Mutterbilder

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Das Mutterthema hat mich kürzlich eingeholt. Aus der Veröffentlichung meiner Gedanken zu Abramovic dritter These ihres Manifestes, hat sich eine sehr lebhafte Diskussion um das Mutterthema entsponnen. Künstlerinnen wie Annegret Soltau und Susanne Haun haben von ihren Entscheidungen Kinder und Kunst zu verbinden berichtet, es ging auch um die Frage, was für ein Bild der Mutter die Gesellschaft hat, wie sehr hat sich das geändert, betrachtet man Abramovic Generation und die heutiger Mütter?

 

Ist es wirklich vereinbarer geworden, Mutter zu sein, eine Familie zu gründen und gleichzeitig weiter berufstätig zu sein? Ist es ein Gewinn, dass es die Frage Beruf oder Kind nicht mehr gibt, sondern nur noch die, wie Beruf und Kind vereinbar sind? Vereinbar gemacht werden können? Und in den meisten Fällen müssen?

Ist Mutterschaft, die Möglicheit, das Erlebnis, Kinder zu bekommen ein heiliger Akt, wie Frau Blau in einem Kommentar schreibt, oder ist auch das eine Ideologie, um Frauen die Stricke, die sie binden, als etwas wertvolles erfahren zu lassen?

 

Sind nicht diese Fragen an sich allesamt sehr weit von der Idee einer gleichberechtigten Elternschaft entfernt? Und von wirklicher Wahlfreiheit?

 

 

 

 

 

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18 Gedanken zu “Mutterbilder

  1. …ja das sind sie, solange das „Kleinfamilienmodell“ noch in unseren Köpfen zu Hause ist, in einer funktionierenden Gemeinschaft wäre das kein Thema, zumal die Arbeit in der Nähe der Mitmenschen stattfinden könnte und die Kinder mitbekommen, was die Mutter, der Vater den ganzen Tag so machen… vlG Tobias

    1. ich glaube auch, dass dieses kleinfamilienmodell eine große belastung für eltern und kinder ist. kinder zu erziehen wird zu etwas sehr individuellem, fast intimen gemacht und gleichzeitig gibt es diesen druck, alles richtig zu machen, die richtigen entscheidungen zu treffen, die richtigen kindergärten und schulen auszuwählen…

  2. um nicht missverstanden zu werden, ich habe den Akt der Geburt, das kleine, neue Leben als etwas Heiliges erfahren … die Mutterschaft selbst hat mich oft genug vor riesige Hürden gestellt … ein Vater, der nicht anwesend war, was dann zur Trennung geführt hat, von da an war ich Mutter, Ernährerin, Beraterin in einem und kam oft genug an meine Grenzen, stieß mich an den Bildern, die unsere Gesellschaft auch damals noch hoch hielt … nie wollte ich nur auf Muttersein reduziert werden! Nie begegnete ich Frauen, die sich dazu entschieden hatten, keine Kinder zu bekommen, ablehnend gegenüber.

    Ich habe oft bedauert, dass ich mit den Kids keine Gemeinschaft fand, in der man sich die Verantwortung hätte teilen können. Auch heute noch sind wir von solchen Gemeinschaften im großen und Ganzen weit entfernt und so ist die Frage oft genug immer noch, ob Muttersein mit Beruf oder KünstlerInnentum zu verbinden ist. Ich habe das nicht geschafft!

    herzlichst
    Ulli

    1. ich wollte auch gar nicht abrede stellen, dass es etwas sehr großes, bewegendes und irgendwie mystisches ist, ein kind zu bekommen. nichts ist mehr wie zuvor, und überhaupt ist es ein absolutes wunder, wie man neun monate lang ein anderes leben in sich heranwachsen lassen kann. ich denke nur, dieser akt kann (und wird) auch ideologisch benutzt.
      warum eigentlich, frage ich mich gerade, genügt es uns nicht, kinder zu haben, für sie dazusein, warum fühlen wir uns dann abgeschnitten und reduziert? liegt das wirklich an eigenen bedürfnissen, oder doch zum großen teil an der wertschätzung der gesellschaft, an ansprüchen und normen, die von außen an uns herangetragen werden?

