Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

 

Lange habe ich nichts mehr zu Marina Abramovic geschrieben. Ich könnte sagen, andere Projekte und nicht zuletzt der Alltag mit all seinen Erfordernissen hielten mich davon ab. Aber natürlich wäre das nur die halbe Wahrheit.

 

Ziemlich zu Anfang meiner Beschäftigung mit Abramovic, nachdem ich diesen wunderbaren Film „The Artist is present“ gesehen hatte, habe ich in irgendeinem Videoclip im Netz Abramovic Manifest gefunden und mir alle Punkte daraus abgeschrieben, mit dem Willen sie nach und nach, Punkt für Punkt abzuarbeiten.

 

Dass gerade der dritte Punkt des Manifestes so lange brauchte, um formuliert und angegangen zu werden, scheint mir kein Zufall zu sein.

 

 

 

Keine Kompromisse bezüglich des eigenen Lebens und des Kunstmarktes

 

 

 

heißt dieser dritte Satz. Und wieder ist es diese Art Satz, die auf den ersten Blick so einleuchtend und klar und einfach erscheint, während in Wirklichkeit außerordentlich komplex ist, was an Anforderungen und Konsequenzen dahinter steckt.

 

 

 

Geht das überhaupt, ein Leben ohne Kompromisse?

 

Auf den Kunstmarkt bezogen mag das noch angehen, dann hat man es mit einem souveränen Künstler zu tun, dem die eigenen Ideen wichtiger sind als öffentliche Anerkennung, der seine Qualitätskriterien selbst und weitesgehend unabhängig vom jeweiligen Markt setzt und verfolgt. Aber auf das eigene Leben bezogen?

 

In diesem weiten Rahmen gelingt das wohl wirklich nur, wenn man eine Entscheidung voll und ganz fällt, wenn man, wie Abramovic sagt, ich lebe die Kunst, ich mache meine Auffassung von Kunst, von Performance, zu meinem Leben, nicht nur zu einem Ziel, zu einem Aspekt, sondern tatsächlich zum zentralen Inhalt. Dafür hat sie Beziehungen geopfert, dafür hat sie auf Kinder verzichtet. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Einen Preis, den ich niemals bereit gewesen wäre zu zahlen. Andererseits habe ich auch niemals so sehr an mich und meine „Kunst“ geglaubt.

 

Es gibt eben nie wirklich beides. Wieder dieser Feigenbaum aus der Glasglocke von Sylvia Plath, wenn man sich nicht entscheiden kann (und Entscheidung meint immer Verzicht), verhungert man unter dem Baum voller Feigen, ohne eine einzige Möglichkeit ausprobiert zu haben.

 

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46 Gedanken zu “Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

  1. Ein Leben ohne Kompromisse ist ein Leben, das völlig hinter der Kunst steht, weil die Kunst die gesamte Kraft braucht. Ein Leben ohne Feierabend, ohne Urlaub. Ein Leben, wo man den besten Freunden Absagen muss, um weiter zu arbeiten. Ein Leben, in dem es keine Hobbys gibt, kaum Raum für Spontanität…..

    1. aber man empfindet es nicht derart entbehrungsreich, weil es ja die eigene entscheidung ist, weil die arbeit immer berufung ist. ich merke das sehr deutlich an menschen, die „fremdbestimmt“ arbeiten müssen und solchen für die die arbeit gleichzeitig berufung ist, also das, was sie tun wollen, das wohinter die ganze person steht. obwohl das immer noch gut mit kompromissen vereinbar ist. und längst nicht die radikalität einer marina abramovic erreicht.

      1. Ja, natürlich ist es ein Unterschied, ob ich mich für eine Sache entscheide oder ob ich etwas fremdbestimmt mache.
        Ich habe die Erfahrung gemacht, das viele Menschen lieber fremdbestimmt arbeiten, denn so haben sie keine Verantwortung und müssen keine Entscheidungen treffen.

  2. Diese Art von Leben, die Susanne beschreibt, erinnert mich an das Leben von Forschern. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele Gemeinsamkeiten ich zwischen „verrückten Wissenschaftlern“ und „Künstlern“ finde. Vermutlich würde eine ganz fremde, außerirdische Kultur uns irgendwann die Frage stellen, warum wir diese beiden Arten von Menschen überhaupt so trennen, bei ihnen sei das Ein und das Selbe.

