Von Pressefreiheit, Wahrheit und anderen Fallstricken

Es ist schon eine Weile her, dass Sherry ihren Artikel über den türkischen Aufstand, veröffentlicht hat, und sich eine Diskussion entspann, der ich mich zeitlich und intelektuell nicht ganz gewachsen fühlte. Aber das Thema ließ mich nicht los. Etwas stimmt nicht mit der Berichterstattung in unseren Medien, ich kann nicht beurteilen, wie es in anderen Ländern ist, aber ich bin mir sicher, wir erfahren nicht so viel, nicht so vorurteilsfrei über gewisse Geschehnisse, wie es einer demokratischen und vielfältigen,  keiner Zensur unterliegenden, Presse- und Medienlandschaft zustände. Aber vielleicht, dachte ich mir, als ich im Krankenhaus wieder viel Zeit zum Nachdenken hatte, gibt es auch eine andere Art von Zensur. Vielleicht findet das alles viel subtiler statt und wir selbst tragen viel mehr zu der Verwirrung bei, als wir wollen und wahrhaben wollen.

Investigativer Journalismus ist ja nicht nur eine Sache von politischer Überzeugung, sondern durchaus auch eine Kostenfrage. Und eine Zeitfrage. Das heißt diese Art Journalismus reagiert (scheinbar) langsamer als die Schlagzeilen auf Spiegel online und Bild und dieser Journalismus kostet Geld, während die Unternehmen zunehmend im Netz werben und immer weniger Zeitungen verkauft werden, also beide Einnahmequellen der traditionellen Printmedien gleichzeitig wegbrechen.

Aber auch damit ist die Frage nicht hinreichend beantwortet. Selbst wenn viele Quellen eingeholt werden, Zitate von beiden Seiten berücksichtigt und geprüft werden, wenn jede Aussage nochmals überprüft und angezweifelt wird, bleibt da doch die Frage, wie viel man eigentlich verstehen kann von einer anderen Kultur. Wie sehr die eigene Perspektive, die eigene Verwurzelung in der Gesellschaft den Blick einschränkt und wie weit man sich das überhaupt bewusst machen kann.

Und nichts scheint hinderlicher, widersprüchlicher, als der kaum hinterfragte Glaube daran, dass es so etwas wie „Wahrheit“ gibt. Es gibt Fakten und Widersprüchlichkeiten. Es gibt Wirklichkeiten, die im selben Land absolut gegensätzlich sein können. Es gibt im besten Fall den Mut diese Widersprüchlichkeiten auszuhalten und darzustellen, Zweifel zu säen, statt Antworten und Wahrheiten anzubieten, die es jenseits ideologischer Verblendung nicht gibt und nicht geben kann.

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20 Gedanken zu “Von Pressefreiheit, Wahrheit und anderen Fallstricken

  1. liebe e, du sprichst mir hier sehr aus dem herzen. vielleicht ist das, was du schreibst, mit ein grund, warum ich kaum zeitungen lese? wenn ich über ein bestimmtes thema etwas lesen will und es via suchmaschine finde, steht in jedem artikel praktisch das gleiche. journalismus heute ist das copy-pasten von pressemitteilungen und dazu vielleicht noch ein paar zeilen „eigenes“, mainstream-konformes. vor allem in der tagespresse. wochenzeitungen sind da schon ein wenig differenzierter.
    wie auch immer, ich hoffe, dass wir trotzdem neugierig bleiben und hinter die fassaden schauen wollen. selbst wenn alles immer nur ein ausschnitt ist. es braucht mut, kritisch zu bleiben.
    danke!

    1. Liebe Sofasophia, was erwartest du von einem Journalismus, der nichts kostet? Für z. B. 2 Euro 30 kannst du an jedem Kiosk die Süddeutsche Zeitung kaufen und recht gut recherchierte Beiträge lesen. Viele Grüße vom Dilettanten!

