Kritik, Zeitgeist und die Notwendigkeit sich im eigenen Zweifel souverän zu geben

Jetzt habe ich zwei Bücher, in die ich vielleicht nicht große, aber doch Erwartungen gesetzt hatte, die enttäuscht wurden, verrissen. Hätte ich sie nicht zu rezensieren gehabt, ich hätte sie nicht zu Ende gelesen. In der Rezension steckt somit meine Rache für die Last, etwas zu Ende zu bringen, von dem ich längst wusste, dass es nichts mit mir zu tun hat. Alles, was ich geschrieben habe, meine ich wirklich so, ich habe Belege dafür, ich habe versucht, mein Urteil nachvollziehbar zu machen. Trotzdem war ich ungerecht. Ich habe die Bücher nicht gewürdigt, als das, was sie sein wollten, was sie vermutlich auch sind. Literatur, die dem Zeitgeist entspricht, die viele andere Menschen unterhält. Die somit ihr gutes Recht hat.

Vielleicht hätte ich die Form von Inhalt trennen sollen, oder vielleicht war gerade das das Ärgerliche, das, was eine Besprechung (und das Lesen) für mich so ausweglos gemacht hat; dass Form und Inhalt nicht zu trennen waren. Denn insofern erfüllten die Bücher die Anforderung an „gute Literatur“, die Sprache korrespondierte mit dem Inhalt, mit dem was transportiert werden sollte. Warum kann (und will) ich mich nicht darauf beschränken, Inhalt und Form wiederzugeben, ohne wertend einzugreifen? Wertend, bereits beim Lesen. Es gelingt mir nicht, mich herauszuhalten, meine Erwartungen, die ich an Literatur habe, zurück zu stellen, um vorurteilsfrei an das jeweilige Buch herangehen zu können.

Das und die Notwendigkeit, sich zu beschränken, einen Punkt auszuwählen, an dem man sich abarbeitet, dabei eine Souveränität beanspruchen (behaupten), die ich mir eigentlich nicht zugestehe. Ich nehme mir ein Recht, ohne daran zu glauben, dass ich es verdient habe. Und muss mir das Recht zugestehen, mich zu irren. Mir ein Recht auf Irrtum einräumen.

26 Gedanken zu “Kritik, Zeitgeist und die Notwendigkeit sich im eigenen Zweifel souverän zu geben

    1. Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr zweifle ich daran, dass das möglich und sinnvoll ist. Denn, da hat Iris schon Recht, wenn ich eine Lobhudelei schreibe, ist das auch nicht wertfrei. Wertfrei wäre ja höchstens eine Inhaltsangabe möglich. Ich hadere eher mit dem Dünkel, den ich selbst habe, wenn ich das lese, was den deutschen Feuilletons gefällt. Feuilletonliteratur hat das einmal ein Bekannter genannt. Aber wer bin ich denn, dass ich mich über Bücher erhebe, die ihre Leser haben und ihr Publikum? Ich glaube meine Herausforderung suche ich eher darin, die Widerstände zu begreifen, die ich bei solcher Literatur empfinde und mich dann an diesen Widerständen abzuarbeiten.

  1. ich glaube nicht an objektivität bei buchbesprechungen. manchmal erschrecke ich, wie bücher, die ich liebe und „positiv“ bespreche, von andern verrissen werden – und umgekehrt.
    ist es nicht gerade die idee einer rezi auch die persönliche „leseerfahrung“ sichtbar zu machen? inhalt und form trennen? bei büchern praktisch unmöglich!
    ja, etwas nicht mögen ist dein gutes recht. zumal du es dir ja nicht leicht gemacht hast.
    anders wäre es, wenn du aus purer anstand *würg* geheuchelt hättest.

    ich mag diese ehrliche auseinandersetzung hier mit der aufgabe der rezension. hut ab und kompliment!