    Wenn Marina auf Kinder, Beziehungen und ein etwas normaleres Leben verzichtet hat, könnte man das nicht als Kompromiss sehen? Sie sieht für mich nicht aus wie eine Frau, die nicht gerne einen Seelenpartner hätte. Und genug Mütterlichkeit hat sie, immerhin ernährt sie die ganze Welt mit ihr, und der Wunsch nach einem Kind war bestimmt auch für sie einst Thema. Ich glaube, sie ist Kompromisse eingegangen, für den einen Drang in ihr, der wohl immer stärker war als die anderen. Aber abwesend waren sie nicht. Und vielleicht meinte sie das mit Kompromisslosigkeit: Dass sie immer dem Impuls folgte, der stärker war. Andererseits – und das ist jetzt etwas gewagt – kann man genau diesen Impuls nutzen, um alle anderen Stimmen mit aller Macht runterzudrücken, um bloß nicht vor einem Scheideweg zu stehen.

    Marina ist sehr hart zu sich selbst. Eine Sache, die ich an ihr faszinierend finde, anziehend und schön. Aber ich frage mich immer, warum sie so ist. Und so rein vom Gefühl her reicht mir die Erklärung „Liebe zu ihrer Kunst“ noch nicht.

    Danke für deinen Artikel.

    1. der verzicht ist für mich eben kein kompromiss, sondern eine klare entscheidung, kompromiss ist, wenn ich versuche beides unter einen hut zu bringen, familie und kunst (oder beruf), wenn ich damit leben (kann oder muss), dass keines von beidem völlig zu seinem recht kommt, weil ich mich nicht so hundertprozentig entscheiden konnte und wollte. und insofern gebe ich dir recht, es ist eine kraft, eine stärke, um nicht ständig vor scheidewegen und entscheidungen zu stehen.
      und diese härte die du ansprichst, sie selbst hält es für ein wesentliches erbe ihres elternhauses, soldatisch erzogen, von partisanen. vermutlich musste sie ihren weg so radikal wählen, um sich zu retten.
      aber was weiß man schon von außen von anderen menschen?

      1. Du hast recht, was weiß man von außen schon von einem anderen Menschen…. Das ist wirklich nicht einfach ….
        Die Kunstprojekte sind ihre Kinder. Und empfindet sie alles als wirklichen Verzicht oder will sie die Härte ihrer Arbeit dem Publikum verdeutlichen.
        In ihrem Film sagt sie, sie würde gerne einmal der Welt erzählen, wieviele Mails, Faxe und Telefonate sie für ihre Kunst führen muss.
        Ich wußte genau was sie meint.

    2. Ja, so kann man „Kompromiss“ auch betrachten, dass man sich klar für eine Sache entscheidet. Vermutlich tun das sogar die meisten. „Kompromisslos“ wäre für mich in jenem Augenblick, wo ich hier schrieb, wohl gewesen, dass ich versucht hätte, alles zu haben und nicht auf einen Teil zu verzichten. Das hätte natürlich zwangsläufig zu weniger Erfolg geführt.

      Und ja, von Außen weiß man wenig über andere, vor allem über jemanden wie sie. Aber oft weiß man selbst über sich auch nichts so Konkretes, füllt Fragezeichen mit Ursachen und Ergründungen, die nicht einmal stimmen müssen. Erklärt Eigenarten mit der Vergangenheit, dabei könnten sie ganz andere Gründe haben. Herausfinden werden wir’s nie …

      Ich hab von ihrem neuen Projekt über ihre Facebook-Seite gehört. Das Bild hat mich ein wenig verstört, weil es teils ästhetisch, aber auch teils pornografisch aussieht. Ihr Mund sieht auf dem Bild aus wie das einer aufblasbaren Sexpuppe. Vielleicht möchte sie genau diese Art von Reaktion erreichen, das kann ich mir gut vorstellen. Ihr Partner in dem Projekt ist ein Iraner, soweit ich das sehen kann (der Name ist es auf jeden Fall).

      Ich habe eine ganz unpassende Frage, die ich schon immer stellen wollte, aber mich nicht traute, weil ich dachte, ich würde sie – Marina – dadurch entwerten oder beleidigen: Aber riskiere ich es mal. Du hast ja in dem Film „The Artist is present“ sicher ihre Figur und ihre Brüste gesehen; m.E. sind sie zu fest und zu straff für ihr Alter. Alten Bildern zufolge hatte sie auch kleinere. Und ihre Lippen waren auch nicht immer so voll. Meinst du, sie hat sich etwas machen lassen? Ich würde ihr vermutlich auch keine simplen Gründe „unterstellen“. Sie arbeitet immerhin sehr intensiv mit ihrem Körper und dem Ausdruck ihres Körpers für ihre Kunst, da wäre es verständlich, wenn sie zumindest versuchen würde, ihn so „in Stand“ zu halten, dass sie das noch lange tun kann.