    2. liebe soso, ich denke schon, dass anspruchsvolle zeitungen mehr sind als suchmaschinen ergebnisse. also in dem punkt würde ich dem diletanttanten durchaus zustimmen, gut recherchierte (und gut geschriebene) artikel sind einfach geld wert. genau das war eigentlich der punkt, an dem ich unsere mitverantwortung sehe. natürllich ist es viel bequemer und vor allem billiger, sich via suchmaschine zu informieren, und wenn man dann auch noch analogieschlüsse zieht, dass das was dort im netz steht ja wohl das gleiche ist, das ich in der zeitung lesen kann, dann verzichte ich darauf mir eine solche zu kaufen. ich glaube es ist nicht einmal so sehr die möglichkeit sich virtuell informieren zu können, sondern diese „geiz ist geil“ mentalität, die uns da zu mitvernichtern eines wertvollen journalismus macht. andererseits ist es unglaublich ärgerlich, wenn man sich ansieht, was die öffentlichen sender für die gebühren bieten, dass auch hier nach quoten statt nach qualität geschielt wird.
      danke jedenfalls für deine meinung.

  2. Ein bekannter Blogger schrieb einmal, dass Wahrheit für diejenigen relevant sei, denen Verbindlichkeit etwas bedeutet: Können wir ohne Verbindlichkeit? Wollen wir? Alle anderen Fragen sind sekundär, also inwieweit wir „das Wahre“ (also: die Übereinstimmung von Behauptung und Sachverhalt oder Theorie und Wirklichkeit, bzw. die Wirklichkeit oder den Sachverhalt) erkennen können, kommunizieren, darüber übereinkommen, usf.

    1. natürlich können und wollen wir nicht ohne verbindlichkeiten. die frage ist aber doch eine andere, wie weit reichen diese verbindlichkeiten, welche spielräume lassen sie zu und wann ist es an der zeit verbindlichkeiten zu überdenken und zu revidieren.

      1. Hm, tatsächlich? Immerhin schreibst Du oben: Und nichts scheint hinderlicher, widersprüchlicher, als der kaum hinterfragte Glaube daran, dass es so etwas wie “Wahrheit” gibt. Und: […] statt Antworten und Wahrheiten anzubieten, die es jenseits ideologischer Verblendung nicht gibt und nicht geben kann.

      2. weil wahrheit das absolutsetzen der konventionen ist, weil ein begriff wie wahrheit keine freiräume vorsieht. etwas ist wahr oder falsch. das ist absolute verbindlichkeit, nicht die offenheit von der ich gesprochen habe.

      3. Wir haben gelernt den Begriff Wahrheit zu kritisieren, was zweifellos richtig und wichtig ist, aber wollen und sollen wir ihn verwerfen? Selbst wenn er, im Sinne notwendiger Verbindlichtkeit, eine Konstruktion ist, (womlglich eine, ohne die er nicht geht). Passen denn Offenheit, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit nicht zusammen?

        Wir sollten uns klarmachen worüber wir sprechen, welchen Begriff von Wahrheit wir verwenden: Du schreibst: Und nichts scheint hinderlicher, widersprüchlicher, als der kaum hinterfragte Glaube daran, dass es so etwas wie “Wahrheit” gibt. Es gibt Fakten und Widersprüchlichkeiten. Ist Dir klar was ein Faktum zum Faktum macht? Die Überprüfung ob es wahr ist, ob die Aussage und der Sachverhalt übereinstimmen: Mit Faktum meinen wir, dass etwas gegeben, verbindlich, überprüft, unverrückbar, eben: wahr ist.

        [Wahrheit hat m.E. mit Konventionen nichts zu tun, es sei denn man meint, dass das woran man sich gewöhnt und was man „eben tut“ wahr werden könnte. — Vielleicht noch und irgendwie im Sinn von Bewährung.]

      4. Natürlich können wir uns auch über Wahrheit unterhalten, aber in meinem Beitrag ging es mir um etwas anderes. Vielleicht ist das ja nicht deutlich geworden. Also reden wir über Offenheit, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit. Was Du als „Faktum“ definierst, gibt es meiner Meinung nach bei politischer Berichterstattung nicht. Fakt wäre, dass 300 Leute verhaftet wurden, 200 verletzt, dass Präsident Mursi abgesetzt worden ist. Das sind aber Aussagen, die ich erstens nicht überprüfen kann, und mit denen ich zweitens erst einmal wenig anfangen kann, ich will etwas über das warum wissen und da fängt es notwendigerweise an subjektiv zu werden, da gibt es Wirklichkeiten aber keine allgemein gültige, für alle verbindliche Wahrheit.

