Selbstverständnis

Wie gut wir die Moral nach der unsere globalisierte Welt funktioniert, angenommen haben, zeigt vielleicht am besten unser Verhältnis zu unseren Kindern.
Da kann es nicht genug Förderung geben, Förderung vor dem Kindergarten, im Kindergarten, neben der Schule. Nichts ist zu teuer, kein Weg ist zu weit.
Aber was fördern wir eigentlich?
Wenn man es nüchtern betrachtet, doch in erster Linie die Tauglichkeit als funktionierendes Glied im Wirtschaftskreislauf.
Oder wer von uns kümmert sich um einen Kindergarten, in dem es auch behinderte Kinder gibt, um eine Schule in der Inklusion ernst genommen wird?
Ich kenne Fälle, in denen Erzieherinnen und Lehrern schon schüchterne Kinder, Kinder die in sich gekehrt und ruhig sind, zu viel an Herausforderung, an Abweichung vom „Normalfall“ sind.
Aufeinander zu achten, miteinander umzugehen, diese Förderung wird als selbstverständliches Nebenprodukt erwartet, wenn man Kinder zu funktionstüchtigen Konsumenten und Produzenten erzieht. Nur: was für ein Selbstverständnis ist das?

17 Gedanken zu “Selbstverständnis

  1. Ich glaube auch, dass der Korridor, wie Kinder zu sein haben, immer schmaler wird. Alles jenseits davon wird problematisiert und pathologisiert (Absatzmärkte für Psychopharmaka schaffen!) Allerdings glaube ich, dass es Menschen (nicht nur Kindern) mit abweichemdem/auffallenden Verhalten in früheren Jahrhunderten noch schlechter ging. Anspruch und Problembewußtsein an die Vielfalt des Lebens steigen, mithin auch die Aufmerksamkeit negativen „Begleiterscheinungen“ gegenüber. Dass Eltern ihre Kinder auf Tauglichkeit im Wirtschaftskreislauf trimmen, kann man ihnen nicht wirklich verübeln. (Schön natürlich, wenn Eltern „drüber“ stehen) Sie wollen das beste für Ihre Kinder und müssen den Druck, den die Gesellschaft ausübt, ja aushalten.

    1. ja siehst du, und genau das meine ich. wir stecken so drin in diesem kreislauf zu denken, zu werten, dass wir uns etwas anderes gar nicht vorstellen können, wir glauben nicht (mehr) daran, dass die kinder diejenigen sind, die es vielleicht einmal ganz anders und viel besser machen können und versuchen daher, ihnen das rüstzeug für so einen weg mitzugeben, sondern wir versuchen sie so auszustatten, dass sie den druck aushalten.

      1. Wie sähe das Rüstzeug aus für einen Weg, an dessen Ende die Kinder es später einmal anders machen würden? (Ich neige übrigens nicht dazu, von den Kindern später irgendetwas zu erwarten. Sie müssen ihren eigenen Weg gehen)

      2. das ist erst recht eine erwartung, es geht gar nicht ohne. und genau das meine ich eigentlich auch. das rüstzeug zu bekommen, eigene wege zu finden, statt nur die ausgelatschten wieder und wieder ablaufen zu müssen. für mich bedeutet das, dass sie erfahrungen machen dürfen, dass man sie nicht gleich absondert, von denen, die „es nicht weit bringen werden“, weil sie behindert sind, weil sie ausländer sind, weil ihre eltern arbeitslos sind, usw.

      3. Da gebe ich dir absolut recht. Die Separierung ist in unserem Lande schon durch das dreigliedrige Schulsystem festgeklopft. Und dadurch, dass die mit dem Bildungsauftrag versehenen Institutionen nicht genügend Mittel bekommen. Ein Staat, der die Mittel, die ihm zustehen, nicht mehr eintreiben kann, kann weder für Chancengleichheit sorgen noch ein Klima der Solidarität befördern. Die Kinder kriegen die Welt vorgesetzt, die Erwachsene machen, und brauchen maximale Unterstützung, um sich darin zurecht zu finden. Ob sie später etwas anders machen wollen, überlasse ich ihnen (so war das gemeint) Idealerweise begleitet man sie, anstatt sie zu erziehen (Alice Miller). Klappt nicht immer, meiner Erfahrung nach.