    1. objektiv können sie sicher nicht sein, sollen sie auch nicht, aber dem, was ulli wertfrei nennt, kann man näher kommen, oder es lassen. es ist sicher auch ein stück ignoranz dabei, wenn man etwas nicht an sich heranlässt, sich nicht ehrlich damit auseinander setzt, und die voruteile vorschickt.
      geheuchelt habe ich nie, aber ich habe die erste zeit lang, die ich rezensionen geschrieben habe, schon versucht, meine meinung zu verbergen, irgendwie neutral zu bleiben…

      1. das dilemma verstehe ich gut, und neutralität finde ich auch gut – oft. 
        aber will ich nicht gerade, wenn ich eine rezension lese, etwas herzblut? ich lese nicht gerne rezi, wo einfach nur steht, was passiert. da könntest du ja genausogut einen wiki-artikel lesen. 
        hihi, das war jetzt auch ganz und gar sujektiv.
        (gibt es wertfrei wirklich, wirklich, meine ich?)
        liebgrüß, soso

  2. Ich bezweifle ebenfalls, dass es rein objektive Rezensionen überhaupt gibt, allenfalls rein sachliche, die sich emotionslos mit Form und Inhalt auseinandersetzen. Letztere finde ich aber oft gähnend langweilig, weil sie blutleer sind, wie von Maschinen geschrieben. An guten leidenschaftlichen Verrissen kann ich mich ebenso erfreuen wie an guten, fast schwärmerischen Lobpreisungen – solange die Sicht weder vernebelt noch verklärt ist und nicht nur die Emotionen sprechen, sondern die Besprechung schon Hand und Fuß hat.

    1. ja, das sehe ich ebenso. ich selbst erfreue mich auch zuweilen an „guten“ verrissen, wenn sie von anderen geschrieben sind, bei mir selbst ist es schwer zu beurteilen, ob die sicht eben nicht vernebelt oder verklärt ist. es bleibt wohl immer ein drahtseilakt.

  3. Interessant, dass dieselben Zweifel sich nicht (oder viel weniger) einstellen, wenn einem etwas gefällt und man es deshalb positiv bewerten kann. Bleibt es doch auch dann eine Bewertung, von der man sich fragen kann, ob man das Recht dazu hat, vor allem, sie mit dieser behaupteten Souveränität vorzunehmen. (Ich vermute, dass Du damit so etwas wie einen behaupteten objektiven Standpunkt oberhalb des Autors meinst? Denn eine subjektive Souveränität habe ich ja als Leserin. Natürlich steht es mir vollkommen frei, ein Buch gut oder schlecht zu finden.)
    Übrigens habe ich bisher alle Deine Rezensionen sehr gerne gelesen und als angenehm empfunden, dass Du Dich darin weder über Buch und Autor noch über den Leser erhebst. Und das will etwas heißen! Denn grundsätzlich habe ich so meine Probleme mit Rezensionen. Ich finde meine Lektüre lieber selbst, als Lesebefehlen überheblicher Selbstdarsteller zu folgen. (überspitzt formuliert)

    1. Ich finde es leicht nachvollziehbar, dass die zweifel nicht bei gut empfundenen büchern auftauchen, bzw. die skrupel, weil man ja weder dem autor noch dem verlag weh tut, wenn man etwas überschwengliches schreibt, ganz anders ist das eben mit negativer kritik. ich bin in solchen fällen, speziell beim buch „freuds schwester“ dann auch eher wütend auf den verlag, den lektor, der den autor nicht dazu gebracht hat, wirklich das beste aus dem buch zu machen, denn das potenzial war ja da.
      gute frage, was ich überhaupt mit souveränität meine, ich glaube ich meine in erster linie tatsächlich das recht, mir eine meinung über das buch zu bilden und diese meinung nachvollziehbar darzustellen. nicht eine sicht, die irgendeine art von „wahrheit“ beanspruchen könnte.
      was genau meinst du mit „objektivem standpunkt oberhalb des autors“?
      und ganz herzlichen dank für die beurteilung meiner bisherigen rezensionen. das freut mich sehr.