      5. Worum ging es denn? Wenn etwas in den Medien nicht stimmt, so trägt dies Behauptung oder Vermutung doch auch einen Anspruch, eine Verbindlichkeit in sich. Oder nicht? Und falls nicht, warum wird sie dann geäußert?

        Wahrheit bedeutet keine allgemeine Verbindlichkeit, sondern einen Geltungsraum, der umfassend sein oder auch nur eine Person, Angelegenheit oder Sache betreffen kann. (Die Unmöglichkeit selbst etwas zu prüfen oder das Angewiesensein auf Vermittlung sind etwas anderes als die Nichtexistenz von Wahrheit oder reiner Subjektivität und es könnte trotzdem sinnvoll sein Verbindlichkeit anzustreben, auch wenn sie nicht [restlos] erreicht werden kann — tun wir nicht gerade etwas Ähnliches?).

  3. Es geht mir selbst oft so, dass ich durch eine Brille gesehen etwas schief sehe. Es halt in meiner Art beurteile. Das ist aber was anderes, als wenn ich ganz bewusst auf Geheiß die Wirklichkeit verbiege. Ich denke den Verbiegern ist das oft gar nicht mehr bewusst ist. Schlimm wird es, wenn die Leute, die mit Drohnen zu tun haben, auf Grund von falschen Informationen handeln.

    1. auch das ist ein wichtiger aspekt, politische verbindlichkeiten, zugehörigkeiten und eben das, was ich mit dem kursiv gesetzten können gemeint habe, dass der einzelne, leser so wenig wie schreiber, häufig gar nicht realisiert, wie sehr die sicht beschränkt ist, es würde schon helfen dann einfach ich zu sagen, um eine diskussion, ein hinterfragen zuzulassen.

  4. Ich danke dir, liebe Elke, für deine Gedanken. Ich hoffe, dass es dir gut geht, es stimmt mich etwas traurig, dass du im Krankenhaus warst. Möge es das letzte Mal gewesen sein (sagt man bei uns), oder man sagt auch „Möge es das nächste Mal wegen guter Dinge sein“ (Also Geburt eines Kindes oder die des eigenen Kindes).

    Ich komme gerade aus dieser furchtbare Neuro-Klausur und bin eigentlich nicht dazu in der Lage, klar zu denken, aber ich möchte etwas dazu schreiben. Ich habe ein wenig bei euch rumgelesen, und ich denke, dass es durchaus verständlich ist, wenn man kein Geld mehr für Zeitungen ausgeben möchte. Für mich ist das eine Reaktion und nicht die Ursache für schlechten Journalismus. Ich habe auch schon bei der Sueddeutschen schlechte Artikel gelesen, wenn auch viel seltener so dermaßen Schlechte, das gebe ich zu, aber sie gab es. Und die Perspektiven auf Wahrheit – die eine Seite, die Wahrheit als etwas absolut Relatives sieht und die andere, die sie als Fakt per se ansieht – die widerstreben mir beide, wobei mir das absolute Relativieren von Wahrheit doch eher den Magen umdreht, weil sie zumindest von der Mehrheit der klugen Köpfe ausgeht und dementsprechend von den einzigen Wesen, die vielleicht gegen einen Umstand (gegen eine kulturell abstruse Wahrheit z.B. – klitorale Beschneidung, Steinigung, Hände abhacken bei Diebstahl oder Gefängnisstrafe, wenn man als Frau vergewaltigt worden ist, gegen Frau Merkels Untätigkeit, gegen die rechte Szene, gegen die Salafisten hier mitten in Deutschland, gegen Integrationsprobleme etc.) vorgehen könnten.

