Ein Gedicht

Ein Gedicht, schreibt Ulla Hahn,

 

ist die Antwort auf eine Frage,

 

die sich der Dichter stellt.

 

Ich, keine Dichterin, würde die Antwort

 

in Zweifel ziehen.

 

Ich würde schreiben:

 

Ein Gedicht ist das

 

was passieren kann,

 

wenn sich der Dichter

 

einer Frage stellt.

 

Wenn er sich ins Abseits stellt

 

an den Rand,

 

um von dort den Marktplatz

 

wo Worte als Beruhigung und Bestätigung

 

feilgeboten werden, beobachtet.

 

Der nicht handelt,

 

nicht zugreift

 

und die weitreichendsten Worte

 

zum bestmöglichen Preis

 

(am besten en gros und mit Mengenrabatt)

 

ersteht.

 

Einer der abwartet,

 

die Worte aufliest,

 

die unbeachtet (ungeschätzt)

 

unter den Tisch fallen.

 

Sein einziger Wettbewerbsvorteil:

 

Geduld. Und der nicht nachlassende

 

Versuch, unvoreingenommen zu sein.

 

 

 

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24 Gedanken zu “Ein Gedicht

  1. deine definition gefällt mir ausgezeichnet. vielleicht zeichnet es den dichter und die schriftstellerin gerade aus, dass sie sich auch der unbeachteten wörter annehmen?

    einen schönen sonntag dir und viel unvoreingenommene geduld weiterhin!

    1. es zeichnet jeden aus, sich der unbeachteten wörter anzunehmen, oder? und jeder, der in irgendeiner weise mit sprache arbeitet, sollte immer sehr genau hinhören, was die sprache zu sagen hat. ilse aichinger hat so schön darüber geschrieben in meine sprache und ich.

  2. Ich stimme Dir ganz und gar zu. Und: Wer die Antworten auf seine Fragen gefunden zu haben glaubt, ist also noch lange kein Dichter. Eine rein deutsche Wortschöpfung übrigens.

    1. ich glaube sogar ganz im gegenteil, dass es viel mehr aufgabe der „dichter“ ist, zweifel zu säen, fragen zu stellen, antworten in frage zu stellen. für einfache lösungen und antworten haben wir die politik (wie geht das zeichen für einen gequälten gesichtsausdruck?).
      Ich habe gerade in meinem etymiologischen wörterbuch nachgelesen, dichter habe sich im 12. jhd. als übersetzung von poet durchgesetzt. das mit der rein deutschen wortschöpfung würde mich interessieren…

      1. Das mit der rein deutschen Wortschöpfung entnahm ich dem Wikipedia-Artikel zum Begriff des Dichters. Aber ich glaube, ich habe mich zu umständlich ausgedrückt: Ich war eigentlich nicht einverstanden mit Deiner Abstufung, wenn es denn überhaupt als solche gemeint war, nämlich des Dichters auf der einen Seite und Du oder Dein lyrisches Ich auf der anderen als keine Dichterin. In diesem Fall würde ich das Dichten gerne wörtlich nehmen, so wie die Wildgans: Du bist eine Meisterin der sprachlichen Verdichtung! Abgesehen davon halte ich den Begriff, so wie er laut Wikipedia immer verstanden wurde, eigentlich für überholt. Ich bin mir nicht sicher, ob es heutzutage diese Art Dichter überhaupt noch gibt. Martin Walser wurde in einer Lesung einmal als der „Dichter Martin Walser“ vorgestellt. Mich hätte interessiert, wie Walser das empfunden haben mochte: als Schmeichelei oder schwere Bürde oder angemessen? Allerdings, wie ich ihn erlebt habe, hat er sich im Stillen darüber lustig gemacht..;-)

