Intelligenz

In letzter Zeit geschehen immer wieder Dinge, die mich dazu bringen, zu realisieren, wie unbedacht und gedankenlos wir (oder sollte ich sagen ich?) manche Begriffe gebrauchen, immer mit der Überzeugung im Hinterkopf, dass alle das selbe meinen, wenn z.B. von Intelligenz oder von Kompromissen die Rede ist. Gerade lese ich einen Aufsatz von Ortega y Gasset, der scheinbar genau diesen Punkt thematisiert, und wer weiß, ob ich offen gewesen wäre für seine Argumentation, hätten nicht diese voraussgehenden Erfahrungen stattgefunden.

In ihrem „Gedankenabriss“ schrieb Sherry kürzlich etwas über Intelligenz und ich merkte erst an ihrer Antwort auf meinen Kommentar, dass ich gar nicht über Intelligenz geredet hatte, sondern über eine Art Klugheit, die ich bewundere und die ich für erstrebenswert halte. Intelligenz hingegegen und das weiß Sherry länger und besser als ich, ist eine:

formale, kognitive Fähigkeit im engeren Sinne, um „logisches  Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken und die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung.“ Diese Fähigkeiten existieren unabhängig von sonstigen Kompetenzen und kulturellen Prägungen und sind klar zu definieren.

Also Intelligenztests, Skalen, Auswertungen. Das ist die eine Seite. Die andere ist der Glaube an die Intelligenz, daran, dass sie das höchste Gut ist, das, was es zu fördern gilt. Und diese Punkte habe ich durcheinander gebracht. Und nicht nur das, viel stolzer als auf mein Einser Abitur war ich gestern, als mein Sohn mir nach einem kurzen Gespräch über Steuern und Steuerhinterziehung sagte: Ah, jetzt verstehe ich das endlich. Dumm, oder?

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19 Gedanken zu “Intelligenz

    1. Den Begriff EQ empfinde ich als Ausdruck dessen, wie sehr wir an der Idee der Heilkraft, der Verehrungswürdigkeit von Intelligenz festhalten, warum sonst heißt es emotionale INTELLIGENZ?

  1. wenn du deinem sohn steuergeschäfte erklären kannst und danach stolz bist, dass er es versteht, ist das super. ich glaube, stolz (diese art) hat zu unrecht einen negativen beigeschmack.

    die „fixierung“ auf einseitige kognitive förderung von intelligenz an der schule finde ich hingegen dumm. neulich las ich über eine wissenschaftliche studie, die belegte, dass kinder, die in der schule neben all der „kopflastigen“ arbeit auch musischen unterricht haben, bei iq-tests und ähnlichem besser abschneiden als jene, die nur leistunsfächer pauken. die intelligenz der auch musisch geförderten, ich sags jetzt banal, ist „breiter“, weniger einseitig.
    mag sein, dass ich jetzt ebenfalls intelligenz und das, was ich drunter verstehe, vermischt habe. 🙂 ich hoffe, du verzeihst mir.
    (dennoch bin ich natürlich auch dafür, dass worte, die per definition eine klare bedeutung haben, „richtig“ verwendet werden.)

    1. Stolz hat für mich keinen negativen Beigeschmack, jedenfalls nicht wenn es um meine Kinder geht. Ich leide mit ihnen, wenn etwas schlecht läuft, ich gebe mir die Schuld für vermeindliche Defizite, ich finde dann habe ich aus das Recht, stolz zu sein, auf das, was ich vielleicht einmal gut hinbekomme.
      Was Intelligenz und Schule usw. angeht, erwarte ich dazu ein Buch, das ich demnächst rezensieren darf, so dass ich jetzt noch gar nicht so viel dazu sagen kann und will. Aber ich bin sehr Deiner Meinung, das die musische Förderung sehr wichtig ist, und ich bin eine sehr große Befürworterin der Inklusion, mein Jüngster besucht seit 3 jahren eine Integrationsklasse und ich erlebe die Atmosphäre, den Unterricht, einfach alles dort als sehr viel anregender, befriedigender und einfach schöner als in der „normalen“ Klasse, die der Große besucht hat.