    Ich habe oft genug diese Vorsicht angeprangert – die sonst durchaus Vorteile hat und sogar sehr wichtig ist; das weiß ich – von der wir aber im Moment so überströmt sind, dass wir gar nicht mehr dazu kommen, in eine Richtung zu einem Schluss zu denken, zu einer echten Konsequenz zu kommen, die wir benennen können, uns für eine Handlung, ja eine Position zu entscheiden; sondern ständig nur kreisen und eiern und darüber debattieren, was nun z.B. guter Journalismus ist oder ob Religion gut oder schlecht ist und ob es besser ist, passiv zu beobachten, als zu agieren, aber dann doch Fehler zu machen, ob wirkliche jede Tradition einfach hinnehmbar sein sollte und wenn nicht, ob man dann ein Nazi sei. Nicht falsch verstehen, bis zu einem gewissen Maße ist das wichtig, aber wenn all das Fragen und Debattieren beginnt, zum Selbstzweck zu werden, dann sehe ich ein Problem. Diese Vorsicht, die macht uns überheblich, auch wenn wir meinen, wir wären mit ihr auf der sicheren Seite. Diese Angst, einen Hauptsatz ohne Nebensatz stehen zu lassen (von der ich selbst befallen bin, weil ich nun einmal Halbdeutsche bin) und sich direkt danach so wohl zu fühlen mit sich und seiner weltoffenen Sicht, dass es gar nicht mehr zum Punkt kommen muss, was man denkt und nicht zu Ende denkt, das lähmt unsere Gesellschaft, das macht uns untätig, das lässt uns zu Zuschauern einer Pseudo-Demokratie werden, die einfach „machen lassen“, aber nicht mehr wissen, was man überhaupt selbst wollte. Wissen wir das überhaupt noch? Diese Sattheit und die negative Konnotation jedem Menschen gegenüber, der reaktionär ist, den Pathos den wir erwürgen, weil er nichts weiter als Kitsch ist (und gefährlich) und am Ende die Wahrheit, die wir quasi wegsubtrahieren, weil alles ja relativ ist (wäre das so, wäre für mich die Birne eine Kettensäge, während sie für einen anderen ein Vogel ist, vergesst das nicht!) – das sind alles Punkte, die uns zu diesen Lemmingen machen, die wir sind, zu Zuschauern bei einem Spiel der Großen, die für ihre Gunsten unsere Mündigkeit nehmen, ohne dass wir es merken, weil wir sie uns selber nehmen, indem wir versuchen, anständige Bürger zu sein. Über all das würde ich so gerne schreiben, aber ich komme heute nicht mehr zum Punkt. (Weil ich so müde bin. Und jetzt habe ich ja doch viel geschrieben.)

    Ich glaube, dass es die Wahrheit gibt. (Kein Nebensatz).

    Ich weiß, dass viele von uns sagen „Nein, es gibt keine Wahrheit, es gibt soviele Wahrheiten wie Menschen“, aber das widerspricht sich für mich nicht. Es gibt eine Wahrheit, doch es gibt viele Interpretationen dieser – und nicht etwa viele Wahrheiten. Um auf das Thema Fakt zu kommen: Wenn wir einen Gegenstand beobachten und sehen, wie er auf irgendeinen Reiz oder einen Einfluss reagiert, dann wissen wir: Objekt x reagiert auf Reiz y —-> zu So und So. Dann ist das ein Fakt, die Wahrheit ist zwar größer und wir können nicht sagen, wie diese Reaktion im universalen Geflecht zusammen liegt, aber es geht nur um diesen Fakt und um die „Interpretation“ dieses Faktums. Und bei Interpretation fangen die Probleme schon an. Aber ist wirklich die Interpretation und die Vielseitigkeit der Perspektiven unser Problem, wenn wir über Berichterstattung reden? Nein, das glaube ich nicht, denn das hier wäre keine Willkür, aber die Berichterstattung, die hat eine Tendenz, die nicht nur kulturell bedingt ist, sondern schlicht und ergreifend politisch und finanziell motiviert.