  3. Kinder und halber Beruf ging ganz gut, aber dazu noch künstlerische selbständige Arbeit ging erst zu spät, wäre vielleicht eh nix geworden.

  4. Obwohl ich keine Mutter bin (aber dafür eine sehr mütterliche Frau), möchte ich in deine Fragen einsteigen. Eine ist mir besonders hervorgestochen:

    „Ist Mutterschaft, die Möglicheit, das Erlebnis, Kinder zu bekommen ein heiliger Akt, wie Frau Blau in einem Kommentar schreibt, oder ist auch das eine Ideologie, um Frauen die Stricke, die sie binden, als etwas wertvolles erfahren zu lassen?“

    Es ist beides. Es ist ein heiliger Akt, ja. Aber wenn man sich dagegen entscheidet, muss man sich rechtfertigen. Im Grunde muss man die Frage beantworten, warum man so widernatürlich „handelt“, warum man einen heiligen Akt besudelt, warum Frau nicht dankbar ist, diese Möglichkeit zu haben und endlich Kinder gebärt. Diese Entscheidung bedeutet noch immer, sich gegen festgefahrene Vorstellungen einer vollständigen Frau zu entscheiden. Noch immer fühlen viele Frauen sich dann in einer Position, in der sie rechtfertigen müssen, warum sie keine Kinder haben. Oft unterstellt man ihnen Selbstliebe, Egoismus, Bequemlichkeit.

    Deshalb finde ich, dass es die Frage „Beruf oder Kind“ sehr wohl noch gibt. Nicht nur von den Müttern selbst, sondern auch von den Arbeitgebern. Es ist ganz „natürlich“, dass man mit beidem weder das Eine, noch das Andere in einer Form leben kann, dass es keine Abstriche gibt. Für den Arbeitgeber bedeutet eine Mutter als Arbeitnehmerin, dass diese manchmal Zuhause bleiben muss, weil das Kind krank ist. Dass sie unkonzentrierter ist, immer wieder auf die Uhr schaut, auch einmal anruft und nachhakt, ob alles okay sei. Für die Mutter bedeutet das, das Kind abzugeben. An jemanden. Und so sehr man diesem Jemand auch vertraut, gerade in den ersten Jahren fühlt es sich schlecht an, sich vom Kind zu trennen – nicht für viele, aber für manche.

    Für Mütter bedeutet es, dass sie den Anspruch an sich stellen, immer geduldig und bedingungslos liebevoll zu sein. Egal, wie sehr das Kleine schreit und einen Druck ausübt, der alle an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen würde. Mütter dürfen nicht mit den Zähnen knirschen, diese Zähne fühlt doch das Kind und dann wird es krank.

    Unter dieser Belastung, mit 3-4 Stunden Schlaf pro Nacht, mit dem Erreichen körperlicher Grenzen einen Job auszuüben, so, wie man ihn ausgeübt hat, bevor man ein Kind hatte, ist fast unmöglich. Einige Mütter machen es vor, aber ein paar Monate später leiden sie an Burnout.

    Diese Frage: Beruf oder Kind – wird immer bestehen bleiben, so lange es nicht stark entlastende Strukturen gibt – soziale wie institutionelle. Strukturen, die dieses Dilemma nicht als Makel behandeln (auch von Firmen und Organisationen), sondern als Bereicherung und Grund, stolz auf diese Frauen zu sein. In den Staaten hat jede Firma mit paar Mitarbeitern direkt im Gebäude eine Tagesstätte. Es gibt Workshops mit Tipps, wie man so einen Tag als Arbeitskraft und Mutter am Besten handlen kann. Auch für Alleinerziehende Mütter. Da ist immer dieser Beigeschmack, den Mütter sich antun müssen: „Ja? Du arbeitest trotz Kind? Hm. Dein armes Kind!“ „Wie? Du hast dich gegen ein Kind entschieden, sondern lieber für die Arbeit? Abart der Natur! Wie egoistisch!“ „Was? Du bist nur Hausfrau und Mutter? Du musst unheimlich frustriert sein und unerfüllt!“

    Wo ist die Alternative, die uns Frauen / Mütter die Position schenkt, uns nicht mies zu fühlen – egal, welche Entscheidung wir getroffen haben?