      1. Ich bin auch stolz auf meinen Sohn. Es wäre ja schlimm, wenn nicht. Den Söhnen ist es vielleicht manchmal peinlich aber ich denke dieser Stolz ist für die Kinder so notwendig wie die Luft zum Atmen. Der Glaube an sie, der Berge versetzt.
        Ich merke das öfter, wenn ich meinem Sohn helfen möchte, bekomme ich die Antwort: „Traust du mir nicht zu, dass ich das selber kann?“
        Er ist auf eine Schule gegangen, die als Unterrichtsmodell „Lerne wie du selber lernen kannst.“ hat.
        Also herausfinden, wo die Kinder das Wissen her bekommen.
        Das ist ein schönes Unterrichtsmodell….

      2. das ist ein sehr sehr gute unterrichtsmodel. ich wollte meine söhne auch auf eine solche schule schicken, die laborschule hier in bielefeld arbeitet nach diesem konzept. nur haben wir dort keinen platz bekommen. und im nachhinein war das, zumindest für meinen älteren sohn, von vorteil. dieses sehr offene konzept entsprach nicht seinem bedürfnis nach klaren strukturen.
        stolz ist notwendig, aber am meisten doch die liebe. eine bedingungslose liebe! darauf kommt es an.

  2. Diese Definition von Intelligenz hat sicher ihre Berechtigung. Zumindest innerhalb der Grenzen von Ort und Zeit. Nicht zu jeder Zeit und nicht in allen Kulturkreisen wurde und wird diese wissenschaftliche Betrachtung so gefasst. Es muss diese wissenschaftlich einheitliche Sprache oder eben Begriffe geben, weil es eine Grundvoraussetzung geben muss, von der aus beispielsweise Intelligenz gemessen werden kann. Und gemessen wird sie in der Regel von Psychologen oder anderen Personen, die befugt sind, entsprechende Tests an Kindern und Erwachsenen durchzuführen. Hierfür kann sich diese Definition sehr wohl eignen. Für anderes eignet sie sich vielleicht nur bedingt.
    Wenn ich in meinem Beruf psychologische oder fachpsychiatrische Gutachten in Auftrag gebe, erhalte ich einen Befund hinsichtlich Intelligenz, Sozialverhalten, Erwerbsfähigkeit etc. … Den benötige ich, um ein „amtliches“ Ergebnis in der Akte zu haben. Was darüber hinaus frühere Arbeitgeber, Lehrer, Familienangehörige oder auch ich über den Betreffenden zu sagen haben, kann ganz anders ausfallen, entscheidend ist das Gutachten. Oft finde ich das richtig. Manchmal erscheint mir dieser Vorgang verkürzt. Nicht selten habe ich lernbehinderte Menschen getroffen, teilweise mit der Diagnose einer geistigen Behinderung, die aus meiner Sicht „intelligent“, lebensschlau und innerhalb ihrer Grenzen klug sind. Du hast ja in Deinem Beitrag heute auf diesen Unterschied auch hingewiesen. Mich bekümmert eben manchmal, dass bestimmte „Diagnosen“ oder Begriffe wie ein Stigma wirken. Erst recht für die Betroffenen, aber nicht nur für sie. Daher gefällt mir einfach, und ich erlaube es mir, so oft es geht, diese Begrifflichkeiten und Definitionen für mich persönlich so weit und offen zu halten, wie es nur geht.
    Das funktioniert leider nicht immer.

    Danke Dir für diesen ergänzenden Beitrag, liebe mützenfalterin,
    LG mb

    1. Ich danke Dir sehr für diesen Kommentar aus Sicht einer, die mit dem Begriff praktisch operiert. Du schreibst, Du findest es wichtig und richtig, dass meßbare Daten bezüglich der Intelligenz einen größeren Ausschlag in Gutachten finden, als die Bewertungen, Beschreibungen von Menschen, die denjenigen erlebt haben. Mich würde sehr interessieren, warum? Weil es eine „objektive“ nachprüfbare Größe ist, oder gibt es noch andere Gründe?

      1. Ja, weil eine sogenannte „objektivere“, zumindest aber einheitlichere „Beurteilungs-Skala“ vorliegt, mit denen in Gutachten operiert wird. Natürlich stimmt auch das nur bedingt, denn jeder Gutachter bringt u.U. seine eigenen … Sichtweisen und Maßstäbe mit ein. Und ich habe auch schon erlebt, dass nach einem intensiven Telefonat mit einem Gutachter meine Beurteilungen stärker mit einfließen konnten.