      So, ich schicke jetzt aber ab!

      1. sie hat sich die brüste machen lassen, nach der trennung von ulay und sie geht ganz offen damit um. lippen weiß ich nicht, aber allgemein ist es einer laserbehandlung oder so etwas ähnlichem zu verdanken, dass sie gut zwanzig jahre jünger aussieht als sie ist. und ich finde nicht, das die frage sie entwertet und glaube auch nicht, dass sie es so verstehen würde. das wunderbare an ihr ist ja, dass sie diese energie ausstrahlt, egal ob mit einem straffen oder welken körper. sie fühlt sich einfach besser so und ist mit sich selbst im einklang.
        das bild gefällt mir auch nicht besonders. da hast du recht.

      2. was mir gerade noch einfällt, ich weiß ja nicht, ob du das interview auch gehört hast, aber der moderator sagt da eingangs abramovic sei „an artist who has made discipline to her discipline“ ich finde das wortspiel in unserem diskussionszusammenhang gar nicht so abgeschmackt, wie es vielleicht scheinen könnte. ach überhaupt, ich finde sie erklärt das alles immer so, dass es wieder eine weile braucht, bis meine eigenen fragen erneut auftauchen.

    3. Ja, Sherry, diesen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Forschungen in den Wissenschaften und der Kunst sehe ich auch immer wieder. Die documeta 13 hat das auch sehr schön gezeigt.

  3. Danke Dir, liebe mützenfalterin.
    Einen Versuch, Dir zu antworten, habe ich gerade gelöscht.
    Ich kann diese Frage, ob es ein Leben ohne Kompromisse gibt, einfach nicht so leicht beantworten. Nicht in einem Kommentar. Vielleicht auch gar nicht … …
    Aber ich danke Dir sehr für die Anregung zu dieser Frage, die mich jetzt ewig lang beschäftigt hat .. und vermutlich noch länger beschäftigen wird.
    Liebe Grüße, mb

    1. sehr schade, dass ich den versuch nicht lesen kann liebe mb. vermutlich ist es keine frage, die man beantworten kann. es fängt ja, wie ich in der diskussion mit sherry gesehen habe, schon damit an, zu definieren, was man überhaupt unter kompromiss versteht. und egal, ob man sein leben weitesgehend kompromißlos oder voller kompromisse lebt, eine entscheidung ist es allemal, eine, die andere wege unbegangen zurücklässt.

  4. Ich finde, mit der Kompromisslosigkeit ist das so eine Sache… Man kennt das aus der Werbung: „Keine Kompromisse…“ – was dann wohl so viel bedeuten soll wie: sei ehrlich zu dir selbst und lass dich nicht verbiegen. Kompromissfähig zu sein ist sicher eine soziale Kompetenz, sie fördert den Zusammenhalt der Menschen. Ob sie die Menschheit weiterbringt – im Sinne der Forschung, des Erkenntnisgewinns – das möchte ich eher bezweifeln. Ohne all zu viel über Abramovic zu wissen nehme ich mal an, dass sie sich mit diesem Satz aus ihrem Manifest – wohl so eine Art Appell an sich selbst – mit noch größerer Härte gegen alles banal Ablenkende abschotten möchte um ihre Ideen weiterverfolgen zu können. Mir macht das ein wenig Angst. Man kann da nur hoffen, dass sie das „Richtige“ tut. Terroristen sind auch kompromisslos in dem was sie tun. (Es möge mich hier niemand falsch verstehen: ich bin nicht der Meinung, Abramovic sei eine Terroristin. Allenfalls ein wenig gegen sich selbst)

  5. Das Schöne an diesen Diskussionen ist ja, dass man Möglichkeiten bekommt, weiterzudenken, als es alleine möglich ist. Kompromisse machen wir ein Leben lang, andauernd, unbewusst oder auch bewusst. Und natürlich hast Du Recht und Kompromisse sind im zwischenmenschlichen Bereich unerläßlich.
    Abramovics Definition von Kompromiß scheint mir hingegen eine andere zu sein, bzw. eine andere Seite dieses Begriffes zu beleuchten. Ich verstehe sie so, dass sie dahingehend denkt, dass Kompromisse immer nur halbe Entscheidungen sind, Entscheidungen mit einem aber. Ich möchte Kinder, aber auch weiter arbeiten, etc. pp. Ich weiß nicht, ob ich das bewerten kann und will, es ist eine Entscheidung, bewusst getroffen ist sie in meinen Augen konsequent und ehrlich, man kann es auch terroristisch nennen. Das wäre eine andere Diskussion, zu überlegen, wo Terror anfängt, was genau das bedeutet.
    Ich glaube, was Abramovic betrifft gerade nicht, dass sie sich abschottet, vielmehr hat sie eine große Mission (auch wenn das schon wieder fundamentalistisch klingen mag), die ihr einen einzigartigen Blickwinkel ermöglicht, unter dem sie alles einordnen kann. Es ist ihre Art, für sich zu sorgen. Das ist sicher nicht für jedermann richtig, aber bei der Präsenz und Kraft, die diese Frau ausstrahlt, habe ich ganz deutlich das Gefühl, für sie ist es genau das, was ihr angemessen ist. Und insofern nicht gegen, sondern für sie selbst.

