Ausweitung

Während die Eltern nach und nach Körperfunktionen und Gedächtnis einbüßen, weitet die Tochter sich aus, verinnerlicht die Vergangenheit, die Geschichten, breitet sich in den Zimmern aus, die die Eltern nicht mehr betreten, übernimmt Verantwortung und verliert Achtung.

Wie soll man Eltern gegenübertreten, die weder ihre Namen noch die notdürftigsten Umgangsformen kennen?

Wie lange kann man sich zusammennehmen, wenn das Mitleid verbraucht ist?

27 Gedanken zu “Ausweitung

  1. In wenigen Momenten, vielleicht, kann man es schaffen, das Bleibende zu sehen. Trotz aller Verluste, Ausfälle, Grenzüberschreitungen. Und auch wenn es nur eine besondere Art des Lächelns ist, oder eine besondere Körperhaltung, ein bestimmter Blick: es gibt Dinge, die bis zum Ende nicht verloren gehen. Es ist schwierig, diese überhaupt wahrzunehmen, ich weiß

    1. ich glaube, dass du recht hast, dass man diese „identitätsanker“ wahrnehmen kann, aber wenn man ununterbrochen mit der pflege beschäftigt ist, andauernd verantwortung übernehmen muss, und sich quasi in nichts ausweitet, hat man dann noch die kraft, das zu erkennen? und selbst wenn man es erkennt, es zu würdigen?

      1. Naja, du hast schon Recht. Das Schwierigste ist, sich noch Freiräume zu schaffen, sich nicht völlig einnehmen zu lassen. Routine wäre gut, diese schafft zumindest innere Freiräume… allerdings ist es eben auch so, dass jede Routine sofort durcheinandergewirbelt wird, wenn die alten Damen und Herren wieder eine Stufe auf der Kognitions- und Körperfunktionsleiter nach unten rutschen. Daraus folgt auch gleich, dass es keine Erfolgserlebnisse für diejenigen gibt, die sich bemühen. Schon die ansatzweise Erwartung eines Erfolgserlebnisses, sei es auch „bloß“ eine sich im Verhalten widerspiegelnde Würdigung dessen, was man da so treibt, stellt sich jeglicher Gelassenheit kämpferisch entgegen. Wie will man sich von solchen Ewartungen befreien? –
        Andererseits: Ich sitze gerade jetzt hier am Küchentisch meiner Kindheit und füttere so ein altes, zerbrechliches Wesen, das mich früher gefüttert hat, als ich klein war und zerbrechlich. Und es gibt immer noch diese Momente, da lächelt meine Großmutter mich genauso an wie früher, da scheint sie mich für den Funken eines Augenblicks zu erkennen, und in diesen (seltenen) Momenten erinnere ich mich an ihr Leben vor ihrer Demenz (wie lange ist das her – 7 oder 8 Jahre). Sie war wirklich eine großartige Frau, als sie noch bei Kräften war, und dieser Blick, dieses Lächeln erinnert mich an ihre eigentliche Persönlichkeit. Vor der Krankheit kann man keine Achtung haben, das ist unmöglich. Vor dem erkrankten Menschen schon, denke ich. Auch wenn diese Unterscheidung mitunter wirklich schwer fallen kann..

      2. vielen dank für diese warmherzige, schöne ergänzung zu deinen gedanken. das ist wunderbar, wenn man einen menschen so geschätzt und geliebt hat, dass man diese unterscheidung immer wieder treffen kann zwischen krankheit und der person, die von dieser krankheit befallen worden ist. diese unterscheidung ist an sich ein sehr wichtiger gedanke, finde ich. und ich bedanke mich, dass du mich mit deinem kommentar darauf aufmerksam gemacht hast. und wünsche dir und deiner großmutter trotz allem noch viele solcher lächelnder momente.

  2. Vielleicht beginnt die eigentliche Ausweitung da, wo man kapituliert und das Zusammennehmen aufgibt. Eine Ausweitung, in der man erst Raum für sich und irgendwann dann auch für die anderen findet, denn je weiter es wird, umso mehr Platz haben alle Arten von Unvermögen und lässt sich Solidarität mit dem anderen empfinden allein aufgrund seines ebenso Ausgeliefertseins an die Endlichkeit.

    1. das klingt alles sehr schön, iris. und theoretisch gebe ich dir sofort recht. aber wie anders gestaltet sich die situation, wenn sich jemand entschließt ein schwer pflegebedürftiges elternteil allein zu pflegen? wie sieht das alles aus, vor dem hintergrund des schlechten gewissens, weil man entschieden hat, das nicht leisten zu können und die eltern einem heim anvertraut?