    1. mir fällt auf, dass es bei deiner argumentation „nur“ um die frauen geht, als wäre kinder bekommen tatsächlich etwas, dessen folgen allein von der frau zu tragen sind. wo bleiben die väter?
      die schlimmsten feindinen der mütter sind allerdings andere mütter, das habe ich häufig beobachtet, da fallen solche sätze, wie die von dir zitierten, statt einander beizustehen und zu helfen, geht es darum, dass die eine alles richtig macht und die andere alles falsch.
      es gibt tatsächlich keine entscheidung, die frau nicht in die lage bringt, sich „mies“ zu fühlen, wie du schreibst, also eben sofort auf das verwiesen zu werden, wogegen sie sich mit einer entscheidung für oder gegen das kind ebenfalls entschieden hat.

  5. Ich denke, was das Thema so schwierig macht, ist – neben, natürlich, auch der unvermeidlichen (Lebens-)Praxis – diese Dimension des Unverfügbaren dabei. Da ist dann mit unserem Kita- oder Betreuungsplatz-Positivismus und Zuschuss vom Staat nichts mehr zu machen. Mutterschaft ist grundlegend, und zugleich muss ihre Fragen doch jede/r wieder einzeln lösen und es reichen auch all die leitenden Mutterbilder und –ideologien da nicht recht ran. Mutterschaft ist, mit einem hohen, platten, und wieder hohen Wort, „existenziell“.

    Die Wahlfreiheiten sind da, wenn schon nicht ausgesetzt, dann jedenfalls auf einmal nicht so einfach auf unsere (notorisch und gern etwas zu kurz greifende) Fragen zu reduzieren. Es kommt dann in jedem Fall immer noch etwas dazu, das, ob in der finanziellen oder fundamental-ontologischen Perspektive früher „Schicksal“ hieß.
    (Etwa wie Doc Freud seinerzeit noch sagen konnte: „Anatomie ist Schicksal“. Heute kann man sich – sogar mit RTL-Castingshow-Team-Begleitung! – operieren lassen. Ich denke das Beispiel illustriert es wirklich: Auf einmal steht man da vor einer Dimension wirklicher Ernsthaftigkeit! Das allermeiste Andere ist doch einigermaßen trivial.)

    Und gleichberechtigte Elternschaft? Hat es sie je gegeben? (Ich bin mittlerweile eh davon ab, dass Gleichberechtigung etwas Gutes sein soll – allein die Idee bringt so viele neue Zwänge und Verfälschungen, dass man sich von Anfang an besser um Balancierungen und Ausgleichsbewegungen bemühte.)

    Ich bin zwar nur ein Mann, denke aber seit Jahren darüber nach, ein Kind zu haben. Jedes Mal, wenn es sich hätte ergeben können, wollten die Frauen nicht – aus eigennützigen, aber für mich auch nicht zu kritisierenden Gründen: Es ist ein eben ein alles verändernder Schritt.

    Und ich habe herausgefunden, dass es mir – neben den offensichtlich egoistischen Gründen (meine Gene dagegen sind mir völlig gleichgültig) – wohl vor allem auch um diese Dimension von Unverfügbarkeit geht. Schicksal und „aufgegeben“ wäre also, irgendwie Teil von so etwas Unvordenklichem zu sein (wenn das Leben sonst schon so problemfrei ist: Andere gehen deswegen irgendwo kämpfen). Aber endlich etwas nicht mehr kleinlich zu Relativierendes, nicht mehr rückgängig zu machendes, nicht mit unseren Ratgeber-Format-Vernünften zu Erledigendes. Etwas wirklich mal das Leben auch noch buchstäblich Weiterführendes!

    Und ich vermute, mit so etwas ist man dann eben nicht mehr so deckungsgleich zu machen in einer sonst auf so banale Dinge ausgerichteten Gesellschaft, die für ihre reproduktionstechnischen Zwecke dann am liebsten auch „den ganzen Menschen“ einspannen will. („Ganzheitlichkeit: Das ist ja nur ein neuer Verhaltensbefehl.)

