Die Strahlkraft des Unverständlichen

 

Ich habe von unserem Apfelbaum geträumt. Wie die verfaulten Äpfel hinabregneten. Uns beinahe erschlugen.

 

 

Davon habe ich nichts gesagt. Ich habe gelesen. Einige Seiten in die Stille gesprochen, und sie sagten: Zweifellos schöne Sätze. Aber sie stehen in keinem Zusammenhang. Es ist eine Frage der Reihenfolge. Worauf willst du hinaus?

 

 

Seltsame Fragen, die ich unmöglich beantworten konnte, weil es keine Fragen sind, die sich mir stellen. Ich will auf nichts hinaus. Ich will vielmehr tiefer in etwas hinein. Unter die Oberfläche, eindringen, in das, was in den Satzpausen gesagt wird.

 

 

Ich glaube nicht, dass Literatur den selben Regeln folgt, wie das Leben, der Alltag: Erst dies, dann das. Trotzdem haben sie Recht. Und ich sollte mich auf die Suche nach den Sätzen machen, die beide Postitionen verbinden.

 

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18 Gedanken zu “Die Strahlkraft des Unverständlichen

  1. man sollte die sätze, die man schreiben will, nicht vorher aussprechen. sonst werden sie unaufschreibbar.
    das hast du gemacht – an ihrer stelle andere gesagt. platzhalter – weniger inhaltlich als räumlich. um der stille zu begegnen.
    ja, die „wahren sätze@ wachsen nicht an alltagsbäumen. und manchmal fallen sie uns nachts in den schoss.
    wenn wir die ernten versäumt haben, verfaulen sie.
    gute rechtzeitige ernte wünsch ich dir!

    1. interessant deine deutung.
      mir ging es allerdings wirklich um die beiden positionen, von denen ich denke, sie haben ihre berechtigung. was nicht bedeutet, dass mir irgendjemand die entscheidung (und schon gar nicht den prozess der überarbeitung) abnehmen kann.
      das ist eben der große unterschied zwischen „netzliteratur“ und der anderen art von literatur, die meiner meinung nach nur im stillen gedeihen kann.

      1. ich wollte auf keinen fall position beziehen, sondern einfach ein paar assoziationen in die leeren zeilen schubsen … 🙂

        ja, du hast recht, da gibt es unterschiede zwischen öffentlichem netz- und privatem schreib-raum, auf jeden fall.

        schreiben folgt nicht den gesetzen der chronologischen zeit. und darum ist ein folgerichtigkeitsstreben nach alltagsregeln meist eher hinderlich.

        ich mag deine gedanken sehr, sie machen, dass ich mir beim schreiben anders zuschaue …

  2. Zuerst mal: Was @rittiner gomez sagt!
    Und dann zu: „Es ist eine Frage der Reihenfolge.“ Wer solche Sätze sagt, kommt mit einer bestimmten Erwartung, statt mit Neugier und Offenheit. Aber ein Autor ist nicht da, um die Erwartungen der Leser zu bedienen. Umgekehrt sind allerdings auch die Leser nicht da, um die Erwartung des Autors zu bedienen oder seine Hoffnungen zu erfüllen. Man muss auf beiden Seiten wohl immer mit allem rechnen. Oder darf es. Das ist eine Frage der Betrachtung.
    Ich mag diese scheinbar zusammenhanglosen Sätze, weil sie Freiräume zur Entfaltung eigener assoziativer Gedanken bergen.

    1. ich würde das nicht unterschreiben wollen, dass diejenigen die das gesagt haben, nicht mit neugier und offenheit, sondern mit erwartungen zuhörten. ich denke reihenfolge ist schon eine berechtigte forderung und wirft die autorin auf ihre faulheit zurück, dinge eben immer nur fliessen lassen zu wollen, statt zu feilen und zu überarbeiten.
      du schreibst ja selbst „scheinbar“ zusammenhanglose sätze. ich denke darauf kommt es an, dass etwas vielleicht nicht auf den ersten blick und offensichtlich zusammenhängt, aber dass man fühlen kann, dass es eben doch nicht gänzlich disparate sätze sind, die nebeneinander gereiht wurden.

      1. Ob es an der Faulheit der Autorin liegt, kann nur diese selbst beurteilen. Oder ein Lektor, mit dem sie sich dann aber in Kommunikation befände über das, worum es ihr geht und wie dies am besten auszudrücken sei. Als neugierige und offene Leserin rechne ich aber zunächst einmal mit allen Möglichkeiten, auch solchen, die mir nicht einfallen. Ich kann dann sagen, ob mir etwas zusagt oder nicht und vielleicht auch begründen, woran es liegt. Und ich kann, wenn es sich um ein bereits verlegtes und also abgeschlossenes Werk handelt, aufgrund meiner Leseerfahrung eventuell ein annähernd objektives Urteil fällen, aber selbst das kann hinterfragt und durch das Urteil eines anderen Lesers relativiert werden.
        In oben geschilderten „Fall“ wurde die Autorin durch ein – eigentlich anmaßendes, wie ich es sehe – Urteil auf eine Schwäche hingewiesen, die sie dann tatsächlich selbst eingesteht. Hoffentlich aber nach Selbstprüfung und nicht in blindem Vertrauen auf die Urteilskraft des Lesers.