    2. Ich kann euch beide gut nachvollziehen, und beide habt ihr für mich auch Recht. Im Moment würde ich auch keine andere Wahl darin sehen, als meinen Kindern eben die Skills beizubringen, in diesem System klarzukommen. Wichtig wäre mir ein geschützter Rahmen des Freiseins, des Sichaustobendürfens. Bei mir lief das so ab, dass mein Papa uns / mir immer Märchen erzählte über Alternativ-Menschen mit einer alternativen Entscheidung, die sich aus denen der anderen hervorhob. Ich glaube, das ist durchaus möglich. Die päd. Institutionen da draußen für das Zurechtkommen zu nutzen, und den familiären Raum und die Freizeit für die „Erziehung“ des Freidenkens und Experimentierens.

      Das hört sich sicher ein wenig utopisch an, ich weiß ja, wie stressig unser Alltag ist, wie schnell und hastig heute Kinder in den Wagen gesetzt und zur Schule gefahren werden. Andererseits kann ich es verstehen, wenn man heute seine Kinder nicht mehr alleine zur Schule gehen lassen will. Das würde ich heute auch nicht mehr, wenn ich ehrlich bin. Für ein wenig Freiheit dieses Risiko eingehen …, dass meine Kinder entführt und … werden, das käme mir falscher vor als es nicht zu tun.

      Wir sind in einer Zwickmühle gefangen, teils gemacht von einem System, das wir nicht mögen, dem wir aber entsprechen müssen und dessen Werkzeuge wir weitergeben und teils in Ängsten aufgrund der Unberechenbarkeit der Umgebung.

      Schwierig. Wirklich schwierig …

      1. mir ging es mit diesen zeilen um erfahrungen, die kinder eben nicht in der familie machen können (meistens). nämlich darum, zu erfahren, wie unterschiedlich die menschen sind, dass es menschen gibt, die vielleicht nicht gehen können, aber dafür andere dinge haben, um menschen, die unsere sprache nicht so gut sprechen, aber etwas anderes sehr gut können. diese absonderung in menschen, die „überflüssig“ sind und die anderen, die es vielleicht schaffen können, die nehmen wir ja so hin, die wird doch seltenst hinterfragt, außer man gehört zu denjenigen, die ausgeschlossen werden. ich wollte mich mit diesem kleinem text fragen, ob wir uns damit einen gefallen tun, bzw. ob wir unsere kinder nicht möglicherweise um weit wertvollere erfahrungen bringen, als es das wissen für ein gutes abitur ist…

  2. Das ist ein Thema, über das ich auch schon oft nachgedacht habe. Kinder selbst lernen ja auch ohne die Eltern, so wie sie es wollen und können. Wenn Eltern so an ihrem Einzelkind kleben und zu allem was zu sagen haben, finde ich auch problematisch. Ich war mal in der Sauna, da hat eine Frau laut 2 Stunden über die Schule, in der ich unterrichtet habe, gesprochen. Es war so was von blöd. Meine Mutter hätte nicht für 5 Minuten was zu erzählen gehabt, weil sie alles nicht so genau wusste. Sie war nur sauer, wenn die Noten mies waren. Und über Mobben oder unkameradschaftlich sein habe ich mich schon oft aufgeregt. Vielleicht erzähle ich mal im Blog eine Geschichte dazu.

    1. stimmt, das ist auch eine seite, die ich problematisch finde, dieses „klammern“ der eltern, die tatsache, dass sie den kindern keine freiräume zugestehen (zugestehen können?), eigene erfahrungen zu machen. hier, wo wir jetzt seit vier jahren wohnen, geht es, da gibt es kinder auf der straße, die fußball spielen usw. aber wo wir davor gelebt haben, gab es keine kinder auf der straße, wenn kinder sich treffen wollten, mussten sie sich verabreden usw.

