Claudia

Sie hatte dieses Gefühl, dass sie alles gründlich machen musste. Ein Buch, auch wenn es ihr nicht gefiel, zu Ende lesen, eine Beziehung, auch wenn sie sich innerlich längst verabschiedet hatte, zu Ende zu führen [zum Ende zu führen].

Ich stellte mir das Leben, das sie meiner Meinung nach führen musste, trostlos vor. Trotzdem konnte nicht einmal mir entgehen, wie ausgeglichen und heiter sie war. Sie strahlte ein mir vollkommen unverständliches Einverständnis mit sich und der Welt aus. Manchmal tauchte dieser Gedanke auf, dass sie der Friede sei, der mir bei meinem ständigen Kampf gegen alle und jedes fehlte. Ein kleiner verrückter Gedanke, den ich schnell wegschob.

Ich kannte sie schon lange. Seit sie vor zehn Jahren mit ihren Eltern in unsere Straße gezogen war. Ich hatte gerade meine Lehre zum Automechaniker abgebrochen, um jetzt doch wieder zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Ich war 18 Jahre alt, mir stand die Welt offen. Ich konnte noch jede Entscheidung treffen und sie anschließend wieder rückgängig machen.

Vermutlich wäre mir Claudia gar nicht aufgefallen, dieses stille, angepasste und überall integrierbare Mädchen, das mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in das Haus von Professor Hügelmann gezogen war, wenn meine Mutter nicht ausgerechnet sie dazu auserkoren hätte, mich mit den mir fehlenden Grundlagen der Mathematik vertraut zu machen.

So kam es, dass eines Nachmittags dieses blasse, dünne, 16jährige Mädchen in der Tür zu meinen Zimmer stand. Mit einem zaghaften Lächeln und einem Berg von Unterlagen.

Sie hatte eine Begeisterung für mathematische Phänomene, die mich dazu brachte, wenigstens so viel zu verstehen und zu behalten, dass es mir tatsächlich gelang mein Abitur zu bestehen. Nicht so glänzend wie sie und mit zwei Jahren Verzögerung, aber an jenem Abend war das kein Grund, dieses Ereignis nicht gebührend miteinander zu feiern.

Sie trank nicht, sie rauchte nicht, aber sie schien sich dennoch prächtig zu amüsieren. Sie war mir ein Rätsel. Ein Rätsel, das ich vergaß, sobald ich meinem Elternhaus den Rücken kehrte, um weitere Kapitel meines Lebens aufzuschlagen und, wie sich später herausstellen sollte, nicht abzuschließen, sondern durch weitere Neuanfänge zu ersetzen.

 

Erinnerung ist eine Form des Vergessens. Nicht das Gegenteil davon“ (Richard Powers)

7 Gedanken zu “Claudia

      1. Ja.
        Sie führt einen kleinen Buchladen in der Altstadt. Ihre Haare sind so rot, wie die Ziegel der Dächer, wenn Abends die Sonne drauf scheint. Sie raucht noch immer nicht. Gelegentlich trinkt sie abends ein Glas Wein mit Professor Hügelmann, der inzwischen auf seine Gehstöcke angewiesen ist.
        Sie sagt, du sollst ‚ihn‘ grüssen. Und mal wieder bei ihr im Geschäft vorbei kommen.

  1. das schreit förmlich nach fortsetzung. ich will wissen, was aus claudia wurde. und aus ihm, dem späten abiturienten … ist dieser ausschnitt ein ausschnitt – also teil eines ganzen? einer geschichte?
    ein sehr schön geschriebener, dichter, vielschichtiger text – du kannst gut menschen zeichnen. hab ich das schon mal gesagt? gedacht schon oft.

    herzlich, soso

  2. Vielleicht muss Claudia einfach ein Phänomen bleiben, damit wir uns fragen, warum innerer Frieden uns, wenn er uns begegnet, so irritiert. Und dann ist sie auch noch intelligent … Und ich war doch schon längst dabei gewesen, sie als einfältig abzustempeln.

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