  6. bin eben hier über facebook auf eure Diskussion gestossen und habe sie mit großem Interesse gelesen, weil mich diese Frage „kompromisslos“ und auch die Frage als Künstlerin „Kinder zu haben“ mein ganzes Leben lang beschäftigt hat. Ich selbst habe mich als Künstlerin für Kinder entschieden und kann jetzt schreiben; es war richtig, obwohl ich sehr zerrissen war.
    Marina Abramovic hatte sich einmal in der ART geäussert, dass Künstlerinnen keine Kinder haben sollten, weil die Kunst die ganze Person in Anspruch nimmt und wenn sie sich darauf einlässt, sie keine gute Künstlerin mehr sein könnte (also kompromisslos sein). Ich finde, da irrt sie, ich habe auch einen Leserbrief daraufhin geschrieben, weil ich es so nicht stehen lassen wollte, auch schon nicht im Hinblick auf junge Künstlerinnen, denn so wurde es uns schon immer prophezeit und ich finde es nicht mehr zeitgemäss. Das Leben ist kein Feind der Kunst, aus Leben kann Kunst entstehen. So kann es jedenfalls auch sein.

    1. Leben ist Kunst. Das ist meiner Auffassung nach sogar ein wesentlicher Aspekt von Abramovic Kunstverständnis.
      Ich denke auch nicht, dass man diese Auffassung verallgemeinern darf, nur sollte man seine Entscheidung für oder gegen Kinder, für ein Leben nur für die Kunst, oder für ein Leben, das Kunst und Alltag integrieren kann, dass Abstriche macht und aus diesen Abstrichen wieder Kunst macht, sehr bewusst fällen. Es ist eine individuelle Entscheidung und jede Entscheidung in dieser Hinsicht bedeutet sowohl Entbehrungen als auch Zugewinn.
      Ich habe (darf ich Du sagen?) vor einiger Zeit über Dich und Deine Kunst geschrieben, die mich sehr beeindruckt, weil sie den Körper noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise in die Kunst einbezieht, bzw. den Körper zum Thema, Ausgangspunkt der Kunst macht. Und zwar wiederum in einer derart radikalen Weise, das es sowohl beängstigend als auch sehr inspirierend für den Zuschauer ist. Zumal es sich um den weiblichen Körper und seine Verstrickungen handelt.

      1. Danke. Ich hab den Beitrag hier im blog-archiv gefunden 🙂

        Ich würde mich für meine Körper-Selbst-Darstellungen allerdings nicht operieren lassen, mein Konzept ist, den Alterungsprozess miteinzubeziehen.

  7. Ich lese die Kommentare und denke nach. Viele Aspekte kommen zur Sprache.
    Ich habe einen Sohn. Ich habe ihn nicht in meine Kunst mit einbezogen aber er ist mit meiner Kunst aufgewachsen.
    Ich kann in meiner Kunst mit dem Kind arbeiten, ich kann diese Kunst auch Leben. Mein Kind musste Abstriche machen wegen meiner Kunst. Wir haben anders gelebt als andere. Und trotzdem habe ich ihn groß bekommen – er hat Abitur und wird studieren.
    Die Kompromisslosigkeit bezieht sich bei mir schon auf die Kunst selber, die wirklich sehr viel Zeit in Anspruch nimmt…..