        Vor dem Gesetzt ist in Deutschland eben in den meisten Fällen (Akten), die einer Instanz, wie dem Gericht, vorliegen, vor allem ein Gutachten aussagekräftig. Es ist eine wesentliche Grundlage.
        Je nachdem, wie ein Gutachten ausfällt, kann das dem Betreffenden Wege verschließen oder auch erst eröffnen. Mir geht es in den allermeisten Fällen darum, Wege zu eröffnen.
        Ich freue mich, dass Du noch einmal nachgefragt hast, danke Dir,
        herzlich mb

  3. Guter Beitrag, der zum Denken anregt.
    Ich schließe mich haushirschhundblog an.
    Auch ich finde die Stigmatisierung durch bestimmte Diagnosen oder Zuschreibungen bedrückend.
    Was bedeutet schon der IQ? Wozu wird er gemessen? Wem dient das?
    Was passiert, wenn beispielsweise einem Kind ein niedriger IQ attestiert wird? Wird es dann mehr oder weniger gefördert?
    Aus irgendeinem Grunde scheint Intelligenz in unserer Gesellschaft einen weitaus höheren Stellenwert zu haben, als besispielsweise soziale Kompetenz oder ganz einfach Lebenstüchtigkeit.

    1. Ist das eigentlich das selbe; Denken und Intelligenz? Ist jemand, der über die Dinge nachgrübelt, sie in Zweifel zieht intelligent? Oder eher derjenige, der klare Schlüsse zieht und sie überzeugend zu vertreten weiß? Und warum glaubt diese Gesellschaft so sehr an die Heilkraft der Intelligenz?

  4. Ja, Warmherzigkeit. Das lag mir auch auf der Zunge. Ich habe es dann, mal wieder eine Frage der Definition, zusammen mit Empathie, Offenheit etc. unter dem Begriff „Soziale Kompetenz“ zusammen gefasst.

  5. Was meinem Unbehagen an der hohen Wertigkeit des so definierten Intelligenzbegriffes zugrunde liegt, ist bei Ortega y Gasset treffend ausgedrückt:

    „Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht ‚wie alle‘ ist, wer nicht ‚wie alle‘ denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden.“

    – José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, Hamburg 1956, S. 12
    Ich lese seine Essays mit großem Gewinn und werde sicher noch etwas darüber schreiben.

  6. Ja, er trifft es gut. Eigenbegabt.
    Ich habe dieses Buch zufällig in die Hände bekommen, als ich 20 war. Es hat mich nachhaltig beeindruckt.
    Freue mich ihm hier bei dir wieder zu begegnen.

  7. Es ist so, dass nicht einmal Psychologen sich ganz scharf darüber einigen können, was alles zur Intelligenz dazugehört und was nicht. Auch ist es sehr schwer, Intelligenz zu messen, weil da sehr viele moderierende Variablen eine Rolle spielen. Z.B. kann die Tagesform ein Ergebnis schon stark verändern; wie will man das mit in die Rechnung integrieren? Außerdem arbeiten wir nur mit Indikatoren. Wir haben da ein Konstrukt – namens Intelligenz – das sich nicht direkt durch sich selbst erfassen lässt. Also können wir nur Indikatoren der Intelligenz heranziehen – wie z.B. Gedächtnis, Konklusion, Räumliches Denken, Problemlösefertigkeiten, Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeit etc. … Und das ist nun das Interessante: Die Indikatoren weichen ab, wenn wir das kulturübergreifend betrachten.

    Ein Aborigini hat 500 verschiedene Wörter für bestimmte „Spuren“ auf der Erde. Ein Mensch aus einem Volk, in denen Rinder eine große Rolle spielen, differenziert Rinder in tausend Unterkategorien. Können wir das? Nein. Können wir deshalb deren Indikatoren als unsere Indikatoren nutzen? Nein. Wir würden schlechte Ergebnisse erzielen.

    Und das ist das Faszinierende an Intelligenz: Wir haben einige konstante Eigenschaften/Fähigkeiten, aber wir müssen die Indikatoren in jeder Kultur anders suchen.

    Noch etwas zur emotionalen und sozialen Intelligenz: Die rationale Intelligenz kann ohne die Soziale bestehen. Aber ohne rationale Intelligenz kann man sozial nicht sehr intelligent werden. Das bedeutet: die Soziale Intelligenz braucht zu einem großen Teil ein mind. durchschnittliches IQ, um wirklich gut zu fruchten. (Nicht einmal Empathie alleine reicht für gute soziale und emotionale Kompetenzen! Das ist übrigens eine Meinung, ich habe mich nicht um Hintergrundrecherchen bemüht!)

    Danke für deinen Artikel. Aber die anderen Kommentare muss ich jetzt erst lesen! Das mache ich dann mal!

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