    Ich denke also, DAS ist womöglich mit eine der nicht so nebenbei abzuhandelnden Schwierigkeit der Mütter. Jedenfalls habe ich es so oder ähnlich öfter aus der Nähe erlebt. Und dann auch noch die Selbstansprüche der einem eingetrichterten Leitbilder abgleichen – das MUSS einen ja überfordern!

    ***

    (Nebenbei: Abramovic, eine DER „Eigenblutdoping“-Künstlerinnen überhaupt, in Ehren. Aber diese Keine-Kompromisse-Haltung ist doch auch etwas wohlfeil, eben gerne auch für ein „Manifest“. Es gibt fast immer auch ein Drittes. Nach meiner Erfahrung sind die Entweder-Oder Menschen eher oft verhärtete, die ihrerseits einem einzigen Ideal anhängen, einem – mit Hannah Arendt – damit a priori fragwürdigen. Und außerdem ist A. Profi im Markt, sie weiß genau, was einem Künstler-als-auserwähltes-Subjekt-Mythos dient, und wie sie sich verkaufen muss. Was ihre Kunst nicht schmälern muss.)

    1. interessant, was du über die gleichberechtigung schreibst. klingt ein wenig, als würdest du gleichberechtigung mit gleichmachen gleichsetzen. (furchtbarer satz). ich glaube, darum sollte es nicht gehen. es geht um die gleiche bewertung von andersartigem. und im vorfeld darum, dass talente und neigungen möglichst uneingeschränkt entfaltet werden können. dazu hat Cordelia Fine ein lesenswertes Buch geschrieben, „Die Geschlechterlüge“.
      Vielleicht wären wir an einem Punkt wirklicher Gleichberechtigung angelangt, wenn wir nicht mehr von Mutterbildern sondern von Elternbildern sprechen.

  6. vielen Dank für eure ausführlichen und weitreichenden Kommentare. Und Entschuldigung, dass es noch eine Weile dauern wird, bis ich sie beantworten kann. Mein Körper setzt mich gerade ein wenig außer Gefecht.

    1. das will ich gar nicht abstreiten, lieber schneck, einen davon zitiere ich immer wieder gerne, weil er einst schrieb, man müsse seine kinder einfach zuscheißen mit liebe.
      ich glaube auch nicht, dass diese väter es leichter haben, eine lösung zu finden, trotzdem ging es mir in dem beitrag tatsächlich nicht um die schwierigkeit der vereinbarkeit für ein paar, auch nicht für männer, die das allein bewältigen müssen, sondern um das mutterbild, das einfach noch einmal ein ganz anderes ist, und gerade bei uns scheinbar noch recht antiquiert zu lasten der frauen.

  7. Zum Thema hier ein Hinweis auf eine Diskussion in Darmstadt:
    Donnerstag 24. Oktober 19.30 Uhr
    Literaturhaus – Vortragssaal

    „Ehefrau, Mutter, Künstlerin: Über die Schwierigkeit Familie mit künstlerischer Arbeit zu vereinbaren“

    Die vorgefasste Meinung über die Unvereinbarkeit von Mutterschaft und „echtem Künstlertum„ war weit in das 20. Jahrhunderts hinein verbreitet. Tatsache ist, dass viele der Künstlerinnen, die ihre Ausbildung um 1900 begannen, unverheiratet und kinderlos blieben. Die Zerrissenheit zwischen Kinderwunsch und Berufung zur Künstlerin zeigt sich in vielen Biografien. Über dieses Thema diskutieren Barbara Beuys, die Biografin von Paula Modersohn-Becker, Stefanie Hauschild, die Autorin eines Aufsatzes über Hermione von Preuschen und die Künstlerin Annegret Soltau. Moderation Agnes Schmidt, Vorsitzende der Luise Büchner-Gesellschaft.
    Eintritt 6 Euro, für die Mitglieder der Luise Büchner-Gesellschaft und des Kunstarchivs frei

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