  8. Da ich mich bisher nicht mit Abramovic befasst hatte wollte ich es jetzt doch ein bischen genauer wissen und habe mir den ersten Band einer sehr schönen Publikation über ihre italienischen Arbeiten besorgt. Dort fand ich gleich die passende Stelle zum Thema (ich übersetze, denn der Text ist in englisch). In Zusammenhang mit der Frage, was gute Kunst sei zitiert sie Bruce Naumann: „Kunst ist eine Angelegenheit auf Leben und Tod“ und fährt fort, das klänge melodramatisch sei aber absolut wahr. Wenn man bei allem, was man tut, es als eine Angelegenheit auf Leben und Tod betrachtet und 100 Prozent gibt, dann passiert es. Weniger als 100 Prozent ist keine gute Kunst. Das ist sehr schwer, aber der einzige Weg. Und das bedeutet keine Kompromisse. Soweit Abramovic. Ein zentraler Begriff im Rahmen ihres Kunstverständnisses ist Energie. Und wahrscheinlich kann sie diesen Level nur aufrecht halten, indem sie sich ganz der Kunst widmet. Also keine Kinder. Es gab und gibt sicher jede Menge herausragender Künstlerpersönlichkeiten, die „nebenher“ auch Kinder bekamen und ihnen dann nicht die Aufmerksamkeit entgegenbrachten, die sie verdient und nötig gehabt hätten. Insofern ehrt der Verzicht Abramovic. (Vorausgesetzt das war der Grund. Künstler sind ja Selbstinszenierungsvirtuosen und insofern weiß man natürlich nicht wirklich wie das bei ihr war) Zu dem von Annegret Soltau erwähnten Interview würde mich interessieren, ob ausdrücklich davon die Rede war, dass Künstler i n n e n keine Kinder bekommen sollten (Künstler hingegen schon?) Dann hätte Abramovic ja doch ein etwas antiquiertes Rollenverständnis: Oder?

      1. Ich habe den Link zu diesem blog auf meiner Facebookseite gepostet und eine Frau schrieb mir diesen Kommentar: „Ein wunderbarer Beitrag zum Thema – vielen Dank! Ich habe die Aussagen von Marina Abramovic in der Art damals auch gelesen und das gleiche gedacht hinsichtlich der jungen Künstlerinnen“.

      2. Auf die Gefahr hin, liebe Mützenfalterin, deine Geduld endgültig überzustrapazieren knüpfe ich nochmal an diese von dir doch gar nicht gewollte Diskussion an. Mich treibt nämlich die Frage um, ob diese emanzipierte, starke Künstlerpersönlichkeit, die Abramovic ja ist, tatsächlich das Jahrhundertealte Privileg der Männer, Kinder zwar in die Welt setzen zu dürfen, der Verpflichtung, diese adäquat aufzuziehen sich aber entledigen können, unangetastet. lässt. (Hier folge ich Annegret Soltaus Verständnis des Interviews, dass sich Abramovic auf Künstlerinnen bezog) In Zeiten, in denen auch Männer selbstverständlich in Erziehungsurlaub gehen (ok, nicht alle) ließe sich zwar – so dachte ich – darüber streiten, wie viel Raum und Energie künstlerische Arbeit fordert, und ob man „daneben“ verantwortungsvoll Kinder großziehen kann. Aber doch nicht über die Frage, ob es da einen Unterschied zwischen Mann oder Frau geben könne. Susanne Hauns Hinweis auf die „Rabenmutter“ passt da ganz gut, denn offensichtlich gibt es nach allgemeinem Verständnis keine „Rabenväter“. Ein Vater, der sein Kind vernachlässigt, leistet im Zweifel eben immer noch etwas Tolles im Beruf. (Und hier spielt es natürlich überhaupt keine Rolle, ob es sich um einen Ingenieur oder einen Künstler handelt). Dass Annegret Soltaus Professoren in den Sechziger Jahren den Studentinnen dringend abrieten, Kinder zu bekommen, ist aus der damaligen Zeit heraus, und in Angesicht des Männerdominierten Kunstbetriebs ja verständlich. (Um so bewundernswerter, dass sie sich nicht an den „Rat“ gehalten hat, wenn ich das an dieser Stelle einfach sagen darf). Aber heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Mein Eindruck ist, dass die Gesellschaft sich nicht wirklich von der Vorstellung verabschiedet hat, wonach die Aufgabe des Vaters darin besteht, das Kind zu zeugen, während es Aufgabe der Mutter ist, es groß zu ziehen (materiell abgesichert durch das Wirken des Vaters). Und arbeitet womöglich manch emanzipierte Frau insgeheim dieser Vorstellung zu, indem sie der Meinung ist, die Beziehung des Kindes zur Mutter sei eben eine besondere, eine, die ein Vater nie zu seinem Kind aufbauen könnte? Lauter Fragen, die mich umtreiben. Nicht zuletzt, weil ich in meinem engsten Umfeld erlebt habe, welche Narben die lebenslange Vernachlässigung, gar Zurückweisung eines Kindes durch den Vater erzeugen kann. Danke für die Geduld!

