Mittwoch am Meer

Vor lauter Kälte und Dinge schon im voraus erledigen, habe ich ganz vergessen, dass heute ja wieder Mittwoch ist, der Tag, an dem ich das Gastrecht der Insel in besonderem Maße geniessen darf.

Und vielleicht habt ihr es schon bemerkt, dass ein Bahnhof entstanden ist auf der Insel, mit dem die Inselbewohner auch das Innere der Insel erkunden können…

Claudia

Sie hatte dieses Gefühl, dass sie alles gründlich machen musste. Ein Buch, auch wenn es ihr nicht gefiel, zu Ende lesen, eine Beziehung, auch wenn sie sich innerlich längst verabschiedet hatte, zu Ende zu führen [zum Ende zu führen].

Ich stellte mir das Leben, das sie meiner Meinung nach führen musste, trostlos vor. Trotzdem konnte nicht einmal mir entgehen, wie ausgeglichen und heiter sie war. Sie strahlte ein mir vollkommen unverständliches Einverständnis mit sich und der Welt aus. Manchmal tauchte dieser Gedanke auf, dass sie der Friede sei, der mir bei meinem ständigen Kampf gegen alle und jedes fehlte. Ein kleiner verrückter Gedanke, den ich schnell wegschob.

Ich kannte sie schon lange. Seit sie vor zehn Jahren mit ihren Eltern in unsere Straße gezogen war. Ich hatte gerade meine Lehre zum Automechaniker abgebrochen, um jetzt doch wieder zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Ich war 18 Jahre alt, mir stand die Welt offen. Ich konnte noch jede Entscheidung treffen und sie anschließend wieder rückgängig machen.

Vermutlich wäre mir Claudia gar nicht aufgefallen, dieses stille, angepasste und überall integrierbare Mädchen, das mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in das Haus von Professor Hügelmann gezogen war, wenn meine Mutter nicht ausgerechnet sie dazu auserkoren hätte, mich mit den mir fehlenden Grundlagen der Mathematik vertraut zu machen.

So kam es, dass eines Nachmittags dieses blasse, dünne, 16jährige Mädchen in der Tür zu meinen Zimmer stand. Mit einem zaghaften Lächeln und einem Berg von Unterlagen.

Sie hatte eine Begeisterung für mathematische Phänomene, die mich dazu brachte, wenigstens so viel zu verstehen und zu behalten, dass es mir tatsächlich gelang mein Abitur zu bestehen. Nicht so glänzend wie sie und mit zwei Jahren Verzögerung, aber an jenem Abend war das kein Grund, dieses Ereignis nicht gebührend miteinander zu feiern.

Sie trank nicht, sie rauchte nicht, aber sie schien sich dennoch prächtig zu amüsieren. Sie war mir ein Rätsel. Ein Rätsel, das ich vergaß, sobald ich meinem Elternhaus den Rücken kehrte, um weitere Kapitel meines Lebens aufzuschlagen und, wie sich später herausstellen sollte, nicht abzuschließen, sondern durch weitere Neuanfänge zu ersetzen.

 

Erinnerung ist eine Form des Vergessens. Nicht das Gegenteil davon“ (Richard Powers)