      1. Ebendieses meinte ich mit ‚Platz haben für alle Arten von Unvermögen‘: auch für das eigene, manchmal vor allem für das. Mag sein, dass sich Mitgefühl und die Fähigkeit zur Versöhnung erst später, erst lange danach einstellen. So habe ich es erlebt. Ich glaube, man darf neben aller Anstrengung auch Geduld mit sich selbst haben. Und ich glaube, dass es nicht ohne irgendeine Form von Unterstützung geht. Aber schmerzfrei geht es eben auch nicht.

      2. genau. es geht nicht ohne unterstützung. und das legen sich viele dann aber als unvermögen aus. als abschieben. was weiß ich. ich fand diesen aspekt am schwersten auszuhalten und für mich am wichtigsten an dem großartigen film von michael haneke „liebe“.

  3. ich bin fasziniert, wie du es immer und immer wieder schaffst in solch kurzen Zeilen eine ganze Geschichte zu erzählen, für die manche einen 500seitigen Roman brauchen …
    ein Drama ist es, eine Tragödie auch, ich möchte die Eltern schütteln und der Tochter zuraunen: du bist nicht allein …
    großartig, liebe Elke!!!

    herzliche Grüße
    Ulli

  4. ist mitleid eine kerze, die eines tages heruntergebrannt ist? oder ist sie eine blume, die als zwiebel den winter überschläft und von der liebe(n sonne) reanimiert wird?
    hm … ich weiss es nicht …
    nachdenkliche grüße, soso

    1. mitleid braucht kraft, denke ich. achtung auch, sicher, aber eben auch kraft und freiräume, wenn die aufgebraucht sind und der einzelne sich selbst bedroht und in die enge getrieben sieht, genügt mitleid nicht mehr, manchmal nicht einmal die liebe…

  5. Wenn man die Achtung aufgibt – weil man nicht mehr kann, weil man etwas misssverstanden hat oder auch nur Gedankenverloren ist – dann gibt man sich selbst auch ein Stück auf. Das ist bei Leibe nicht einfach. Man ficht diesen Kampf jeden Tag aufs Neue. Manchmal gewinnt man, oft unterlegt man, kurzfristig auch. Das nutzt ganz gewaltig ab. Das ist aber Nichts gegen den Verlust den man hat, wenn man die Achtung beiseite schiebt.

    1. ich fürchte, was du mit achtung meinst, verstehe ich nicht ganz. und im zusammenhang mit „hilflosen“ personen finde ich es auch schwierig von achtung zu sprechen. ich weiß nicht, ob ich achtung empfunden habe, für meine kinder als sie ganz klein und hilflos waren, vielleicht eher grenzenlose liebe und eine riesige wertschätzung. aber selbst das geht vermutlich nur eine bestimmte zeit lang, zum glück werden sie ja jeden tag selbstständiger, was bei alten menschen eben nicht der fall ist, da ist eher zu erwarten, dass der verfall noch weiter fortschreitet. aber eine sache glaube ich zu verstehen, von dem, was du geschrieben hast. wenn ich die achtung vor einem anderen verliere, verliere ich einen teil des anrechts auf selbstachtung für mich.

      1. Ein ziemlich heikeles Thema. Um es nochmal klar zu stellen: Alles, was ich schreibe, beruht auf meinem subjektiven Empfinden. Jeder fühlt da sicherlich anders. Und das mit Recht. Ich will da niemanden bevormunden.
        Bei kleinen Kindern ist es wohl leicht, sie zu achten. Pubertierenden Menschen gleiche Gefühle zu erweisen, da wird schon schwieriger. Bei den Alten und Kranken ist das sicherlich ganz schwer. Trotzdem glaube ich, das Gefühl ist das Gleiche. In jedem Alter sind wir darauf angewiesen, akzeptiert und geliebt zu werden. Das ist ja keine Einbahnstrasse. Unter Achtung verstehe ich, jemandem auf Augenhöhe zu begegnen. Ich glaube auch, dass es Liebe nur geben kann, weil man in der Lage ist, ein Wesen zu (be-)achten. Berthold Brecht hat es wohl mal so fomuliert: „Liebe ist mit den Fähigkeiten des Anderen etwas Positives zu gestalten.“ Das ist nicht immer nett, weil oft nicht von Anerkennung oder gar Erfolg gekrönt. Niemand hat uns versprochen, dass unsere Bemühungen schön gefunden werden. Da greift man schnell mal ins Klo. Aber wir müssen es doch ständig versuchen.
        Ich bin glücklich verheiratet, habe drei Kinder und alte Eltern. Meinen Vater habe ich fast zehn Jahre beim Sterben begleitet. Es wurde Teil meines Lebens. Das war bestimmt nicht immer einfach. Aber am Ende haben wir es geschafft uns von einander in Würde und mit Achtung zu verabschieden. Da war eben auch ein Verständnis dabei, welche Formen der Liebe es geben kann; auch: dies zu akzeptieren. Achtung bedeutet ja nicht, dass wir alles richtig machen. Nur wer nichts tut macht grundsätzlich etwas verkehrt.
        Liebe Grüße
        mick