      3. Na ja gewollt oder nicht. Ich fühlte mich vielleicht ein wenig überfordert mit der Vielfalt die die Diskussion entfaltete. Jetzt habe ich noch einmal nachgesehen und ein Interview von Abramovic gefunden, was möglicherweise ganz erhellend in diesem Zusammenhang sein könnte. Siehe hier: http://bersarin.wordpress.com/?s=abramovic.
        Es geht also wieder um Ausschießlichkeit und um „Opfer“, wie sie es nennt. Und sie bezieht sich dort auf Frauen, weil diese nicht bereit seien so viel zu „opfern“ wie Männer. Ich beschreibe das hier so ausführlich, damit wir uns nicht missverstehen.
        Von Vernachlässigung durch die Eltern könnte Abramovic sicher ein ganz eigenes Lied singen. Vielleicht auch darum die klare Entscheidung gegen Kinder.
        Ja, ich bewundere das auch, wie Annegret Soltau sich entschieden hat und auf welche Art und Weise sie ihre Kinder von Anfang an in ihre Kunst einbezogen hat, ohne sie zu instrumentalisieren, oder zu vernachlässigen.
        Wie viel Verantwortung Männer tatsächlich übernehmen, wie viel der Erziehungsurlaub dazu beiträgt und welche Vorstellungen noch längst nicht überholt sind, ist ganz sicher ein Thema über das sich zu reden und nachzudenken lohnt. Ich sehe jedenfalls bis heute kaum Männer in den Wartezimmern von Kinderärzten, habe nie welche auf den Spielplätzen gesehen, beim Fußball ändert sich das dann, obwohl selbst dort die Mütter überrepräsentiert sind. Dabei ist es meiner Meinung nach ein großer Mangel, wenn ein Kind ohne männliche Bezugsperson aufwächst und sehr bereichernd, wenn sich die Erziehung auch geschlechtsspezifisch ergänzen kann. Natürlich ist die Beziehung zur Mutter eine Besondere, aber wirklich emanzipiert ist man erst, wenn man begreift, dass die zum Vater ebenso besonders ist.
        Ich danke für die Hartnäckigkeit deinerseits.

      4. Ich gebe dir Recht, derdilettant, Väter sind genauso wichtig wie Mütter. Gerade Söhne (Ja – JA – Töchter auch) brauchen ihren Vater genauso wie die Mutter. Ich finde es wichtig, dem Kind zu vermitteln, das beide gleich wichtig sind. Jeder bringt andere Aspekte in die Erziehung ein. Übrigens, Mützenfalterin, der Vater meines Sohnes war beim Kinderarzt, Elternversammlungen, Fußballspiel und Geigenvorspiel genau wie ich anwesend. Wie es sich beruflich bei ihm oder bei mir ergeben hat, waren wir alleine oder zu zweit dort.
        Zuerst haben wir unser Kind gemeinsam erzogen und nach der Trennung hat mein Sohn 12 Jahre bei mir gelebt, zwischendurch mal 1 Jahr bei seinem Vater und nun ist er wieder zu seinem Vater gezogen.
        Wichtig ist, dem Kind eine gemeinsame Linie zu vermitteln. Über die Erziehung gestritten haben wir uns immer nur alleine ohne Anwesenheit des Kindes…..
        Grüße von Susanne

  9. Ich finde, das ist wieder ein anderer Punkt, sicherlich einer, der diskussionswürdig ist, aber der über das hinausgeht, was ich hier anzureißen versucht habe. Erstens ist es sowieso ein Unding Maßregeln für Künstlerinnen und Künstler aufzustellen, die so weit in den persönlichen Bereich hineinreichen, das kann und muss jede/r für sich selbst entscheiden und zweitens sagt dieses von Dir erwähnte Zitat sehr gut, was ich meine, dass es Abramovic eben darum geht, Entscheidungen ganz zu treffen, mit allen Konsequenzen, mit aller Radikalität.
    Ich bin mir allerdings auch sicher, dass es sowohl Künstlerinnen gibt, die Kunst und Kinder vereinbaren können, als auch solche, die an der doppelten Rolle zerbrechen, vermutlich weil die ersteren einen Weg finden, wo das Leben Alltag und Kunst vereinbart, und die anderen beides ganz wollen, was aber nicht gelingen kann. Während Männer vermutlich aufgrund jahrzehntelanger Tradierung noch immer ganz gut damit leben können, die Kinder nur dann als Teil ihres Lebens zuzulassen, wenn es gerade passt. Ich weiß, dass das ungerecht und verkürzt ist, aber ganz an den Haaren herbeigezogen ist es leider nicht. Aber um bei Abramovic zu bleiben, ein Kind, bzw. eine Schwangerschaft war ja u.a. der Grund für die Trennung von Ulay, also er hat ein Kind gezeugt, allerdings mit einer anderen Frau. Ulays Sohn wirkt ja auch bei dem Theaterprojekt mit, das dem Band zugrundeliegt, den Du gelesen und aus dem Du zitiert hast.

