Was vom Leben übrig bleibt

GrabimSchnee

Grab

Mit dem Fotoapparat auf dem Friedhof. Frische Kränze. Eine Trauergesellschaft in der Kapelle. An Beckett und seine Prosa gedacht. Daran, wie es sein wird, unter Erde und Kränzen zu liegen und dass ich mich im Grunde noch immer für unsterblich halte.

Die Unterschiede. Die Beobachtung.

Das, was vom Leben übrig bleibt.

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31 Gedanken zu “Was vom Leben übrig bleibt

    1. mir war gar nicht bewusst, dass ich eine frage gestellt hatte. aber es muss wohl so gewesen sein 😉
      die resonanz überrascht mich wirklich.
      danke, dass du den anfang gemacht hast.
      viele grüße m.

      1. Hallo M.!
        Ja, für mich war es eine Frage und eine ganz schön wichtige, denn in der Beschäftigung mit meinen „Seelenkästen“ versuche ich dem auf die Spur zu kommen (http://juergenkuester.wordpress.com/2013/03/11/tja-meinte-er/)
        Ich glaube, dass wir es nur sehr schwer ertragen können, dass nach unserem Dahinscheiden vielleicht nichts mehr ist. Und wir stellen alle möglichen geistigen Dinge an, um dieser Gewissheit zu entfliehen.
        So denke ich jetzt.
        Aber sicher bin ich mir nicht oder will es auch nicht sein.
        LG Juergen

      2. Die Visualisierung bzw. die Idee des Seelenkastens gefällt mir sehr. Danke für den Link.
        Für mich ist diese Unsicherheit, das was Angst macht. Wenn ich sicher sein könnte, es kommt wirklich nichts mehr, wäre es leichter für mich. Aber das ändert sich alles im Laufe des Lebens, glaube ich, und wie man dann im allerletzten Moment empfindet, kann wohl jetzt niemand sagen.
        viele Grüße m.

  1. das, was vom leben übrig bleibt, klingt ja immer so klein (asche, sarg), dabei bleibt mehr – das in den herzen der lieben ist viel mehr.

    unter kränzen? hm. vielleicht doch besser ein waldgrab? hm-hm.

    1. ich denke normalerweise nicht an särge und asche, wenn ich daran denke, was vom leben übrig bleibt. ich kann mich noch an die diplomprüfung erinnern, da wurde mir die frage gestellt, wer denn eigentlich darüber entscheiden sollte, wie ein begräbnis verlaufen soll usw. und daraus entspann sich dann ein gespräch, für wen so eine trauerfeier eigentlich da ist, für den toten oder für die hinterbliebenen. das war eine frage, die ich mir tatsächlich, trotz intensiver beschäftigung mit dem thema, bis dahin nicht gestellt hatte. und ich finde sie nach wie vor nur auf den ersten blick und spontan leicht zu beantworten, sobald man anfängt darüber nachzudenken, wird alles sehr kompliziert.

      1. ja, du sagst es.
        ich für mich glaube, diese feiern sind in erster linie für die hinterbliebenen.
        was wirklich bleibt – ja, eine große, unlösbare frage, denn letztlich geht es nicht um materie.

  2. Was von dir übrigbleibt, sind deine Taten, die in Köpfen der anderen ‚hängenbleiben‘, das ist ‚unsterblich‘ – ob du in das ‚Rad der Wiedergeburt‘ einsteigst ist Ansichtssache, und wenn ich mir vorstelle ich läge im Wald unter den Wurzeln eines Baumes, so sähe ich kein Problem darin als ‚Nährstoff‘ für Tier- und Pflanzenwelt weiter zu existieren, das ist auch ‚unsterblich‘
    Tobias

    1. wenn du das jetzt so schreibst, weiß ich gar nicht so genau, ob ich wirklich unsterblich sein möchte. die unsterblichkeit die du anführst, in den köpfen der anderen, dauert allerdings auch nur so lange, bis niemand mehr da ist, der sich an mich erinnert, das kann u.u. sehr schnell gehen, wenn ich mir zu.b. überlege, wie wenig ich von meinen großeltern weiß, von den urgroßeltern ganz zu schweigen.
      ja, als kompost zu dienen ist in ordnung, nur ob das noch geht, so kontanimiert wie ich inzwischen bin 😉

  3. Liebe zum „Hier“ und „Jetzt“ und der Versuch, ein angenehmer Zeitgenosse zu sein, ist vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, wie es sich unter der Erde anfühlt.

    1. du hast natürlich recht. das ist eine antwort. allerdings eine, die die prioritäten anders setzt. ab und an, denke ich, darf man getrost auch an die endlichkeit und an das danach denken.
      kennst du dieses lied von ludwig hirsch: ich lieg am rucken. grauselig schön, sag ich dir.