      2. Auch Dir, Mick, ganz herzlichen Dank, dass Du nochmal so ausführlich und verständlich auf meine Frage, mein Unverständnis eingegangen bist. Ich habe durch euch, meine klugen und einfühlsamen Kommentatoren viel über das Thema gelernt, jedenfalls neue Aspekte kennen gelernt und mir damit neue Perspektiven erschlossen. Ganz herzlichen Dank dafür!
        Was Du speziell zur Achtung schreibst, finde ich sehr interessant, und ich denke, du hast Recht. Die Liebe bleibt, auch wenn sie unterschiedliche Formen annimmt, unterschiedliche Phasen durchläuft, und solange die Liebe bleibt, bleibt auch die Achtung.

      3. Auch Dir, Mick, ganz herzlichen Dank, dass Du nochmal so ausführlich und verständlich auf meine Frage, mein Unverständnis eingegangen bist. Ich habe durch euch, meine klugen und einfühlsamen Kommentatoren viel über das Thema gelernt, jedenfalls neue Aspekte kennen gelernt und mir damit neue Perspektiven erschlossen. Ganz herzlichen Dank dafür!
        Was Du speziell zur Achtung schreibst, finde ich sehr interessant, und ich denke, du hast Recht. Die Liebe bleibt, auch wenn sie unterschiedliche Formen annimmt, unterschiedliche Phasen durchläuft, und solange die Liebe bleibt, bleibt auch die Achtung.

  6. Achtung – habe ich unterschiedlich erhalten und empfinden und leben können.
    Aber es hat bald zwanzig Jahre gedauert, bis ich mich an den Mensch vor Alter und Krankheit wieder erinnern und die Wertschätzung wieder entdecken konnte.
    Das empfinde ich als das Tragische, dass die letzten Eindrücke, Lebensjahre erst einmal so prägend für mein Empfinden wurden. Und glaube nicht, ich hätte mir nicht alle Mühe gegeben.

    1. das finde ich einen spannenden aspekt, den ich so noch gar nicht bedacht habe, dass die erinnerung sich dann ein stück weit selbstständig macht, und man nicht ganz autonom ist, in der entscheidung an welche zeiten und dinge man sich erinnern möchte.

  7. Wenn man sich nur vor solchen Krankheiten, die die Bindung zerstören, schützen könnte. Ich wäre dann lieber in einem Heim, stelle ich mir vor. Wie es sich aber wirklich anfühlt, das weiß ich nicht und kann es mir auch nicht vorstellen.

    1. nein, das kann man sich vermutlich nicht vorstellen. und ich würde jetzt und hier, in meiner derzeitigen situation auch nicht wollen, dass meine kinder mich irgendwann pflegen müssen. ich würde auch sagen, gebt mich in ein heim. obwohl ich weiß, wie unschön es dort mitunter zugehen kann, ich habe selbst jahrelang im altenheim gearbeitet, auch wenn das schon lange her ist, hat sich ja das meiste nicht zum besseren gewandelt. aber wie man fühlt und entscheidet, wenn es so weit ist, kann ich jetzt nicht sagen.

  8. Ein sehr schwieriges Thema (mal wieder), eines, das ich sehr oft verdränge. Was tun, wenn der Tag kommt, an dem man seine Eltern pflegen muss? Ich mag gar nicht daran denken. Nicht, weil ich mich vor der Arbeit scheue (ich würde mir Rat und Hilfe holen), aber es auszuhalten, dass sie die Schwächeren sind und ich dann die Stärkere. Allein die Tatsache, dass sie dann Hilfe brauchen. Meine Mama ist nur 16 Jahre älter als ich. Wäre ich egoistisch, würde ich mir wünschen, vor ihr zu gehen, aber das kann ich nicht. Ach, doofe Gedanken … Tut mir Leid.

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