      1. na ja, ich denke einfach es geht nicht gleichzeitig supermutter zu sein, alles für das kind zu tun und andererseits alle kraft in die kunst zu stecken. es gelingt, wenn man das kind einbeziehen kann in die kunst und die kunst in das kind, auch wenn das jetzt seltsam klingen mag. ich meine damit, offen zu sein, für die aspekte, die bereiche und sichtweisen des lebens, die man durch diese geänderten lebensumstände geschenkt bekommt. aber das gelingt sicher nur, wenn frau sich von konventionen frei machen kann, sowohl bezüglich dessen, wie eine mutter zu sein hat, als auch wie eine künstlerin zu sein hat. abgesehen von all den anderen aspekten, die da mit hereinspielen, partnerschaft, unterstüzung, betreuungsmögichkeiten etc. pp.

  10. ich wollte damit auch nur ausdrücken, dass man sich als Künstlerin keine Vorschriften und keine Angst machen lassen sollte, wenn man als Künstlerin inbedingt ein Kind/er haben möchte, damit es später kein Leiden und Mangel wird. Als ich Studentin war (Ende der 60iger und Anfang der 70iger Jahre) wurden wir als Kunststudentinnen von den Kunstprofessoren, weibl. Professorinnen gabe es noch nicht, ganz massiv davor gewarnt, sich niemals auf Kinderhaben einzulassen, deshalb hat mich der Ausspruch von Marina Abramovic, dass Künstlerinnen mit Kindern keine guten Künstlerinnen mehr sein könnten, sehr betroffen gemacht. Gerade, weil ich M.A. als Künstlerin sehr schätze. Ich finde, sie kann auch nur für sich sprechen und kein Dogma daraus machen. Sie weiß ja gar nicht, wie es bei ihr gelaufen wäre……Entscheidungen sind noch keine Erfahrungen.

    1. Entscheidungen sind noch keine Erfahrungen, schreibst Du. Aber die Konsequenzen der Entscheidungen, die werden zu Erfahrungen. Und das Dumme am selbstbestimmten Leben ist, dass man dann niemanden für die eigenen Entscheidungen verantwortlich machen kann…
      Ich glaube auch, dass diese Radikalität (auch der Aussagen) zu Abramovics Konzept gehören, Es ist ja durchaus auch das Streitbare an ihrer Kunst, das ich schätze. Vor dem Hintergrund Deiner Erfahrungen muss ich das natürlich noch einmal anders anfühlen. Daher danke für diese zusätzliche Perspektive.

  11. hier noch ein Hinweis: am 24. Oktober 2013 soll es im Kunstarchiv Darmstadt einen Diskussionsabend geben (an dem ich auch beteiligt sein werde) zum Thema: „Die Künstlerin als Mutter“ (Arbeitstitel). Es ist während der Ausstellung „Der weibliche Blick – Vergessene und verschollene Künstlerinnen in Darmstadt 1880 – 1930“.
    Ausstellungsdauer: 23.6.2013 – 28.2.2014

  12. Marina Abramovic ist noch einmal eine andere Generation als viele von uns hier. Sie ist zu einer Zeit geboren, wo es noch nicht so einfach (und akzeptiert) wie heute war, Kinder und Beruf zu vereinbaren.
    Gerade Deutschland ist in diesem Thema noch weit hinter anderen europäischen Ländern wie z.B. Frankreich zurück.
    Es gibt auch in keiner anderen Sprache ein Wort für „Rabenmutter“.

    1. Das ist die eine Seite, aber ich glaube, es gibt auch die Seite, die universell gültig ist, also sich sowohl auf Männer als auch auf Frauen und über kulturelle Unterschiede hinweg erstreckt. Wer ganz und gar und ausschließlich Kunst machen will, kann einfach kein Familienmensch sein, es ist eine andere Auffassung von Kunst, von Anspruch an sich selbst und das, was eine vom Leben und von sich selbst will.
      Für mich sind Kinder eine riesige Bereicherung. Eigentlich sind sie es sogar, die mir erst einen Weg zur Kunst ermöglicht haben, für andere ist die Entscheidung auf Kinder zu verzichten richtig. Ich glaube nur eins sollte man Kindern niemals antun, sie halbherzig aufzuziehen, sich nur halbherzig für sie zu entscheiden.
      Und diese ganze Muttersache, die (für mich unerwartet) zum zentralen Punkt dieser Diskussion geworden ist, wäre durchaus noch einmal einen gesonderten Artikel wert. Vielleicht schreibe ich mal etwas dazu und du machst ein paar Illustrationen. Was hältst du davon?

