Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht

 

Das erste, was ich von ihr gelesen habe, war 2009 „Korrespondenz mit Kappus“ in der Manuskripte. Das genügte. Da war eine Stimme, die sich nicht im Rhythmus erschöpfte, sondern etwas zu sagen hatte. Etwas, das ich ganz sicher nicht verstand (schließlich habe ich mein Land und meine Sprache nie verlassen), was mich aber nicht nur neugierig machte, sondern regelrecht ergriff.

 

 

Wenig später hatte ich „Gefangen im Licht“ von Tzveta Sofronieva in der Hand, den ersten Gedichtband in bulgarischer und deutscher Sprache.

 

Listen carefully to her. She has something to say“, wird Joseph Brodsky auf dem Buchrücken zitiert. Seine Masterclass besuchte Sofronieva 1992.

 

 

Die Gedichte aus denen „Gefangen im Licht“ besteht, sind traurige Gedichte, die von der Sprachlosigkeit erzählen, von der „Gefangenschaft im Licht“, wenn ein Ich seinen Platz in der fremden Sprache nicht findet, wenn eine allein bleibt, mit ihrer Sprache:

 

 

„wir sind allein meine Sprache und ich und wir sind gefangen im Licht

 

ich wollte du könntest verstehen wie sehr ich ihre Freiheit vermisse

 

nach der Dunkelheit der Tiefen dürstet den Ertrinkenden.“ (Gefangen im Licht)

 

 

In ihrer Laudatio auf Tzveta Sofronieva anlässlich des Chamisso Preises, schreibt Ilma Rakusa, dass Tzveta Sofronieva sich inzwischen wohl fühle in den „Schatten von Wörtern“, dass sie den Sprachverlust, der der Zweisprachigkeit vorausgeht, als Möglichkeit der Freiheit empfindet.

 

 

Seit 1992 lebt Sofronieva, die 1963 in Sofia geboren wurde, als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in Berlin, d.h. Zwischen den Welten und Sprachen, in einer Heimatlosigkeit zwischen dem Licht der neuen „Heimat“ und dem dunkel der Erinnerung und der Erwartung.

 

Wir erwarten, daß der Mensch aus der Erinnerung kommt“, heißt es in dem Gedicht „Unbewußt“.

 

 

In Sofronievas Gedichten geht es um Farben und Städte, um Erinnerungen und darum, was das „Ich“ ausmacht, aber unter all diesen Themen liegt die Frage danach, wie der Wechsel von einer Sprache in die andere, von einem Land in das nächste, Identität beeinflussen.

 

Dieses vorsichtige Herantasten an mögliche (vorläufige) Antworten, ist, was den besonderen Reiz von Sofronievas Gedichten für mich ausmacht. Ihre Gedichte werfen Fragen auf, Fragen wie diese:

 

 

„Ist Erinnerung das Altern von Zeit?“ („Zwischen)

 

 

Ihre Gedichte bestehen aus Zweifeln und strahlen diese Lebendigkeit aus, die sich schmerzhaft aber wach zwischen den Schnittpunkten bewegt, den Schnittpunkten zwischen den Generationen:

 

 

„Aber mein Kind schläft schon jetzt spät ein

 

zu wandern bestimmt zwischen den Welten

 

seiner Großmutter, seiner Mutter und seiner eigenen.“ (Schnittpunkte)

 

 

Nie, wirklich niemals zuvor, ist mir aufgefallen, was für ein schmerzhaftes Wort das ist; Schnittpunkt, nie habe ich den Schnitt so deutlich darin gehört. Die eigene Sprache neu erfahren und hören zu können, das verdanke ich dem Gedichtband „Gefangen im Licht“, und nicht nur das.

 

 

Terminologie

 

für Dolores wegen der Philosophie des Feminismus,

 

der nicht die Frauenbewegung meint, sondern

 

die Existenzberechtigung verschiedener Standpunkte

 

 

Wir erschaffen eine Killer-Zelle. Sie verbindet sich mit einem Peptid.Wir sind ganz in vitro eingepflanzt. Wirkt. Der Tumor wird kleiner. Wird dünnerStück um Stück. Stirbt. Wir haben eine Millionen Krankheitenbezwungen, die uns vernichten. Ein neuer Sieg im Krieg der Mikroben und Viren mit uns. Dem Krieg der Maschinen und Computer mit uns. Dem Krieg, den uns die Cyborgs erklärt haben. Egal, ob es die Götter des Meeres und der Jagd, Zauberwinde, Löwen und Tiger sind – immer Krieg. Wirklichkeiterschaffen den nächsten Mörder in der Reihe – Stein, Bogen, Schießpulver, Gift, Elektroschock, Zelle. Mörder von Tumoren. Dieses Mal Tumore. Damit wir überleben, die wir uns getötet haben durch das Ausdenken von Mördern.

 

 

Ich fragte die Immunologin, wie sie sich nach der Erfindung des Killers fühlt. Sie ist stolz. Meldet ein Patent an und verkauft es an eine pharmazeutische Firma. Mein Immungsystem hofft, nicht irgendwann an dem Krieg zwischenräumeeinem Tumor und seinem Killer teilnehmen zu müssen. Ich frage, gibt es keine nichtmilitärischen Begriffe im Leben. Haben wir keine anderen Worte im Wortschatz aller irdischen Sprachen, und werden alle Laute nur von männlichen Zähnen ausgesprochen? Auf dem Boden des Labors bewegt sich eine Krebsspinne. Kein Tumor. Ich würde ungern töten.“

 

 

Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht – Lyrik. Ins Deutsche übertragen von Gabi Tiemann. Biblion Verlag Marburg an der Lahn 1999.

 

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3 Gedanken zu “Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht

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