Ein grünes Automobil

Es war Sommer

Ich hatte das Warten noch nicht verlernt

Es ist vorgeschrieben sich zu erinnern

Bis das Vergessen sich einstellt

Ich fragte dich

Weißt du wo der Regen geboren wird

Im Winter zur Welt kommen

Und nicht wissen wohin man geht

Mit der richtigen Frage das Unsterbliche verwirren

Die Zeit anhalten um irgendwo anders in ein grünes Automobil zu steigen

Nicht um anzukommen

Nicht um unterwegs zu sein

Nur um da zu sein

Irgendwo

In einem grünen Automobil

[Erstveröffentlichung 2010 in Zeichen & Wunder]

13 Gedanken zu “Ein grünes Automobil

  1. liebe Mützenfalterin,

    ein Text, der sich sofort in mir niederlässt und sich weiterwebt- ich frage dich, ist Erinnerung wirklich vorgeschrieben? und sage ja, weil sie immer kommt, weil sie kommen muss, weil sie nicht anders kann, bis sie sich verbraucht hat …
    Und ich fragte dich, wo werden die Wellen geboren?

    DaSein und SoSein, die höchste Kunst des Seins …

    herzliche Grüße
    Ulli

  2. Mein erstes eigenes Auto war ein froschgrüner Daihatsu Charade. An diesen erinnert mich Dein Gedicht, bei dem mich einzig die Zeile „nicht um unterwegs zu sein“ irritiert. (Aber ich mag Irritiertsein. :-))
    Unterwegs zu sein, mit meinem grünen Auto, weit fahren zu können, mit heruntergelassener Scheibe und voll aufgedrehtem Radio, das war für mich eine zeitlang der Inbegriff von Freiheit.

    1. Mir ist gerade die „irritierende“ Zeile wichtig. Für mich macht sie einen großen Teil, wenn nicht sogar d i e Essenz des Gedichtes aus.
      An dieses Gefühl, jung zu sein, mit dem ersten eigenen Auto und Autoradio, kann ich mich auch noch gut erinneren…

  3. Wieder ein Gedicht, dass mich anregt, meine eigenen Gedanken weiterzuspinnen. Angesprungen hat mich vor allem
    „Im Winter zur Welt kommen
    Und nicht wissen wohin man geht“
    und ich frage mich, auch wenn ich jetzt völlig von deinem Text abschweife, ob ein Mensch, der im Winter geboren wird, die Welt nicht mit ganz anderen Augen sieht. Lernt er zu laufen, mit circa einem Jahr, ist die Welt draußen kahl, grau, oder schneebedeckt, es ist kalt.

    1. Nicht erst, wenn er beginnt zu laufen. Er lernt die Welt zwischen Frieren und dick eingepackt kennen, ich habe zwei Söhne, der eine ist im Winter geboren, der andere im Mai. Ich glaube schon, dass sie einen unterschiedlichen Zugang zur Welt haben…

  4. und um sich zu vergewissern, dass man da ist. weil man im grünen mobil sitzt.

    schöner text … ich mag diese bildhafte sprache einfach total gerne.

    herzlich, soso

    (ps: wenn du einen solchenlyrischen text ohne zwischenzeile schreiben möchtest, kannst du beim enter-tippen gleichzeitig die hochstelltaste tippen. beide gleichzeitig getippt ergibt einen“halben“ umbruch, der ein weiterschreiben auf der nächsten zeile (also direkt unter der letzten, ohne zwischenzeile) ermöglicht. nur falls dich das interessiert …)

  5. Was für eine wunderbare Zeit war das, in der man glaubte, die Zeit anhalten zu können, Wünsche hatte, wie in ein Hoffnungsfahrzeug zu steigen, um „da“ zu sein, präsent mit allen Sinnen, sich richtig zu fühlen. Mitten im Leben. Auf der Fahrt. Damals, als man „das Warten noch nicht verlernt“ hatte.

  6. Bess Kommentar lässt mich meinen eigenen weiterdenken: Eigentlich empfinde ich mich immer als besonders „da“, wenn ich unterwegs bin. Nicht auf der Flucht oder zu einem bestimmten Ziel, sondern einfach in Bewegung.

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