Ausreden

Ein Satz, der sofort als ich ihn gelesen habe, getroffen hat. Und der mich seither nicht loslässt.

Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht).  Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.

Der Satz ist von Andrea Stifter und steht in einem Nachruf auf die slowenische Dichterin Maruša Krese und gefunden habe ich ihn in der Lyrikzeitung.

9 Gedanken zu “Ausreden

    1. ich für mich verstehe es noch ein wenig anders, häufig lässt man sich totschweigen von eloquenten zusammenhangsbehauptungen, die man nicht im geringsten zu durchschauen imstande ist, (wobei man ich meint), dabei ist das niemals das, worum es geht, das worum es geht, wo sich politik mit menschlichkeit verbindet, das versteht jeder. was fehlt ist dann nicht das verständnis, sondern der mut. der mut sich auseinander zu setzen, auch der mut, vielleicht in den augen des anderen als naiv und dumm dazustehen.

      1. ja, da sagst du etwas sehr wichtiges und weises: es geht um diese zivilcourage, die unserer mainstreamgeföhnten gesellschaft oft abgeht. danke!

  1. Ich glaube auch, dass der letzte Satz eigentlich verrät, dass es um fehlenden Mut ging und nicht um echtes Nichtverstehen. Politik und Menschlichkeit können sicher zusammen gehen. Ich bezweifle nur, dass man seine Ideale behalten kann, wenn man selbst in der Politik ist und etwas verändern will. Zumindest sind viele Persönlichkeiten daran schon gescheitert und standen vor der Entscheidung „Pest oder Cholera“. =(

    1. das stimmt natürlich. aber was du da ansprichst ist eben politik als institution, die sich mit genau diesen, schwer durchschaubaren zusammenhängen auseinandersetzen muss, ein politischer mensch kann man dennoch sein, indem man sich nicht abschrecken lässt von den unmöglichkeiten und weiter hinsieht, nicht hinnimmt und vielleicht sogar die kraft findet wider besseres wissen an den utopien festzuhalten. du bis für mich so ein politischer mensch im besten sinne.

      1. Vielleicht siehst du mich einfach zu gut. Ich bin manchmal fassungslos und so desillusioniert und brauche dann so meine Zeit, um weiterzumachen. Diese Sache ist wie eine ständig offene Wunde; ich vermute, ich werde ein freies Iran nicht mehr erleben. Und ich stehe vor der Entscheidung, ob ich meine Kinder überhaupt mit diesem Land verbinden soll und damit ihre Sehnsucht in Feuer lege oder ob ich es lasse und sie ein ruhiges Leben lassen soll. Nicht so ein Unruhiges und Hin- und Hergerissenes wie meins. Sorry, das führt wieder alles so weit, vielleicht viel zu weit von deinem Text. Aber er hat das ausgelöst.

      2. Nein, das führt gar nicht zu weit, das führt vielmehr genau in den Kern dessen, worum es geht; Menschsein, Menschlichkeit und Politik lassen sich nicht trennen.

  2. „Menschsein, Menschlichkeit und Politik lassen sich nicht trennen.“ da schließe ich mich an – und ich finde, dass man sich beziehen soll und muss, gerade wenn man schreibt oder malt oder … deswegen muss ich nicht ein in politk gebildeter mensch sein! es gibt viele wege an einer besseren welt zu bauen

    1. Genau das meine ich. Man muss versuchen, offen zu bleiben, nicht abzustumpfen und nicht aufzugeben, sondern immer wieder kleine Lücken finden, um Verständnis und Aufmerksamkeit zu wecken.
      Und zu Sherry noch einmal: ich bin natürlich in einer unvergleichbar priviligierten Lage Dir gegenüber, das habe ich schon häufig erwähnt, ich kann diesen Zwiespalt von dem Du sprichst, nur rein intelektuell nachvollziehen, mir bloß vorstellen, wie das ist, mit so einer nie verheilenden Wunde, einem Land, das man liebt, mit seinen wunderbaren Menschen und wunderbaren Traditionen, das man zwar für sich trennen kann von den politischen Verhältnissen, aber nur theoretisch. Praktisch gibt es furchtbare Erinnerungen und dieses ewige Leben in zwei Welten. Trotzdem glaube ich nicht, dass Du wirklich die Wahl hast, Deine Kinder damit zu konfrontieren oder nicht. Du bist genauso Iranerin wie Deutsche und genauso werden sie Dich wahrnehmen und lieben.

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