Einsamkeitsgeschichten

Ich hatte nichts zu sagen und schwieg.

In der Nacht [in all diesen schlaflosen Nächten] hätte es mehr als genug gegeben, um zu schreiben. Dinge, die es mir vielleicht gedankt hätten, niedergeschrieben zu werden. Statt dessen schwieg ich sie nieder.

Ich denke jetzt wieder häufiger an meine Mutter. Es sind seltsam blutleere Erinnerungen. Ich sehe sie auf ihren Platz auf dem Sofa und erinnere mich an Nebensächlichkeiten. Dass sie Novalgin schluckte, wenn die Magenschmerzen wieder zu schlimm wurden. Dass sie den Kopfsalat mit einer Soße anmachte, deren Rezept ich kenne, ohne es jemals selbst ausprobiert zu haben. Dass sie alle Angelique Bücher gelesen hatte.

Nicht an unsere Gespräche, den Alkohol, unsere [manchmal gewalttätigen] Auseinandersetzungen.

Als wäre da nichts, was mir fehlt, nichts, was ich bereue. Höchstens vielleicht jemand, der mir Antworten geben könnte, weil ich immer erst frage, wenn es zu spät ist. Wenn ich sicher sein kann, dass ich keine Antworten mehr bekommen werde. Ich habe sie nicht gefragt nach der Flucht, nach der Zeit im dänischen Lager. Nach ihrem Vater. Die Mutter ist an Brustkrebs gestorben. Der Vater war für die Pferde und das Fuhrwerk auf einem Gut in Ostpreußen verantwortlich. Im übrigen weiß ich erschreckend wenig über ihre Eltern. Nicht einmal, ob sie Tanten und Onkel hatte, Cousinen, Cousins. Nur die Geschichte mit den Haaren.

Und die mit dem Mond.

Einsamkeitsgeschichten.