  3. „… das ist natürlich wahr.“ Jeder hat so seine Wahrheit. Manche treffen sich, manche tun es etwas und manche sind vollkommen auseinander. Die möglichen Schnittpunkte zu finden ist interessant. Ich glaube, es gibt viele Wahrheiten. Die Literatur, wie jede Kunst, kann sie wi(e)derspiegeln, auch verfremden und so abbilden und – vielleicht – etwas befördern. Das macht es so spannend.

  4. Ich gebe zu: Wahrheit ist ein sehr großes Wort. Und damit schnell inhaltsleer. Allerdings unterscheide ich für mich zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Während es nahezu unzählbar viele sehr individuelle Wirklichkeiten gibt, gibt es doch auch einige wenige universelle Wahrheiten. Und klar, die Kunst kann damit spielen. Wichtiger aber noch, für mich jedenfalls, ist, dass die Kunst genau das, was für alle gemeinsam wahr ist, was aber nicht so einfach ausdrückbar ist, schon gar nicht in einem gemeinsamen Vokabular, das Kunst eben genau dem einen Ausdruck geben kann.

  5. Ich finde, es ist egal, wie man es macht. Beides kann schön sein, beides ist wichtig, beides kann in ein und dem selben Text sogar nebeneinander, untereinander existieren. Wichtig ist nur, dass die Art, für die man sich entscheidet, zu dem Element, in das man will, Zugang findet. Dass man selbst Meister dieses Werkzeuges ist und das Gefühl hat, damit kommt man weiter.

    Es gibt für mich in dieser Frage kein richtig und kein falsch. Ich würde vielleicht nur sagen, dass – wenn man einen ganzen Roman in dieser angeblich „zusammenhanglosen Art“ schreiben möchte, man darauf gefasst sein muss, dass viele ihn nicht zu Ende lesen werden. Sind es kurze Texte, wird die Nachhaltigkeit des Ungesagten viel intensiver an einem haften, als wenn es lange sind, weil der Kopf irgendwann auf „Automatik“ switcht und ungenau wird, nachlässig und faul. Hat man kürzere Texte in der Form, würde man sich vermutlich eher die Muße erlauben, sie an sich haften zu lassen, um die leeren Stellen zu verstehen, sich zu fragen, warum sie leer stehen und warum man sie mit dem füllt, mit dem man sie gerade eben gefüllt hat. Es ist eben wie ein guter Wein. Eine teils spirituelle Erfahrung, aber eine, die – wenn sie über das Sinnliche hinausgehen soll – viel Eigenanteil (vom Leser) beansprucht. Nicht jeder ist bereit, diesen Anteil zu geben.

    1. nein richtig und falsch gibt es nicht. aber gelungen und weniger gelungen. und letztendlich kommt es immer auf die souveränität des autors an, der wissen muss, dass er es nie allen recht machen kann, und auch nicht soll.

  6. Vermutlich neigen wir Menschen dazu, ständig Kategorien bilden zu wollen / müssen, um etwas Erlebtes, Gesehenes oder Gehörtes einordnen zu können. In der Literaturwissenschaft geschieht das ja ebenso selbstverständlich (zunächst jedenfalls), wie in anderen Disziplinen, beispielsweise der darstellenden Kunst, auch. Ein Dada-Text darf, wenn er als solcher außerdem auch noch bezeichnet wird, anders agieren als eine Kürzestgeschichte oder ein Aphorismus. Auch in der darstellenden Kunst wird ja immer wieder eingeordnet, kategorisiert und lokalisiert. Zumindest von außen. Immer wieder irritierend und mitunter sehr humorvoll ist es für mich, bei einer Vernissage Interpretationen von Kunsthistorikern zu den einzelnen Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler zu erfahren; vor ein paar Jahren war einer von ihnen dermaßen perplex, als er von seiner „blauen Phase“ erfuhr, dass er selbst kurz den Raum verlassen musste. Lächelnd immerhin.
    Aber endlich zurück zum eigentlichen Thema: Du kennst vielleicht den „Roman“ Malina von Ingeborg Bachmann. Hier kann man (oder ich zumindest) gut sehen, wie innerhalb eines geschlossenen Textes immer wieder einzelne Sequenzen aufgrund ihres Inhaltes oder der Form scheinbar nicht „passen“ oder dazugehören.
    Integriert sind sie dennoch. Es ist ein anstrengender, aber sehr individueller, phantastischer Text.
    Ob das nun das eigentliche Thema war? Sorry, wenn ich es missverstanden haben sollte.
    Dennoch herzlichen Dank für diese Diskussionen und Gespräche hier,

    liebe Grüße, mb

    1. was du von malina schreibst, trifft genau das, was ich meinte. es geht hier, wie in so vielen fällen im leben, um die balance, zwischen der arbeit, dem bemühen, sich verständlich zu machen und den notwendigen abweichungen, dem eigensinn, der jedem text erst seinen reiz, seine notwendigkeit verleiht.

  7. Interessante Betrachtung. ich frage mich, was genau mit „Strahlkraft“ gemeint ist. Das Schweigen zwischen den Sätzen ist für mich eher etwas Sirrendes, das nicht leuchtet.
    Schöne Diskussion hier!

    1. Schöne Frage.
      Ich glaube die Strahlkraft bezieht sich nicht auf das Ungesagte, Ungeschriebene, sondern wirklich auf das, was nicht verständlich ist, das „Geheimnisvolle“, wenn Du so willst.

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