Marina Abramovic 1989 – 1996

Seit der Trennung von Ulay nach dem Great Wall Walk, arbeitet Marina Abramovic wieder alleine.

Bereits 1983 hatte Abramovic mit Ulay, Michael Laub und Edmondo Zanolini während einer Zusammenarbeit in Florenz eine Performance entwickelt, die sich dem Theater annäherte. Michael Laub fiel die Rolle zu, Abramovic Lebensgeschichte zu erzählen. Ein Satz für jedes Jahr. Nach der Trennung von Ulay, erinnert sich Abramovic an das Vorhaben, eine Biografie zu inszenieren. Gerade weil sie die Trennung von Ulay als tiefe Krise empfunden hat, sah Abramovic im Biografie Projekt eine Möglichkeit, sich selbst von außen zu betrachten. Trotz aller Annäherung an das Theater war Abramovic wichtig, dass alles, was das Publikum sah, „echt“ war. Seien es Messer, Blut, Schlangen oder Emotionen. Performances spielt man nicht, man lebt sie, von diesem Grundsatz lässt Marina Abramovic auch in diesem (gerade in diesem!) Projekt nicht ab.

Die Biografie beginnt im Jahr 1946, mit der Geburt Marinas und setzt sich bis in die Gegenwart fort, was „The Biography“ naturgemäß zu einem Work in Progress macht.

Thomas Wulffen schreibt anlässlich Abramovic Biography Projekts:

Within the context of self-expression, the biography ist especially important. It is neither a part of the present nor a part of history, never a mere past. While the past is unordered past, even if there is a before and after, biography is an ordered past, structured in blocks, aimed at an objective, an analyzed history at least.“

Michael Laub, mit dem Marina Abramovic die Biografie von Anfang an inszenierte, sagt zu dem Projekt: „ I tried to create a portrait of Marina Abramovic that is of her past and her present simultaneously and then slightly distort the whole thing, just like my memory.“

In den meisten Fällen besteht ein biografisches Jahr aus zwei Sätzen:

1946: Marina Abramovic wurde in Belgrad geboren. Mutter und Vater waren Partisanen.

Da ich die wichtigsten Punkte ihrer Biografie bis 1989 bereits ausgeführt habe, verzichte ich auf eine vollständige Wiedergabe und setze erst mit dem Jahr 1989 ein.

1989 sprengt das Konzept der Biografie zum ersten Mal. Es ist das Jahr der Trennung von Ulay. Das Jahr, in dem Abramovic auf einmal mit „nichts mehr“ da steht. In der Biografie wird daraus eine Abschiedsszene:

Auf Wiedersehen Exteme

Auf Wiedersehen Reinheit

Auf Wiedersehen Gemeinsamkeit

Auf Wiedersehen Heftigkeit

Auf Wiedersehen Tibeter

Auf Wiedersehen Einsamkeit

Auf Wiedersehen Unglücklichsein

Auf Wiedersehen Tränen

Auf Wiedersehen Eifersucht

Auf Wiedersehen Ulay

Es geht weiter:

Ich lasse mein Haar wachsen, kaufe mir ein eigenes Haus.

Die Notwendigkeit einer Veränderung.

Die Notwendigkeit zu lachen.

Die Notwendigkeit für das Melodramatische.

Die Notwendigkeit für Glamour.

1990 reist Marina Abramovic nach Brasilien in die Quarzminien, um direkten Kontakt mit den Mineralien aufzunehmen. Das erste Projekt nach ihrer Trennung von Ulay, sozusagen ein Resultat aus dem Great Wall Walk ist Boat emptying/Steam entering und ihre Beschäfigung mit den Mineralien. Dabei fordert sie die Besucher auf, verschiedene Postionen einzunehmen, die ihren Hintergrund in der chinesischen Mythologie haben. Es gibt vier Körperhaltungen, die unterschiedlichen Drachenpositionen entsprechen. Weißer Drache: aufrecht, die Stirn am Stein, grüner Drache: liegend, den Kopf auf den Stein gebettet, roter Drache: sitzend, den Kopf am Stein usw., die den jeweiligen chinesischen Meditationshaltungen entsprechen. Abramovic beweist mit dieser Performance, dass auch ohne Kenntnis des Hintergrundes, die Meditationshaltungen „funktionieren“. Viele Besucher kommen, um die seltsamen Gebilde nur kurz auszuprobieren und bleiben dann stundenlang, mit geschlossenen Augen.

