihr das (weitaus größere) Schlafzimmer überlassen hatten. An unsere Wohnungen aus Laub und Eicheln, die wir uns im Herbst auf der Wiese hinter den Mietskasernen bauten.

Hinter dem Haus. Also sichtbar für meine Mutter. Meine Mutter, die nur auf den Balkon treten musste, um mich zu sehen, das Küchenfenster öffnen, um mich zu rufen. In Rufweite. Ein behutsames Entfernen.

Ich, die kurz hintereinander zwei Kinder bekommen habe, weil es sonst womöglich zu spät hätte sein können, weil ein Kind nicht richtig gewesen wäre.

Ich, die lange nicht begriffen hat, was das Erholsame (Segensreiche) daran gewesen ist, sehr kleine Kinder zu haben, dieses fortwährende (manchmal ununterbrochene) Gebrauchtwerden, als nicht zu vereitelnde Ablenkung von mir selbst.

Und wie sich die Räume ändern, mit dem behutsamen Entfernen.

Damals. Und jetzt.

Schneewittchen

Schneewittchen - Isla volante
Schneewittchen – Isla volante

Hätte sie nicht den Weg zu den sieben Bergen eingeschlagen, Schneewittchen hätte auch am Meer landen können.

Sieben Tage lang wäre sie dem Fluss gefolgt, bis zu der Stelle, wo er ins Meer mündet. Eine Möwe hätte ihr den Weg zu einem alten Fischer gewiesen, der ihr ohne ihre Geschichte zu kennen, Zuflucht in seiner Fischerhütte gewährt hätte. Diese Geschichte wäre zwar kein Märchen geworden, aber Schneewittchen hätte einen wunderschönen Sommer lang, Tag für Tag im Meer baden können.