  3. darüber denke ich auch oft nach. in meiner stelle geht es ja darum, aus dem netz gefallenen menschen beim weg zurück in die gesellschaft zu helfen. natürlich nur wenn sie das angebot wollen. aber meine gefühle dabei sind dennoch sehr ambivalent: was ist denn „die gesellschaft“ überhaupt?
    auf kinder übertragen: fördern soll sein, dem, was im kind ist, zu optimalem wachstum zu verhelfen. finde ich.

    1. vor allem, wenn die löcher im netz immer größer werden und immer mehr offensichtlich dazu angelegt, menschen, die „überflüssig“ sind, dadurch fallen zu lassen.
      ich finde einfach, was kinder angeht, dass es nicht nur um talente und leistungen gehen kann und soll, sondern, dass es vielleicht viel wertvoller wäre, wenn kinder früh auf die unterschiedlichsten menschen treffen, in einer zeit, in der noch nicht so viele vorurteile sie verformen konnten, damit sie eine andere basis erhalten, und sich vielleicht einfach ganz anders entwickeln können, als wir. ich glaube an kinder als lehrmeister, als diejenigen, die es schaffen können, neue sichtweisen zu eröffnen und all das in frage zu stellen, was wir für selbstverständlich halten. dabei sollte man ihnen helfen.

      1. du schneidest genau das fehlende teil an. soziale kompetenzen werden heute – so meine meinung – sträflich vernachlässigt. nicht nur in der schule, sondern auch in vielen familien – oder vor allem. es wird vieles an die schulen delegiert. leider. früher war nicht alles besser, aber ich glaube (oder vielleicht bilde ich es mir ein) früher war die verantwortung füreinander viel natürlicher als heute.
        eine ergänzung zu meinem ersten kommentar: optimales wachstum heißt für mich definitiv nicht nur gaben und talente zu fördern, sondern mein das bereitstellen eines umfeldes, wo toleranz gelebt wird und wo menschliche diversität raum hat. das können kinder nicht von allein … sie lernen ja vor allem durch abschauen, weshalb eben vorleben so wichtig ist.

  4. Ich danke Dir sehr für Deine Gedanken zu diesem Thema, mit dem ich mich (nicht nur beruflich) sehr beschäftige. Ich habe vor allem während der letzten 2 Jahre sehr unterschiedliche Eindrücke zum Thema „Inklusion“ gewonnen. In der Grundschule eines kleines Dorfes in unserem Landkreis wurde in der 2. Klasse ein polnischer Schüler aufgenommen, der die deutsche Sprache kaum verstand. Die Lehrerin setzte nach Absprache mit den Eltern und den betreffenden Kindern die Klassenbeste neben ihn, in der Absicht, dass das Mädchen dem Jungen bei Aufgabenstellungen etc. helfen würde, ohne aber selbst zu wenig gefördert zu werden. Schließlich haben beide Kinder davon profitiert. Der Junge spricht inzwischen gut deutsch, er konnte nach der vierten Klasse zum Gymnasium wechseln. Das Mädchen war stolz auf ihr Engagement und hat einige Brocken polnisch gelernt. Ganz automatisch wurde der Junge auch zu Kindergeburtstagen eingeladen, weil dies das Mädchen, das neben ihm saß, vorgemacht hatte. Eine Art Integration.
    Im Großen läuft es aber mit der Inklusion sehr schleppend, was vor allem auch daran liegen mag, dass eine gute Absicht nur dann funktioniert und umsetzbar sind, wenn auch die Voraussetzungen rechtzeitig geschaffen sind. In etlichen Klassen, in denen jetzt auch Kinder sitzen, die früher in Förderschulen unterrichtet wurden, fehlt es einfach an Personal, das den Kindern gerecht werden kann.
    Ich halte es für etwas ganz wichtiges, dass “ … kinder früh auf die unterschiedlichsten menschen treffen, in einer zeit, in der noch nicht so viele vorurteile sie verformen konnten, damit sie eine andere basis erhalten, und sich vielleicht einfach ganz anders entwickeln können, als wir.“