      1. Stimmt, es ist im Prinzip leicht nachvollziehbar. Es hat aber in meinen Augen stark mit der Haltung des Rezensenten und der Formulierung seiner Rezension zu tun. Auch in negativer Kritik kann eine Wertschätzung liegen (wie es ja anscheinend in Deinem Beispiel der Rezension von „Freuds Schwester“ auch der Fall ist), und auch eine positive Kritik kann anmaßend daherkommen.
        Aber das Recht, Dir eine Meinung zu bilden, hast Du ja in jedem Fall. Diese Souveränität als Leserin. Niemand kann von dir verlangen, etwas gut oder schlecht zu finden. Dass Du an diesem Recht zweifelst bzw. an dem Recht, diese Meinung dann auch darzulegen, führte mich zu dem Schluss, es ginge um mehr als eine Meinung, eher so etwas Richtung Deutungshoheit.

      2. „Deutungshoheit“, das ist ein Stichwort das ganz gut passt, obwohl gerade das etwas ist, was ich mir niemals zugestehen würde, und auch nicht wollte. Klar habe ich ständig latente Minderwertigkeitskomplexe, wenn ich rezensiere, weil ich nicht, wie so viele Kritiker, wie wohl die meisten Kritiker, ein literaturwissenschaftliches Studium habe, weil mir viel von dem Hintergrund, dem Handwerkszeug fehlt, das diese Leute haben, und natürlich geht es um etwas anderes, etwas verantwortungsvolleres als um meine Souveränität als Leserin. Ich bin dann ja in einer anderen Rolle, ich sehe mich da durchaus ein Stück weit in der Verantwortung gegenüber den Lesern meiner Besprechung, die sollten danach schon in etwa wissen, worum es in dem Buch geht, ob es sich für sie lohnen könnte oder nicht. Und genau das ist der Punkt: ich möchte darüber informieren, aber ich will niemanden bevormunden. Was mir nicht gefällt, kann anderen durchaus gefallen und umgekehrt. Danke, dass Du mir mit diesem Stichwort zu Klärung dieser Position verholfen hast.

      3. dazu noch ein kleiner input: wer, wenn nicht die leserin und der leser, haben denn das recht, sich eine meinung über ein buch zu bilden? sie sind die „endverbraucher“ – du nimmst dir ja auch ein recht, dir eine meinung über alles andere zu bilden: filme, bilder, nudeln, textilien … ist es nicht genau das, was wir sollen? und eine eigene kritische meinung zu bilden? mit deinen kritischen rezi setzst du unter umständen kreative prozesse in gang. vielleicht sogar bis hin zu verlegern und autoren? das wäre doch super … kritik kann auch ermutigung zur verbesserung sein! 🙂

  4. Gerade in Zeiten, wo Klappentext-Prosa und Verlags-PR von immer mehr so genannten Publikationen mit „Service-Anspruch“ nahtlos übernommen werden, ist eine gut argumentierende kritische Auseinandersetzung um so wohltuender, weil sie zeigt, dass sich dort jemand intensiv mit dem Buch beschäftigt hat. Natürlich gibt es böswillige Verrisse, aber die sind relativ leicht zu identifizieren. Manchmal ist es sogar schwerer, ein fundiertes Lob zu verfassen, ohne sich von den Jubelarien von Verlagsseite anstecken zu lassen.

    1. Gut fundiert und von der Argumentation her nachvollziehbar, das ist wohl der Punkt, um den es geht. Denn eine Position zu beziehen lässt sich bei Rezensionen nicht umgehen. Und letztendlich ist ohne Zweifel alles nichts…

  5. Ein Kritiker hat einen Standpunkt, und muss ihn haben, alles andere wäre Unsinn (genauso wie ein Journalist eine Meinung haben darf). Gerade weil ich die Qualitäten und den Standpunkt eines Kritikers kenne, werde seine Besprechungen lesen. Allerdings sollte er seinen Standpunkt reflektieren und so weit relativieren (oder: abwägen) können, dass das Wort Besprechung in vollem Wortsinn Geltung erlangt.