  4. Mir fällt hier ein Zitat von Albert Schweitzer ein, es ist mein Lieblingszitat und ich denke oft daran:

    „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“

    Vielen Dank für diesen besinnlichen Beitrag heute! Tut gut.

  5. Der Künstler Christian Boltanksi beschäftigt sich in seinem Werk seit vielen Jahren mit dem Tod. Einmal bereiste er mit einem Tonbandgerät die ganze Welt und nahm Herztöne von Menschen auf. In einem bestimmten Raum, ich glaube in Japan, sind nun alle diese Herzen zu hören. Manche haben längst aufgehört zu schlagen, aber dort klingen sie noch immer. Das bleibt.

    1. jetzt, da du den namen erwähnst, erinnere ich mich daran, schon von ihm gehört zu haben. das projekt ist irgendwie unheimlich, oder?
      ich erinnere mich, wie man mich während der schwangerschaft die herztöne meines kindes hat hören lassen, das war schon ein seltsames gefühl, dass in meinem körper zwei herzen schlagen, aber die herztöne von bereits verstorbenen zu hören, das ist bei weitem unheimlicher.

      1. Ja, weil es den Geist (die Erinnerung) an die Materie zurückbindet – gewissermaßen den (geistigen) Nachhall eines Verstorbenen ins Materielle zurück projeziert. Und das schlagende Herz ist ja der Inbegriff von Leben…

  6. Ich denke gar nicht so selten an das „Danach“. Intensiver begann ich mich damit zu beschäftigen, als meine Freundin für ihre Diplomarbeit in Psychologie u.a. auch mit mir ein Interview führte, in dem es auch um die Frage ging, wie und ob ich mir ein Grab vorstelle, welche Bedeutung es für mich haben könnte. (Du hast ja oben etwas ähnliches geschrieben.)
    Als der Mann meiner Zwillingsschwester vor beinah einem Jahr gestorben ist, verzichtete sie bewusst auf einen Grabstein und eine größere Beerdigung. Für einige Verwandten wirkte das wie ein Affront; ihnen fehlte dieser Ort und die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Und dann vergesse ich auch nie den Satz meiner Schwiegermutter, die nach dem vierten Besuch am Grab ihres Mannes sagte: „Hier finde ich Dich nicht!“.
    Vielen Dank für Deinen anregenden Text und die Erinnerung an Ludwig Hirsch! Die LP, auf der das Stück ist, habe ich mit etwa 20 inhaliert. Tatsächlich sehr schön grauselig!
    mb

  7. Ich glaube, wir liegen richtig mit unserem sehr instinktiven Gefühl, unsterblich zu sein. Du weißt, dass ich in einigen Dingen eine verkorkste „Wissenschaftlerin“ bin, aber selbst, wenn ich wissenschaftlich denke, komme ich nicht umhin, mehr Indizien für ein Bewusstsein nach dem Ableben des Körpers zu sehen als dagegen.

    Ich glaube, dass von uns viel mehr übrig bleibt, als wir im Leben waren, weil wir weitsichtiger sein werden und von bestimmten Grenzen entbunden werden. Grenzen wie kognitive Kapazitäten, Schmerzen, körperliche Schwächen, Wut und Hass, von tendenziöser Wahrnehmung und chronologischem Zeitempfinden.

    Und selbst, wenn all das nicht übrig bliebe, so haben wir durch unsere Taten, durch unsere Eigenarten, durch Liebe und auch Hass in Menschen Empfindungen gesät, die sich in irgendeiner Weise weiter entfalten werden, nicht nur eine Generation weiter, sondern vermutlich bis ans Ende der Zeit, auch wenn uns nicht mehr bewusst ist, woher wir dies und jenes haben, so spielen unsere Ur-Ahnen immer noch eine Rolle in uns. So oder so, wir bleiben unendlich.

    1. Die Kultur und die Spuren, die wir, jeder einzelne von uns, in ihr hinterlassen haben, die bleiben, auf jeden Fall länger als wir. Letztendlich wird die Natur den längeren Atem haben, denke ich.
      Ich denke, rein rational, dass nach dem Tod alles vorbei ist, und eigentlich empfinde ich das als tröstliche Idee, nur bin ich nicht vollkommen überzeugt, und deswegen habe ich nach wie vor Angst vor dem Tod.