    Das, was in vielen klassischen und modernen Medien geschieht, das ist keine andere Perspektive, sondern es handelt sich um Lüge und Zurückhalten von Informationen, um bewusste Verzerrungen. Es handelt darüber, dass man ein und die selbe Quelle je nach Thema und Agenda nutzt oder nicht nutzt. Es geht um eine ganz bewusste Selektivität und es geht um die ganz bewusste Salient-Haltung von Inhalten, die uns interessieren sollen oder nicht. Ich erlebe die Ignoranz gegenüber der politischen Lage meiner Heimat seit ich denken kann. Ich erlebe, wie heute noch immer ein scheiß Kommunist namens Bahman Nirumand, der mit Meinhoff zusammen Wein trank und Bomben legen wollte für das „Gute“ (und gegen den Shah), der Lügen erzählte und seinen Lebenslauf nur mit dem Stift um einen Dr. Titel bereicherte, als Iranexperte herangezogen wird, anstatt dass man ihm mal sagt, er möge bitte den Mund halten, weil er damals schon gelogen hat und es heute noch immer tut; und dass man nun echte Experten heranziehen möchte. Ich sehe, dass immer nur die Islamexperten eingeladen werden, die islamophil sind und selten ein kritisches Wort verlieren. Und die, die ein kritisches Wort verlieren, sind entweder Zionisten oder Nazis (Interessant, die beiden in einem Satz zu nennen). Ich sehe, dass man inzwischen bei einer Kunstausstellung an der Uni als kopfduchbedeckte Muslimin einfach ein Bild runterreißen kann aus Wut über verletzte religiöse Gefühle, dass die ganze Ausstellung sofort abgebrochen wird, damit die Situation nicht eskaliert (schlechtes Gewissen + Angst gepaart, warum nur?) – und dass gerade nur die billigsten Schreiblätter überhaupt etwas Kritisches dagegen sagen, weil Zeitungen „höherem Niveau“ unbedingt politisch korrekt bleiben müssen. Ich sehe sovieles und bekomme einen wirklich dicken Hals; und deshalb müssen wir gar nicht einmal darüber reden, dass es vielleicht für uns alle verschiedene Perspektiven gibt, wir müssen vielleicht nicht einmal über Wahrheit reden, sondern wir sollten einfach mal im Zusammenhang mit diesem Thema über die Lüge reden.

    Ich glaube, dass gelogen wird. (Ohne Nebensatz).

    1. Ich glaube, da hast du mich schon richtig verstanden, dass ich nicht diesen Schlusspunkt (für immer) suche und auch nicht die einfache Wahrheit, weil ich sie für unerreichbar halte; sondern einen Standpunkt, von dem aus wir Dinge betrachten können, ohne dass uns das im Handeln und im Einsatz absolut hemmt. Ich sehe die Gefahr bei den Intellektuellen hier, dass diese Position fehlt, sogar bei Themen, bei denen man weniger zu diskutieren bräuchte, hätte man sich, statt nur auf abstrakter Ebene darüber zu reden, wirklich in das Thema begeben, und zwar ganz physisch in die Situation selbst. Bei uns im Land ging die Kraft immer erst von den Intellektuellen aus, sie haben eine Debatte gebahnt, und dann setzte sich das Volk in Gang. Hier scheinen die Intellektuellen aber nur für sich selbst zu existieren, sie haben ihre Kreise und ihre Bücher; sie reden den ganzen Tag über sie, und sie halten sich an Begriffen auf, die den normalen Mann da draußen mit seinen Probleme einfach nicht interessieren. Ich sage auch nicht, dass man dieses – nennen wir’s jetzt einmal – differenzierte Vorgehen ganz aufgeben sollte. Aber die Balance fehlt absolut, wir – die „Denker“ – hemmen noch mehr, als dass wir Möglichkeiten eröffnen, indem wir jede Defition ablehnen, aber darauf pochen, ein Problem sei nur lösbar, wenn es diese Definition (ein gemeinsames Fundament) gebe.

      Und gerade bei dem Thema ist es für mich wichtig, über die Lüge zu reden. Denn das Problem hier ist für mich nicht, dass wir alle nun einmal ungewollt verschiedene Wahrnehmungstendenzen haben (das wäre keine Absicht), sondern dass hier bewusst etwas verzerrt wird (also absichtlich). Ich bin doch keinem Kolumnisten böse, wenn er seine Sicht der Dinge anhand von faktisch benennbaren Ereignissen schreibt. Aber ich werde „böse“, wenn dieses Ereignis als nicht-existent hingestellt wird.