      2. Ja diese Unterscheidung ist vielleicht nicht richtig. Vielleicht gibt es tatsächlich nur die Unterscheidung zwischen denen, die Sprache lieben und denen für die sie lediglich etwas ist, das man benötigt, damit bestimmte Dinge funktionieren. Allerdings erlebe ich es immer wieder und an den unterschiedlichsten Orten, dass sich Dichter für etwas anderes, besonderes, halten, das sie eine gewisse Überheblichkeit an den Tag legen, gegenüber denen, die „nur“ Prosa schreiben (verständlich vielleicht aus der Randposition in der sie traditionell schon lange stehen in diesem Land. Ganz anders als z.B. in Rußland, wo paradiesische Zustände geherrscht haben müssen, wenn sich Sporthallen füllen ließen, wenn ein Dichter las). In diesem Gedicht war der Anlass einfach eine Irritation, dass eine Ulla Hahn, die sich sehrwohl für eine Dichterin hält, eben eine klare Definition des Gedichtes ausstellt, die mir widerstrebte. Vielen Dank für Deine Aufklärung 😉

  3. Manche Gedichte – und auch solche liebe, lese und schreibe ich – sind Beobachtungen, schauen der Welt, der Pflanze, dem Menschen einfach nur zu, Marktplatz oder Buchenwald, Wolkenzug oder Meer.

    Wenn ich es so bedenke, könnte ich sie auch sehen als Antwort auf die Frage: Was ist Leben?

    Unvoreingenommen sein, ein hehres Ziel. Für mich schwer erreichbar oder nie.

    Sonntagsgrüße
    Bess

    1. unvoreingenommen, liebe bess,meint ja nur, mit möglichst allen sinnen hinsehen, ohne gleich einzuordnen und zu klassifizieren, sich hingeben, so ungefähr würde ich es verstanden wissen wollen. und natürlich bleibt das immer eine herausforderung, die einmal mehr und einmal weniger gut bewältigt werden kann. so ähnlich wie das leben selbst, nicht wahr?

  4. Alexander Puschkin

    Der Dichter

    Muthtos in sich zusammenbricht,
    Von eitlem Erdentand bemeistert,
    Der Dichter, wenn die Muse nicht
    Zu ihrem Dienste ihn begeistert.
    Sein heilig Saitenspiel verstummt,
    Sein eignes Wesen geht verloren,
    Und gar in Thorheit ganz vermummt
    Scheint er der Schlimmste aller Thoren.
    Kaum aber mahnend trifft sein Ohr
    Der Muse Ruf, der wunderbare,
    Da rafft er sich zum Flug empor
    Gleich einem aufgescheuchten Aare.
    Das wüste Treiben imd Ergötzen
    Der Menge läßt ihn kalt undleer,
    Und vor des Volkes feilen Götzen
    Beugt er sein stolzes Haupt nicht mehr.
    Ihm schwillt die Brust von Weh und Klang,
    Es treibt ihn fort in macht’gem Drang,
    Des dunklen Eichenwaldes Rauschen,
    Des Stromes Wellgetos zu lauschen.

    Aus dem Russischen von
    Friedrich Martin Bodenstedt

  5. „Ein Gedicht ist das, was passieren kann, wenn sich der Dichter .. ins Abseits stellt“
    Das sind m.E. sehr gelungene Antworten auf eine alte Frage, wobei es meiner mMinung nach enorm wichtig ist, abseits zu stehen – sonst kann man das Bild nicht erfassen. Abseits stehen – und sich mit den Worten wieder hineinzuarbeiten, klarsichtig, ganz in die Mitte!

      1. Der Dichter steht aber nicht immer im Abseits, grautaltion zum Sieg gegen Braunschweig und lesen Sie Andrej Bely Kotik Letajew…

        bei dem Buch fehlen einem so ziemlich alle Worte unglaublich sag ich nur

  6. Ryokan :
    Wer sagt, meine Gedichte seien Gedichte?/ Meine Gedichte sind nichts Erdichtetes./ Wenn du wirklich verstehst, dass meine Gedichte keine Gedichte sind,/ dann können wir / gemeinsam / die wunschlose Freude / am Leben und der Natur teilen.

      1. Natürlich steht der Kommerz in unserer Zeit immer an den ersten zehn Stellen (lach) bei google. Mein Steckenpferdchen sind ZEN – Meister und ihre Kunst, dazu gehören unter anderem Gedichte und das Spiel der Shakuhatchi. Wenn Sie/Du diesen Text nicht findest, grabe ich gern in meinen Büchern. Leider weiß ich den Titel nicht mehr. Es sind Aussprüche von Rumi, KO Un, Ryokan….
        LG Hanna

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