      1. Das stimmt, die Natur wird entweder den längeren Atem haben oder gleich mit uns untergehen. Aber warum und wann sie untergeht, um wieder neu anzufangen, kann zumindest zu einem geringen Teil mit unserer Lebensweise als Spezies beantwortet werden. Deshalb gehören wir zu ihrem langen [oder kurzen] Atem, gehören zu ihrer Entwicklung, zu ihrem Untergang und ihrer Auferstehung. Das ist ja das Faszinierende für mich: unser Einfluss wird nie vergehen, weil wir immer Teil einer Multikausalkette sein werden, die nur aufhört, wenn nichts mehr ist. So viele Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier, haben wir Vögel auf der Welt. Sie beeinflussen die ökologischen Nischen und wie wir morgens im Frühling oder Sommer aufwachen. Ist das nicht wundervoll?

        Von meinem Gefühl und meiner Enttäuschung dem Universum od. Gott gegenüber würde ich auch sagen, danach kann nichts mehr kommen, denn wir jucken ihn/sie nicht wirklich, falls es ihn/sie/es überhaupt gibt. So rein rational betrachtet aber, also wenn ich z.B. die gehäuften Nahtoderlebnisse mit selben Mustern betrachte und es für mich deutlich wird, dass solche NTE weder einen biologischen Sinn erfüllen noch dadurch erklärt werden können, dass sich bleibende Impulse im Gehirn plötzlich entleeren [das würde nämlich keine echte Handlung, Wahrnehmung und Chronoligie ergeben, sondern einfach nur Kauderwelsch, ohne Sinn!], dann würde ich sagen, das Bewusstsein scheint auch dann noch zu funktionieren, wenn das Gehirn als tot angesehen wird. Zumindest spricht im Moment mehr dafür als dagegen.

        Man darf gespannt sein!

  8. Meine Schwestern, meine Schwager, ich und die Mutter meines Sohnes werden zusammen in einem Friedwald unter einer Buche beigesetzt werden. Ich hoffe, wir werden auch im Stadium der Nichtexistenz viel zu lachen haben. Eine Art Rennen ist eröffnet: Wer kommt als Letzte/Letzte in den Genuss, von allen herzlich begrüßt zu werden? Diese Vorstellungen sind bereits jetzt tröstlich. Was bleiben wird? Der Sinn, den wir unserem Leben geben.

  9. Mir geht es wie dir, Mützenfalterin, auch ich halte mich immer noch für unsterblich und ich weiß nicht, ob das einfach nur dumm oder ignorante Verdrängung ist oder vielleicht gar nicht so schlecht.

  10. Am Ende – das kann ein Trost sein oder aber auch nicht – bleibt vom Leben nichts übrig. Zumindest nicht für die Toten. Ob sich aus einer solchen Sicht irgendwelche Imperative ableiten lassen? Nein. Eher nicht. Allenfalls eine gewisse Lebenskunst zu pflegen und ästhetisch gepolt an die Dinge heranzugehen, kann Maxime sein: Jeden Augenblick zu intensivieren. Aber auch dies geht im Grunde nicht oder doch nur in den exzeptionellen Momenten – in den, wie Nietzsche es schreib, „Verzückungsspitzen des Daseins“. Das Leben ist einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt, so schrieb er.

    Am Ende bleibt nichts, und das ist es, was man mit dem Lachen Becketts und Bernhards beantworten kann. Denn diese Schwärze besitzt extrem komische Momente. Das „Endspiel“, z.B., ist ein virtuos-komisches Stück. Das wird leider vielfach übersehen, und Friedhöfe sind extrem angenehme Ort. Allerdings werden wir das nicht mehr wahrnehmen können, wenn wir dort endgültig liegen.

    1. „Verzückungsspitzen des Daseins“ und das Lachen, das sind sicher sehr gute Dinge, die man einer solchen Sicht abgewinnen kann. Und für mich wäre es durchaus ein Trost, könnte ich zweifelsfrei daran glauben, nach dem Tod wäre restlos alles vorbei. Und doch: der Zweifel bleibt.

  11. Ich hege daran keinerlei Zweifel, und ich bin darüber sehr froh. Es gibt nur den Körper, das Denken und die Werke, die manche/r hinterläßt. Wer nichts hinterläßt, die oder der lebt in der Erinnerung der anderen weiter. Bis auch diese anderen nicht mehr am Leben sind. Allenfalls existieren Photographien der Toten, des Toten, die ein Sammler auf einem Flohmarkt in einem Album entdeckt. Dieser Sammler imaginiert sich eine Geschichte zu jenen Menschen auf den Bildern, die er nicht kennt. Allerdings ist diese Möglichkeit im Fremden als Bild weiterzu“leben“ mittlerweile selten geworden – im Zeitalter digitaler Photographie. Denn Menschen besitzen keine Photoalben mehr.

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