  13. Mann oder Frau sollte nichts im Leben halbherzig machen!
    Manchmal gibt es eine Entscheidungsphase, was man gerne mir vollem Herzen tun möchte.
    Ich bin der Auffassung, dass Kinder und Kunst mit vollem Herzen zu verbinden sind.
    Denn Kinder müssen auch lernen, die Freiheit des Anderen zu respektieren und den anderen genug Freiraum zu lassen und die eigenen Zeitresourcen gut zu nutzen….natürlich nicht von 1 – 4 Jahre… da brauchen sie viel Aufmerksamkeit und es gilt, gut zu organisieren.
    Schwierig ist das mit den Einsätzen außerhalb der Heimat. Aber man kann eine Ausstellung abbauen gut mit dem Baden im See verbinden, so dass für beide Partein ein befriedigender Ausflug zustande kommt.
    Sicher, ich habe erlebt, dass Galeristinnen (ich betone die weibliche Form) mich für unprofessionel hielten, weil ich mein Kind zum Abbau mitnahm. Bei der einen dachte ich, es war der Neid, weil mir die Verbindung Kunst und Kind gut gelungen ist.
    Ich zeichne im Moment für die Ausstellung in Grimma und für die Antonius Ausstellung in Köln und habe so keine Zeit eine spezielle Illustration für deinen Text zu machen aber ich habe mich natürlich viel mit dem Thema auseinandergesetzt und sende dir von mir Zeichnungen von Mutter und Kind. Ich greife das Thema immer wieder auf und habe gerade eine schöne Auswahl herausgesucht.
    Ich freue mich auf deinen Artikel und sende dir liebe Grüße von Susanne

  14. Eigentlich wollte ich zum Thema keine Stellung mehr beziehen, aber die Diskussion lässt mich hier nicht los: ich bin auch die Generation von Marina Abramovic: 1946 geboren, da war es schon ein großes Wagnis, als Künstlerin zwei Kinder zu bekommen/wollen, ich wurde auch von vielen Kolleginnen gewarnt, es nicht zu tun, das würde mir die Kunst nehmen. Es ist nicht so geworden, ich habe mich damals an dem Thema sozusagen regelrecht abgearbeitet (siehe auf meiner website: http://www.annegret-soltau.de/de/galleries/schwanger-1977-1982 und http://www.annegret-soltau.de/de/galleries/mutter-glueck-1977-1994 sowie Videos „schwanger und La Mamma:http://www.annegret-soltau.de/de/pages/videoarbeiten), weil es nicht selbstverständlich war und ich viele Zweifel hatte, ich habe meine Kinder nicht vernachlässigt, habe sie in meinem 1-jährigen Villa-Massimo-Stipendium auch mitgenommen, obwohl sie noch klein waren. Aber eine „Super-Mutter“ muss man auch nicht sein, die Kinder können gern mitbekommen, dass man ein eigenständiger Mensch ist…mittlerweile bin ich Großmutter.

  15. danke für die nochmaligen ergänzungen. mich selbst hat es überrascht, wie sich die diskussion entwickelt hat. ich war auf dieses explizite mutterthema nicht vorbereitet. ist es nicht interessant, dass gerade frauen die frage nach kompromissen oder eben kompromißlos leben speziell auf das kinderthema zu beziehen scheinen?

  16. Ich habe es ehrlich gesagt am Anfang gar nicht auf das Mutter Thema bezogen — in meiner aller ersten Antwort…. erst als sich die Diskussion dorthin entwickelte.
    Ich bin immer noch felsenfest der Meinung, dass ich in meiner Kunst kompromisslos bin…. aber das hat nichts mit Mutter sein zu tun ….

    1. Genau, Annegret, so sehe ich das auch.
      Deine Arbeiten auf deiner Homepage gefallen mir ausgesprochen gut.
      Veilleicht ergibt es sich ja mal, dass ich sie im Original sehe.
      Ich würde mich freuen.
      Grüße von Susanne

      1. Vielen Dank, Susanne, es wird sicherlich dazu mal eine Gelegenheit geben. Das sich diese Diskussion so entwickelt hat, liebe Muetzenfalterin, liegt wohl daran, dass es immer noch ein wunder Punkt ist und noch brennt. Ich finde es gut, dass das alles einmal zur Sprache kommt, denn Kunst entsteht ja nicht im luftleeren Raum und wirkt in die Gesellschaft hinein so wie aus ihr heraus, das ist gut so.

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