  6. was heißt für mich wertfrei? wertfrei nenne ich eine Rezension oder Kritik, die fern von gut oder schlecht ist, die aber sagt, was sie mit dem/der Lesenden gemacht hat, z.B. dass mich z.B. eine Geschichte, ein Buch, ein Film etc. gelangweilt hat oder mich das Thema nicht angesprochen hat oder, wie du oben schreibst, dass du ein Potential gesehen hast, dies aber nicht zum vollkommenen Ausdruck kam … damit bleibt man bei sich selbst und den eigenen Empfindungen und „beurteilt“, bzw. „verurteilt“ nicht-

    tolle Diskussion – danke und herzliche Grüße Ulli

  7. Ich habe über dieses Buch geschrieben:
    http://allesmitlinks.wordpress.com/2013/02/28/wie-ein-roman/
    Ist das jetzt objektiv? Ich hoffe doch, dass es das nicht ist. Immer wenn ich ein Buch lese, dann spielt doch meine ganz bestimmte Befindlichkeit eine Rolle. Die Sachen, die mich gerade bewegen – oder auch scheinbar kalt lassen – beeinflussen doch den Prozess des Lesens. Wenn ich jemanden finde, der ähnliches sieht wie ich, so ist das ein großes Glück. Schon ein anderer Standort oder ein anderer zeitlicher Rahmen sind Beispiele dafür, wie ein neues Bild entstehen kann. Das Erleben einer Geschichte wird doch immer beeinflusst von so vielen Faktoren.

    1. Das sehe ich mittlerweile vollkommen ein. Objektiv geht nicht und soll auch gar nicht sein. Aber die Bewertung darf nicht so tun, als wäre sie der Weisheit letzer Schluss und der Kritiker muss kenntlich bleiben, mit seinem Recht auf Zweifel und Missverständnis.

    1. Ich danke euch sehr für diese tolle Diskussion, die mir meinen Standpunkt noch einmal verdeutlicht hat, und nicht nur das, es steht sich jetzt besser dort, standfester mit allem Recht auf Zweifel.

  8. Vielleicht fällt es dir so schwer, ein Werk ernsthaft zu kritisieren und in Frage zu stellen, weil du dir sehr gut vorstellen kannst, wie es ist, missverstanden zu werden oder bei eigenen Werken nur an einem schwachen Aspekt festgenagelt zu werden. Ich finde, das prädistiniert dich eigentlich dafür, genau das zu wagen, weil du trotz deiner Kritik und deiner eigenen Meinung vermutlich immer noch den Feinfühler in dir hast, der abwägt, wann du einen Künstler wirklich triffst und wann du Aspekte vorbringst, die ihm vielleicht sogar bei seiner Entwicklung helfen könnten. Es ist ja nicht so, dass du ein wirklich manchmal unverschämter Ranicki bist.

    Objektivität gibt es nicht, Wertfreiheit sowieso nicht. Du weißt ja, was ich davon halte, immer alles wertfrei sehen zu wollen. Wie soll das gehen? Du schreibst über ein Buch, du besprichst es, und da du bist, wer du bist, fallen dir besondere Aspekte ins Auge – und genau das macht eine Rezension so interessant: zu sehen, welche Aspekte bei Person X [oder dir] beim Buch der Autoren oder Autorinnen eine kleine Nische gefunden hat, um sich daran zu laben und zu reiben. Deine Rezensionen habe ich bis jetzt am Liebsten gelesen, eben wegen ihrer Ausgewogenheit, wegen der Fähigkeit, ein Thema und den Autor selbst zu umkreisen und nicht „nur“ die Geschichte, nicht „nur“ die Form, sondern auch den Kontext der Entstehung.

    1. Ganz herzlichen Dank, liebe Sherry. Überhaupt allen hier noch einmal ganz herzlichen Dank für eure Meinungen, Gedanken, Einschätzungen, die mir geholfen haben, mich meines Standpunkts zu vergewissern, und mir Mut machen, weiter zu machen, so gut ich kann.

  9. Interessanter Artikel der mir sehr gut gefällt; vor allem wegen der anregenden Wirkung und die vielen klugen Kommentare! Habe eine gte neue Woche.
    Herzliche Grüße aus dem Rheinland
    Dina

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