Marina Abramovic. Das Manifest. Dritte These

 

Lange habe ich nichts mehr zu Marina Abramovic geschrieben. Ich könnte sagen, andere Projekte und nicht zuletzt der Alltag mit all seinen Erfordernissen hielten mich davon ab. Aber natürlich wäre das nur die halbe Wahrheit.

 

Ziemlich zu Anfang meiner Beschäftigung mit Abramovic, nachdem ich diesen wunderbaren Film „The Artist is present“ gesehen hatte, habe ich in irgendeinem Videoclip im Netz Abramovic Manifest gefunden und mir alle Punkte daraus abgeschrieben, mit dem Willen sie nach und nach, Punkt für Punkt abzuarbeiten.

 

Dass gerade der dritte Punkt des Manifestes so lange brauchte, um formuliert und angegangen zu werden, scheint mir kein Zufall zu sein.

 

 

 

Keine Kompromisse bezüglich des eigenen Lebens und des Kunstmarktes

 

 

 

heißt dieser dritte Satz. Und wieder ist es diese Art Satz, die auf den ersten Blick so einleuchtend und klar und einfach erscheint, während in Wirklichkeit außerordentlich komplex ist, was an Anforderungen und Konsequenzen dahinter steckt.

 

 

 

Geht das überhaupt, ein Leben ohne Kompromisse?

 

Auf den Kunstmarkt bezogen mag das noch angehen, dann hat man es mit einem souveränen Künstler zu tun, dem die eigenen Ideen wichtiger sind als öffentliche Anerkennung, der seine Qualitätskriterien selbst und weitesgehend unabhängig vom jeweiligen Markt setzt und verfolgt. Aber auf das eigene Leben bezogen?

 

In diesem weiten Rahmen gelingt das wohl wirklich nur, wenn man eine Entscheidung voll und ganz fällt, wenn man, wie Abramovic sagt, ich lebe die Kunst, ich mache meine Auffassung von Kunst, von Performance, zu meinem Leben, nicht nur zu einem Ziel, zu einem Aspekt, sondern tatsächlich zum zentralen Inhalt. Dafür hat sie Beziehungen geopfert, dafür hat sie auf Kinder verzichtet. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Einen Preis, den ich niemals bereit gewesen wäre zu zahlen. Andererseits habe ich auch niemals so sehr an mich und meine „Kunst“ geglaubt.

 

Es gibt eben nie wirklich beides. Wieder dieser Feigenbaum aus der Glasglocke von Sylvia Plath, wenn man sich nicht entscheiden kann (und Entscheidung meint immer Verzicht), verhungert man unter dem Baum voller Feigen, ohne eine einzige Möglichkeit ausprobiert zu haben.

 

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