    Danke Dir,
    mb

    1. Danke für Deinen Kommentar. Besonders für die Geschichte aus dem kleinen Dorf. Dass da so ein „Mut“ und eine Offenheit bestanden haben, es einfach zu versuchen, freut mich sehr. Und den „Mut“ habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil es im Grunde ein Unding ist, Mut zu brauchen, um so selbstverständliche Dinge zu tun. Aber genau da liegt unser Selbstverständnis eben im Argen.
      Du hast sicher Recht, dass es oftmals an Personal fehlt, aber leider fehlt es manchmal auch einfach an der Bereitschaft, sich einzulassen.

  5. Liebe Mützenfalterin,
    danke dir für diesen Artikel, der eine große Problematik anspricht, mit der wir zu leben haben bzw. der es gilt etwas dagegen zu setzen …Ich habe jetzt gerade wieder eine Runde mit Jugendlichen gearbeitet (zwischen 15 und 18 Jahren), was sie mir von ihrem Alltag erzählen, lässt mir die Haare zu Berge stehen … Ritalin ist nur eins in diesem Wahnsinn der Domeszierung von Menschen. Ja, sie fallen heraus aus dem Raster, die kleinen, zarten Jungs, die lebendigen Mädels etc., sie werden gemobbt, von Lehrerschaft und Eltern in zu enge Korsetts gepresst, allles nur, um später einen Beruf zu ergattern, wir wissen es, der Markt wird immer enger (grusel). Da wundere ich mich nicht mehr, dass es immer mehr junge Menschen gibt, die sich in ihrer Freizeit nur noch wegbeamen wollen und es auch tun. Was da allerdings an Problematik im Raum steht und zukünftig auf uns zukommt, lässt mich einmal mehr erschauern und meine Verantwortung umso deutlicher spüren …
    auf der anderen Seite stehen überforderte KindergärtnerInnen und LehrerInnen, sowie Eltern, die auch oft nur noch hilflos sind. Wir leben in einer Welt, in der nur wenig wirklich Erwachsene zu finden sind …

    herzliche Grüße
    Ulli (ich habe ´die Kommentare zuvor nicht gelesen)

    1. das gefällt mir aber sehr, was du da schreibst, ulli. vielleicht liegt da einer der schlüssel zu den ganzen problemen, die wir haben und nicht lösen können oder wollen. „Wir leben in einer Welt, in der nur wenig wirklich Erwachsene zu finden sind“. Also Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, nachzudenken, genauer hinzusehen, statt immer nur dem Lustprinzip nachzugehen und selbstbezogen in den Tag zu leben. Gefällt mir sehr gut als Denkanstoss.
      Und zum Thema Ritalin noch eine kleine Geschichte, als meine Kinder vier, fünf Jahre alt waren, waren wir in einem Park mit Springbrunnen. Ich saß auf der Bank, die Kinder liefen zwischen Wasser und mir hin und her. Da sprach mich ein Mann an und sagte mit mitleidig besorgter Minie: Oh, haben ihre Kinder ADS und kam schlecht zurecht mit meiner Antwort, dass sie nur ganz normale Kinder seien.

      1. Freut mich, dass ich einen Denkanstoß geben konnte, seitdem ich mich mit dem Erwachsensein begonnen habe zu beschäftigen, fallen mir umso mehr Jungen und Mädchen in Männer- und Frauenkörpern auf … es gibt viel zu tun! Der Trost … es gibt immer noch etwas in uns, was erwachsen werden will …
        deine Geschichte sagt es ja wirklich sehr treffend, wie heute mit Lebendigkeit umgegangen wird 😦

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