Intelligenz

In letzter Zeit geschehen immer wieder Dinge, die mich dazu bringen, zu realisieren, wie unbedacht und gedankenlos wir (oder sollte ich sagen ich?) manche Begriffe gebrauchen, immer mit der Überzeugung im Hinterkopf, dass alle das selbe meinen, wenn z.B. von Intelligenz oder von Kompromissen die Rede ist. Gerade lese ich einen Aufsatz von Ortega y Gasset, der scheinbar genau diesen Punkt thematisiert, und wer weiß, ob ich offen gewesen wäre für seine Argumentation, hätten nicht diese voraussgehenden Erfahrungen stattgefunden.

In ihrem „Gedankenabriss“ schrieb Sherry kürzlich etwas über Intelligenz und ich merkte erst an ihrer Antwort auf meinen Kommentar, dass ich gar nicht über Intelligenz geredet hatte, sondern über eine Art Klugheit, die ich bewundere und die ich für erstrebenswert halte. Intelligenz hingegegen und das weiß Sherry länger und besser als ich, ist eine:

formale, kognitive Fähigkeit im engeren Sinne, um „logisches  Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken und die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung.“ Diese Fähigkeiten existieren unabhängig von sonstigen Kompetenzen und kulturellen Prägungen und sind klar zu definieren.

Also Intelligenztests, Skalen, Auswertungen. Das ist die eine Seite. Die andere ist der Glaube an die Intelligenz, daran, dass sie das höchste Gut ist, das, was es zu fördern gilt. Und diese Punkte habe ich durcheinander gebracht. Und nicht nur das, viel stolzer als auf mein Einser Abitur war ich gestern, als mein Sohn mir nach einem kurzen Gespräch über Steuern und Steuerhinterziehung sagte: Ah, jetzt verstehe ich das endlich. Dumm, oder?

Das verborgene Leben des J.D. Salinger

Meine Beziehung zu J.D. Salinger ist eine ganz besondere. Ich will gar nicht viel dazu erzählen, nur dass mir sein Fänger im Roggen vor vielen vielen Jahren fast das Leben gerettet hat, auch wenn ich im Nachhinein Franny und Zooey noch viel viel besser finde. Seltsamerweise habe ich mich nie gefragt, wer dieser Mann eigentlich ist, wer er war, das steht doch alles mehr oder weniger in den Geschichten, das was man wissen muss, als Leser. Und seine Entscheidung weiter zu schreiben, ohne noch etwas zu veröffentlichen, das war für mich immer seine Entscheidung, radikal und irgendwie bewundernswert. Aber ganz sicher nicht zu hinterfragen. Dennoch gab und gibt es diese Nachstellungen, dieses vermeintliche Recht auf das Privatleben eines Autors, nur weil seine Geschichten vielen Lesern so viel bedeuten. Und weil sie nun schon einmal geschrieben und auch noch übersetzt worden ist, habe ich diese Biografie über sein „verborgenes Leben“ gelesen, und mir meine Gedanken dazu gemacht. Vielleicht gerade deshalb plädiere ich dafür immer wieder seine wunderbaren Bücher zu lesen, statt solcher Machwerke.

Äquivalent zur Weigerung Salingers, sein Privatleben offen zu legen, wird auch Slawenskis Biografie zu einer Geschichte von Übergriffen durch die Medien, und der Unfähigkeit des Medienbetriebs, einen einfachen Wunsch, wie den Salingers, dass nicht über ihn geschrieben wird, zu respektieren. Mehr zu Slawenskis Salinger Biografie hier.

Die einzigartige Zeichnung jeglichen Unglücks

Es kommt ja nicht darauf an, was man liest. Aber wie man es liest, darauf kommt es an. Wenn es um das Ankommen geht, um das Ankommen und nicht um das Aufkommen, um das es bereits vorher gegangen ist, weil vor dem Ankommen jemand aufkommen muss für die Möglichkeit irgendwo anzukommen.
Und jedes Denken, das zum Nachdenken verführt, ist eine kreisrunde Bewegung.

Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

 

Lange habe ich nichts mehr zu Marina Abramovic geschrieben. Ich könnte sagen, andere Projekte und nicht zuletzt der Alltag mit all seinen Erfordernissen hielten mich davon ab. Aber natürlich wäre das nur die halbe Wahrheit.

 

Ziemlich zu Anfang meiner Beschäftigung mit Abramovic, nachdem ich diesen wunderbaren Film „The Artist is present“ gesehen hatte, habe ich in irgendeinem Videoclip im Netz Abramovic Manifest gefunden und mir alle Punkte daraus abgeschrieben, mit dem Willen sie nach und nach, Punkt für Punkt abzuarbeiten.

 

Dass gerade der dritte Punkt des Manifestes so lange brauchte, um formuliert und angegangen zu werden, scheint mir kein Zufall zu sein.

 

 

 

Keine Kompromisse bezüglich des eigenen Lebens und des Kunstmarktes

 

 

 

heißt dieser dritte Satz. Und wieder ist es diese Art Satz, die auf den ersten Blick so einleuchtend und klar und einfach erscheint, während in Wirklichkeit außerordentlich komplex ist, was an Anforderungen und Konsequenzen dahinter steckt.

 

 

 

Geht das überhaupt, ein Leben ohne Kompromisse?

 

Auf den Kunstmarkt bezogen mag das noch angehen, dann hat man es mit einem souveränen Künstler zu tun, dem die eigenen Ideen wichtiger sind als öffentliche Anerkennung, der seine Qualitätskriterien selbst und weitesgehend unabhängig vom jeweiligen Markt setzt und verfolgt. Aber auf das eigene Leben bezogen?

 

In diesem weiten Rahmen gelingt das wohl wirklich nur, wenn man eine Entscheidung voll und ganz fällt, wenn man, wie Abramovic sagt, ich lebe die Kunst, ich mache meine Auffassung von Kunst, von Performance, zu meinem Leben, nicht nur zu einem Ziel, zu einem Aspekt, sondern tatsächlich zum zentralen Inhalt. Dafür hat sie Beziehungen geopfert, dafür hat sie auf Kinder verzichtet. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Einen Preis, den ich niemals bereit gewesen wäre zu zahlen. Andererseits habe ich auch niemals so sehr an mich und meine „Kunst“ geglaubt.

 

Es gibt eben nie wirklich beides. Wieder dieser Feigenbaum aus der Glasglocke von Sylvia Plath, wenn man sich nicht entscheiden kann (und Entscheidung meint immer Verzicht), verhungert man unter dem Baum voller Feigen, ohne eine einzige Möglichkeit ausprobiert zu haben.

 

Täuschungen

Das Haus auf dem Felsen - Isla volante
Das Haus auf dem Felsen – Isla volante

Wir waren schon lange orientierungslos. Schluckten unsere Angst und gingen einander aus dem Weg. Besonders schlimm war es, wenn selbst das Meer schwieg. Dann war ich sicher, wir würden nie wieder Land sehen. Unsere Irrfahrt würde nie enden.

 

An diesem Morgen waren wir lange durch dichte Nebelwände geseegelt, und jeder glaubte im ersten Moment an eine Halluzination als die Burg auf dem Felsen sichtbar wurde.

 

Aber können acht Menschen auf einmal dieselbe Halluzination haben?

 

Also hielten wir auf den Felsen zu.

 

Von Menschen mit und ohne Köpfe

Ein Mensch verhält sich demokratisch, wenn er offen ist für die Argumente anderer. Demokratie fängt im Kopf an, denke ich. Und endet in der Verfassung.

Ist schon eine Weile her, dass Réka das geschrieben hat, aber lesenswert ist es allemal. Immer.

Und ganz besonders, möchte ich jetzt noch nachtragen, die prächtige Diskussion dazu.