Abramovic hat in dieser Performance zum ersten Mal ihre Erfahrungen aus der Wüste und von der chinesischen Mauer an das Publikum weitergegeben, sie beginnt damit, als „Brücke zu fungieren“. Die Besucher werden Teil der Arbeit, verdecken die Objekte und gehen in die Arbeit ein. Überhaupt werden Abramovics Arbeiten narrativer. Sie setzt Theaterbühnen und Videoaufzeichnungen ein.

1990/91 hat sie eine Gastprofessur an der Académie des Beaux-Arts in Paris und an der Hochschule der Künste in Berlin.

1991 folgt die Installation „Departure“. Bei dieser Installation geht es um Erdverbundenheit. Noch mehr als bei Boat emptying/Stream entering werden hier die Mineralien herausgestellt. „Helmet for Departure“ stellt z.B. einen großen „Helm“ am Kopfende des Sitzes bereit, in die der Besucher seinen Kopf stecken kann. In einem Tagebuch, das Abramovic während ihrer Arbeit in den Amethysth Minien in Brasilien geführt hat, stellt sie eine ganz eigene Zuordnung von menschlichem Körper und Erdkörper auf. Quarz und Kristalle sind die Augen der Erde, Amethyst ist der Weisheitszahn, die Drusen die Urhöhle oder der Uterus, das Eisen ist das Blut der Erde und das Kupfer stellt die Nerven dar.

Erstmals setzt Abramovic Ojekte an die Stelle iher Performances, die Besucher selbst sollen die Erfahrung machen. Wie z.B. ihre „Shoes for Departure“, 60 kg schwere Schuhe aus Amethyst. Die Schuhe sind so schwer, das keine Fortbewegung möglich ist. Hier zeigt sich erneut, Abramovics Prämisse des „zu sich kommens, einhaltens“. „Mit meinen Objekten möchte ich den Menschen die Möglichkeit geben, mit ihrem Körper zu fühlen, und zwar das körperliche Gefühl von Hier und Jetzt.“, sagt Abramovic in einen Gespräch mit Doris von Drathen, 1991 in Paris.

Auf der persönlichen Ebene berichtet Marina Abramovic für das Jahr 1992 von einem Besuch in Belgrad, wo sie sich mit der Traurigkeit ihres Vaters konfrontiert sieht. Ihre Großmutter sagt zu ihr: „Danke, dass Du gekommen bist. Jetzt kann ich gehen.“

Bereits 1992 hat Abramovic ihre Biografie, das biografische Erzählen, in ihre Performances übernommen. Sie erzählt mit Hilfe eines Tonbandes, oder integriert Bildmaterial in ein vielschichtiges Bühnenstück.

1994 sieht Abramovic ihre Eltern erneut. Sie fühlt sich gefangen zwischen Illusion und Desillusionierung. Sie ist überarbeitet und müde davon, sich immer wieder in den falschen Mann zu verlieben. Des Wartens müde, und der einsamen Hotelzimmer.

Sie schämt sich für den Krieg in Jugoslawien. Und wünscht sich so weit weg zu sein, dass sie unerreichbar ist. So alt, dass sie verstehen kann, was hinter allem steht. Nichts mehr zu wollen.

Das Jahr 1995 ist mit den Worten Spiegel säubern überschrieben.

1996 unterrichtet sie in Braunschweig Performance.

Biografie. Ein merkwürdiges Wort. Grafie, wie Grafik, wie Zeichnen, als könnte man das, was vorgegangen ist, auf das man keinen Einfluss hat, nachzeichnen, einen eigenen Stil hineinzeichnen, indem man das Leben, das Jahr eindampft auf einen Satz. Auf den Satz, den man auswählt, aus all den möglichen Sätzen diesen Jahres. Was immerhin mehr ist, als das, was am Ende bei den meisten von uns auf dem Grabstein stehen wird: Ein Name, zwei Daten.

Am Ende ist es der Lebenslauf, das was man sehen kann, das was man gezeigt hat. Aber auch, was überhaupt bemerkt und gesehen wurde. Am Ende dampft es wieder ein auf einen Zwischenraum, zwischen zwei Punkten. Einen Zeitraum, den man mit Leben gefüllt hat, oder nicht.

(Fortsetzung folgt)