Baldur Greiner : Annegret Soltau – Ich war total suchend

„Je beschissener die Kindheit, desto besser die Kunst,“ lautet eine der sehr direkten und schlagwortartigen Aussagen Marina Abramovic. Schenkt man dieser Sichtweise Glauben, hatte Annegret Soltau von Anfang an sehr gute Voraussetzungen Künstlerin zu werden. Den Weg, auf dem sie tatsächlich zu einer der bedeutendsten Gegenwartskünstlerinnen geworden ist, erzählt Baldur Greiner in den biografischen Aufzeichnungen Annegret Soltaus „Ich war total suchend.“

Die Welle

Die Welle - isla volante
Die Welle – isla volante

Ich erinnere mich sehr gut an diese Welle, sagte er und Großmutter lächelte, stellte mir eine heiße Schokolade vor die Nase und schloss leise die Tür. Großvater zündete seine Pfeife an, sah aus dem Fenster und wartete auf die Welle. Es dauerte nie besonders lange, bis sie kam. Und wenn sie kam, brachte sie jedes Mal eine andere Geschichte mit, hinter der man doch das unverwechselbare Gesicht dieser einzigartigen Welle erkannte. Großvaters Welle.

Erst bei seiner Beerdigung habe ich erfahren, dass mein Großvater das Meer nie gesehen hat. Der Welle war das egal.

Das Kind

Ich habe Angst, sagt sie. Vor den Veränderungen. Dass es sie nicht gibt.

 

Nur die Lügen auf dem Weg von der Geburt zum Tod.

 

Das Kind mag ihre Stimme. Es ist ihm gleichgültig, was sie sagt. Es genießt den Klang und lächelt. Es stellt keine Fragen. Das ist der Grund, warum sie alles aussprechen kann. Vielleicht zum ersten Mal. Ohne Gewissheit.

 

Voller Angst.

 

Ilja Trojanow – Der überflüssige Mensch

Der Haken an Büchern wie „Der überflüssige Mensch“ bleibt dennoch, dass sie ohnehin nur jene Leser erreichen, bei denen sie weit offene Türen einrennen, schreibt Gerrit Wustmann über Trojanows „Der überflüssige Mensch“. Vermutlich ist dem nicht viel entgegenzusetzen, außer, dass diejenigen, die ihre Türen ohnehin schon geöffnet haben, vielleicht mit Hilfe solcher Bücher dazu gebracht werden können, weitere Türen ein Stück weit einzurennen. Denn Trojanows Buch ist Aufklärung im besten Sinne. Und leider alles andere als überflüssig.

Ufer

Ufer - isla volante
Ufer – isla volante

Damals, als mir langsam die Kontrolle über mein Leben zu entgleiten begann, als mir alles dermaßen über den Kopf wuchs, dass nicht einmal das Meer mich trösten konnte, dachte ich wieder häufiger an diesen Mann, der mir als Kind einen wohligen Schrecken eingejagt hatte, wenn er der Brandung entgegen lief und gegen das Rauschen der Wellen anschrie.

Er war gleichzeitig stark und schwach, er hasste und liebte das Meer, wollte, dass es ihn mitnahm, ohne dass er jemals das Ufer verlassen müsste.

Was mich wirklich tröstete, selbst heute noch, war die Tatsache, dass er dem Meer nicht gleichgültig war.

Horizont

Horizont
Horizont

Die Einsamkeit in der Landschaft finden, die einen geprägt hat, großgezogen und entstellt. Die engen Gassen mit den Häusern, Wand an Wand, kaum Platz zu atmen, geschweige denn, allein zu sein. Die Nähe zu den Wäldern, dem undurchdringlichen Dunkel, als wäre das ganze Leben ein Versteck, ein Labyrinth. Die Unberechenbarkeit des Meeres, seine Sanftmut, die plötzlich in Mordlust umschlägt. Diese Grenzenlosigkeit, wenn Wasser auf Himmel trifft und nicht mehr zu unterscheiden ist.

Treibgut

Ich weiß nicht, was das ist: Zeit und Verzweiflung.

 

Ich schwimme immer in der Mitte (ohne mich treiben zu lassen, aber auch ohne dem, was mich treibt, etwas entgegen zu setzen).

 

 

Es ist alles da. Die Bücher, die Stille, die Einsamkeit. Diejenigen, die viel besser sind als ich und es auch wissen, und diejenigen, die an mich glauben, denen ich aber nicht glauben kann.

 

 

Ich verschweige mich, und dann schluckt mich das Stillschweigen. Was von mir bleibt, ist Angst.