  5. Ja. vielleicht müssten wir über die Lüge reden. Und wenn wir sagen, dass es die Lüge gibt, müssen wir zugeben, dass es Wahrheit gibt. Trotzdem halte ich an meinem Satz fest. Vielleicht ist Wahrheit nicht das richtige Wort gewesen, vielleicht meine ich damit Antworten. Jedenfalls alles was aussieht, als wäre es ein Schlusspunkt. Ein Ende der Debatte. Über Beschneidungen, über sehr frauenverachtende Praktiken gewisser Staaten gibt es nicht viel zu diskutieren und doch denke ich genau das ist notwendig. Und zwar gerade auf eine politisch nicht korrekte Weise, indem wir uns gestatten, Unverständnis auszusprechen und von einem Ethos zu reden, das wir für richtiger halten, als uns fremde Gebräuche.
    Mir ging es ja tatsächlich darum, dass ich glaube an dieser politischen und finanziellen Motivierung der Medien von der Du sprichst, die diese Gedanken überhaupt erst ausgelöst haben, sind wir nicht unschuldig. Und ich bin nach wie vor nicht ganz überzeugt, dass zuerst der schlechte Journalismus da war und dann die Verweigerung dafür zu zahlen, ihm einfach den Hintergrund, die Basis zu ermöglichen, die er benötigt. Ich weiß aber nicht, wo die Ursachen liegen und ich bezweifle, dass es eindeutige und einfache Ursachen gibt, das wäre so eine Wahrheit, die ich für eine Lüge halten würde.
    Was die Vorsicht angeht, wenn es darum geht, Urteile zu fällen und sie als Wahrheit zu verkaufen, habe ich gerade gestern einen sehr sehr guten Film gesehen; die Jagd von Tomas Vinterberg. Das ist vielleicht schon wieder ein anderes Thema, aber ich glaube das muss man einfach aushalten in einer Demokratie, dass es eben kein einfaches richtig und falsch, wahr und gelogen gibt, sondern einen Rahmen in dem ständige Auseinandersetzung notwendig ist, aber natürlich auch Dinge, die über diesen Rahmen hinaus gehen, wo gehandelt werden muss. Du hast in einer Deiner Antworten bei Dir drüben geschrieben, diese Zweifel, die Unsicherheit und die Schwammigkeit der Berichterstattung lähmen, die Gefahr sehe ich auch, aber kann der Ausweg wirklich darin bestehen, dass man nach einfachen Wahrheiten schreit? Ich weiß, dass Du das nicht tust und auch nicht willst. Ja, vielleicht geht die Lösung in diese Richtung, dass man über Lügen nachdenkt, Warum wird gelogen, von wem und mit welcher Wirkung. Aber ganz ehrlich, ist das nicht genau diesselbe Debatte unter einem umgekehrten Vorzeichen?
    Aber vielleicht sollte ich mir einmal die Zeit und den Mut nehmen, öffentlich darüber nachzudenken, warum hier niemand etwas gegen den Islam und gegen Israel sagen darf. Denn diese Schizophrenie sehe ich genau so, wie Du sie beschreibst, wenn gleich mit weniger großen Hintergrund.

