Kriegsbilder

Irgendwann im Wartezimmer ist mir der erste Artikel über Kriegsberichterstatter in die Hände gefallen, es ging um zwei Männer deren Leben ihr Beruf ruiniert hatte, beide litten unter posttraumatischen Belastungsstörungen aufgrund der Erlebnisse, die sie während ihrer Reportagen gemacht hatten, beide waren mehrfach lebensgefährlich verletzt worden. Wenig später las ich in einem Magazin die Geschichte einer Kriegsfotografin, die während ihrer Reportagen ein Auge verlor und nur mit Alkohol weitermachen konnte. Dann sah ich „Das Leiden anderer betrachten“ von Susan Sontag und las es.

Wozu gibt es Kriegsfotos? Warum setzen sich Menschen dieser Gefahr aus? Und: bewirken diese Fotos etwas? Das waren meine Fragen.

Virginia Wolff konnte in ihrem Essay Drei Guineen (1936/37) noch die Überzeugung vertreten, dass sich über „das Ansehen von Bildern“ eine gemeinsame Basis finden lasse, eine Grundlage, von der aus man ohne große „Verständigungsschwierigkeiten“ argumentieren kann. Kriegsfotografien hielt sie demnach für ein probates Mittel zum Einverständnis darüber zu kommen, dass Krieg „eine Abscheulichkeit, eine Barbarei [ist], Krieg muss verhindert werden.“

Kann man das heute noch glauben? Kann überhaupt noch jemand daran glauben, dass sich Kriege auf lange Sicht verhindern lassen?

Eine weitere Tatsache, auf die Wolff in ihrem Essay hinweist ist die Feststellung, dass die „Kriegsmaschine männlich“ ist. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Inwiefern ist das von Bedeutung und wie hängt es mit der Frage der Fotografien zusammen?

Susan Sontag bezeichnet Kriegsfotografien als Rhetorik: „Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion des Konsensus.“ Zwischen Mann und Frau, Freund und Feind, Sieger und Besiegten.

Natürlich, denke ich, muss sichtbar gemacht werden, was in einem Krieg geschieht. Mir fällt ein anderes Buch ein, „Die Schreie der Verwundeten“ von Henning Ritter, in dem er u.a. von Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes berichtet. Mitleid kann es nur geben, wenn die „Schreie der Verwundeten“ wahrgenommen werden, das ist Dunants Überzeugung und sein Beweggrund, die Schlacht von Solferino besonders aus Sicht der Verwundeten und Leidenden zu schildern. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Berichtes, findet die erste Rot-Kreuz Konferenz statt.

Sontag geht von einer anderen Tatsache aus: „Wo es um das Betrachten des Leidens anderer geht“, schreibt sie, „sollten wir kein „wir“ als selbstverständlich voraussetzen. Statt also „aufzuklären“, sichtbar zu machen, was vormals verborgen blieb, bestärken die Bilder in erster Linie die Meinung und Haltung, die der Betrachter bereits vor der Ansicht der Fotos hatte. Jemand, der den Krieg verabscheut, sieht sich durch die Greuel und das Leiden auf den Fotografien bestätigt, jemand, der voller Hass auf eine anderer Nation oder Volksgruppe ist, nährt seinen Hass durch Bilder von Verwundeten des eigenen Volkes.

Worauf es ankommt, ist also die Interpretation der Fotos, mittels Bildunterschriften, die Täter und Opfer kenntlich machen. Oder, um einen Schritt zurückzugehen, die Entscheidung, welche Bilder, welche Grausamkeiten gezeigt werden.

Das ist die Seite derjenigen, die die Macht über die Bilder ausüben. Als Betrachter wiederum, gerät man schnell in die Rolle eines Voyeuers.

Und dann die „Beweismacht“ der Fotos. Im Gegensatz zu Gemälden galten Fotos und gelten immer noch, als Beweise. Was aber beweisen Fotos ohne die jeweiligen Überschriften, Untertitelungen? Wie gut kann sich die „Wahrheit“ des Fotos gegen die der Worte, die es einordnen, behaupten?

Inzwischen ist bekannt, dass viele der berühmt gewordenen Kriegsfotografien gestellt waren. Das bekannteste (wenn auch friedliche) Beispiel für die Aufregung der Betrachter, wenn sich herausstellt, dass ein Foto gestellt ist, ist Doisneaus Foto der Liebenden vor dem Hôtel de ville. Sontag schreibt dazu: „Besonders heftig ist unsere Bestürzung, wenn sich Fotos als arrangiert erweisen, die intime Höhepunkte festzuhalten scheinen, vor allem solche der Liebe und des Todes.“

Erst seit dem Vietnamkrieg, so Sontag, könne sich der Betrachter einigermaßen sicher sein, daß keines der bekannt gewordenen Fotos gestellt war.

Eine ganz andere Frage ist die, was die Anwesenheit von Kriegsreportern in einem Krisengebiet bewirkt. Sontag berichtet von einem Foto, das 1968 von Eddie Adams aufgenommen wurde, bei dem der Chef der südvietnamesischen Polizei, General Loan einen Verdächtigen nur deshalb auf offener Straße erschießt, weil ein Fotograf anwesend war.

Inwiefern machen wir uns mitschuldig an solchen Taten, wenn wir Kriegsfotos, Kriegsberichte ansehen?

Andererseits rücken Fotos und Berichte vom Krieg das Geschehen näher, bewahren vor dem Vergessen.

Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos“, schreibt Susan Sontag.

Wie wirken die Bilder auf uns, abgesehen davon, dass sie uns zu Voyeueren machen, welche Gefühle rufen sie hervor? Abscheu? Mitleid? Ignoranz? Haben die Bilder eine Botschaft für uns?

Sontag stellt dazu folgende These auf: „Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde. Unser Mitgefühl beteuert unsere Unschuld und unsere Ohnmacht.“ Das heißt diese Fotos beeinflussen unsere Wahrnehmung von Krisen. Je mehr Fotos, desto größer die Wahrnehmung. Andererseits ist es gerade die Überflutung mit Bildern, die uns abstumpfen lässt.

Ich finde keine eindeutigen Antworten auf die Fragen, auch nach der Lektüre von Sontags Essay nicht. Aber vielleicht ist es wichtiger, dass die Fotografien Fragen aufwerfen, als allzu einfache Antworten zu liefern.