    1. Ich hab‘ meine Antwort leider in den falschen Editor gepostet, hier nochmal (die Erste kannst du löschen):

      Ich glaube, da hast du mich schon richtig verstanden, dass ich nicht diesen Schlusspunkt (für immer) suche und auch nicht die einfache Wahrheit, weil ich sie für unerreichbar halte; sondern einen Standpunkt, von dem aus wir Dinge betrachten können, ohne dass uns das im Handeln und im Einsatz absolut hemmt. Ich sehe die Gefahr bei den Intellektuellen hier, dass diese Position fehlt, sogar bei Themen, bei denen man weniger zu diskutieren bräuchte, hätte man sich, statt nur auf abstrakter Ebene darüber zu reden, wirklich in das Thema begeben, und zwar ganz physisch in die Situation selbst. Bei uns im Land ging die Kraft immer erst von den Intellektuellen aus, sie haben eine Debatte gebahnt, und dann setzte sich das Volk in Gang. Hier scheinen die Intellektuellen aber nur für sich selbst zu existieren, sie haben ihre Kreise und ihre Bücher; sie reden den ganzen Tag über sie, und sie halten sich an Begriffen auf, die den normalen Mann da draußen mit seinen Probleme einfach nicht interessieren. Ich sage auch nicht, dass man dieses – nennen wir’s jetzt einmal – differenzierte Vorgehen ganz aufgeben sollte. Aber die Balance fehlt absolut, wir – die “Denker” – hemmen noch mehr, als dass wir Möglichkeiten eröffnen, indem wir jede Defition ablehnen, aber darauf pochen, ein Problem sei nur lösbar, wenn es diese Definition (ein gemeinsames Fundament) gebe.

      Und gerade bei dem Thema ist es für mich wichtig, über die Lüge zu reden. Denn das Problem hier ist für mich nicht, dass wir alle nun einmal ungewollt verschiedene Wahrnehmungstendenzen haben (das wäre keine Absicht), sondern dass hier bewusst etwas verzerrt wird (also absichtlich). Ich bin doch keinem Kolumnisten böse, wenn er seine Sicht der Dinge anhand von faktisch benennbaren Ereignissen schreibt. Aber ich werde “böse”, wenn dieses Ereignis als nicht-existent hingestellt wird.

      1. Du hast Recht, Sherry, und jetzt endlich habe ich es scheinbar begriffen. Der Standpunkt von dem aus man wirklich agieren kann, ja den suche ich auch, den finde ich auch immens wichtig und der ist mir sehr viel lieber als so große Worte wie Wahrheit. So ein Standpunkt, den man vertritt, der einen handlungsfähig macht, der aber nicht so feststeht, dass er mein Denken unbeweglich macht.
        Und auch was Du mit Lüge meinst, beginne ich jetzt zu verstehen. Wieder einmal muss ich Danke sagen für Deine Geduld.

      2. Liebe Sherry, ich bin sehr beeindruckt von dem, was du hier schreibst. Ich nehme Wut und Leidenschaft wahr. Gegen intellektuellen Relativismus und gegen journalistische Manipulation. Und ich stimme zu: beides gibt es bei uns. Zum Thema verspielter, alles relativierender Intellektualität kam mir ein Satz von Brecht in den Sinn: „Bei den Hochgestellten gilbt das Reden vom Essen als niedrig. Das kommt: sie haben schon gegessen.“ Das lässt sich auch unter dem Vorzeichen: was ist Wahrheit? lesen. Was den Druck zum politisch Korrekten anbelangt, so gebe ich zu bedenken, dass hier eine sich als plural verstehende Gesellschaft an ihre Grenzen stößt. Es gibt eine freie Presse, es gibt engangierten Journalismus, es gibt integre Journalisten, aber sie sind auch nur Teil eines Systems, das vielen Zwängen unterworfen ist. Wirtschaftlichen, Unternehmerischen usw. Einen Journalismus als 1:1-Sprachrohr aller Unterdrückten dieser Welt wird es nicht geben. Ich verstehe den Luxus, in einer pluralen, weitgehend freiheitlichen Gesellschaft leben zu können auch so, dass ich die Möglichkeit habe, mich verschiedenster Kanäle zu bedienen, ohne gleich Gefahr zu laufen, ins Visier staatlicher Organe zu geraten (ok, die totale Datenerfassung kommt ja jetzt, da müssen wir natürlich sehen, was das in Zukunft bedeutet…) Ich weiß auch nicht, ob schlechter Journalismus eine Folge der Internetgesellschaft ist. Ich weiß aber, dass gute Jounalisten von ihrer Arbeit leben müssen. Die „Alles-umsonst-Kultur“ des Internets setzt der Qualität einfach in vielen Bereichen die Daumenschrauben an. Da bleibt dann nicht mehr viel Spielraum. Viele Grüße vom Dilettanten (und Dank an Mützenfalterin für die immer spannenden Themen)

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