Grafitti

Grafitti am Bahnhof Brackwede
Grafitti am Bahnhof Brackwede

2003

Gerhard Schröder beschert der Bundesrepublik die Agenda 2010. Briten und Amerikaner marschieren im Irak ein. Die EU nimmt zehn neue Mitgliedsstaaten auf. Sankt Petersburg feiert seinen 300. Geburtstag und präsentiert das Bernsteinzimmer.

Den heißen Sommer verbringt die Frau, nach Schatten suchend, mit einem fröhlichen Baby. Ihr Arbeitsvertrag ist nicht verlängert worden.

In Mexiko läuft der letzte Käfer vom Band. Die Pandemie SARS greift um sich. In Stockholm wird Anna Lindh niedergestochen. In Georgien überschatten Wahlbetrug und Wahlfälschung die Parlamentswahlen. Saddam Hussein wird bei Tikrit festgenommen.

Barry White, June Carter und Johnny Cash sterben. J.M. Coetzee erhält den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft Good Bye, Lenin.

Kritik, Zeitgeist und die Notwendigkeit sich im eigenen Zweifel souverän zu geben

Jetzt habe ich zwei Bücher, in die ich vielleicht nicht große, aber doch Erwartungen gesetzt hatte, die enttäuscht wurden, verrissen. Hätte ich sie nicht zu rezensieren gehabt, ich hätte sie nicht zu Ende gelesen. In der Rezension steckt somit meine Rache für die Last, etwas zu Ende zu bringen, von dem ich längst wusste, dass es nichts mit mir zu tun hat. Alles, was ich geschrieben habe, meine ich wirklich so, ich habe Belege dafür, ich habe versucht, mein Urteil nachvollziehbar zu machen. Trotzdem war ich ungerecht. Ich habe die Bücher nicht gewürdigt, als das, was sie sein wollten, was sie vermutlich auch sind. Literatur, die dem Zeitgeist entspricht, die viele andere Menschen unterhält. Die somit ihr gutes Recht hat.

Vielleicht hätte ich die Form von Inhalt trennen sollen, oder vielleicht war gerade das das Ärgerliche, das, was eine Besprechung (und das Lesen) für mich so ausweglos gemacht hat; dass Form und Inhalt nicht zu trennen waren. Denn insofern erfüllten die Bücher die Anforderung an „gute Literatur“, die Sprache korrespondierte mit dem Inhalt, mit dem was transportiert werden sollte. Warum kann (und will) ich mich nicht darauf beschränken, Inhalt und Form wiederzugeben, ohne wertend einzugreifen? Wertend, bereits beim Lesen. Es gelingt mir nicht, mich herauszuhalten, meine Erwartungen, die ich an Literatur habe, zurück zu stellen, um vorurteilsfrei an das jeweilige Buch herangehen zu können.

Das und die Notwendigkeit, sich zu beschränken, einen Punkt auszuwählen, an dem man sich abarbeitet, dabei eine Souveränität beanspruchen (behaupten), die ich mir eigentlich nicht zugestehe. Ich nehme mir ein Recht, ohne daran zu glauben, dass ich es verdient habe. Und muss mir das Recht zugestehen, mich zu irren. Mir ein Recht auf Irrtum einräumen.

Mittwoch am Meer

Vor lauter Kälte und Dinge schon im voraus erledigen, habe ich ganz vergessen, dass heute ja wieder Mittwoch ist, der Tag, an dem ich das Gastrecht der Insel in besonderem Maße geniessen darf.

Und vielleicht habt ihr es schon bemerkt, dass ein Bahnhof entstanden ist auf der Insel, mit dem die Inselbewohner auch das Innere der Insel erkunden können…

Claudia

Sie hatte dieses Gefühl, dass sie alles gründlich machen musste. Ein Buch, auch wenn es ihr nicht gefiel, zu Ende lesen, eine Beziehung, auch wenn sie sich innerlich längst verabschiedet hatte, zu Ende zu führen [zum Ende zu führen].

Ich stellte mir das Leben, das sie meiner Meinung nach führen musste, trostlos vor. Trotzdem konnte nicht einmal mir entgehen, wie ausgeglichen und heiter sie war. Sie strahlte ein mir vollkommen unverständliches Einverständnis mit sich und der Welt aus. Manchmal tauchte dieser Gedanke auf, dass sie der Friede sei, der mir bei meinem ständigen Kampf gegen alle und jedes fehlte. Ein kleiner verrückter Gedanke, den ich schnell wegschob.

Ich kannte sie schon lange. Seit sie vor zehn Jahren mit ihren Eltern in unsere Straße gezogen war. Ich hatte gerade meine Lehre zum Automechaniker abgebrochen, um jetzt doch wieder zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Ich war 18 Jahre alt, mir stand die Welt offen. Ich konnte noch jede Entscheidung treffen und sie anschließend wieder rückgängig machen.

Vermutlich wäre mir Claudia gar nicht aufgefallen, dieses stille, angepasste und überall integrierbare Mädchen, das mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in das Haus von Professor Hügelmann gezogen war, wenn meine Mutter nicht ausgerechnet sie dazu auserkoren hätte, mich mit den mir fehlenden Grundlagen der Mathematik vertraut zu machen.

So kam es, dass eines Nachmittags dieses blasse, dünne, 16jährige Mädchen in der Tür zu meinen Zimmer stand. Mit einem zaghaften Lächeln und einem Berg von Unterlagen.

Sie hatte eine Begeisterung für mathematische Phänomene, die mich dazu brachte, wenigstens so viel zu verstehen und zu behalten, dass es mir tatsächlich gelang mein Abitur zu bestehen. Nicht so glänzend wie sie und mit zwei Jahren Verzögerung, aber an jenem Abend war das kein Grund, dieses Ereignis nicht gebührend miteinander zu feiern.

Sie trank nicht, sie rauchte nicht, aber sie schien sich dennoch prächtig zu amüsieren. Sie war mir ein Rätsel. Ein Rätsel, das ich vergaß, sobald ich meinem Elternhaus den Rücken kehrte, um weitere Kapitel meines Lebens aufzuschlagen und, wie sich später herausstellen sollte, nicht abzuschließen, sondern durch weitere Neuanfänge zu ersetzen.

 

Erinnerung ist eine Form des Vergessens. Nicht das Gegenteil davon“ (Richard Powers)

Ein grünes Automobil

Es war Sommer

Ich hatte das Warten noch nicht verlernt

Es ist vorgeschrieben sich zu erinnern

Bis das Vergessen sich einstellt

Ich fragte dich

Weißt du wo der Regen geboren wird

Im Winter zur Welt kommen

Und nicht wissen wohin man geht

Mit der richtigen Frage das Unsterbliche verwirren

Die Zeit anhalten um irgendwo anders in ein grünes Automobil zu steigen

Nicht um anzukommen

Nicht um unterwegs zu sein

Nur um da zu sein

Irgendwo

In einem grünen Automobil

[Erstveröffentlichung 2010 in Zeichen & Wunder]

Ausreden

Ein Satz, der sofort als ich ihn gelesen habe, getroffen hat. Und der mich seither nicht loslässt.

Maruša, Du warst so politisch, dass ich Angst davor hatte, mit Dir über Politik zu reden (weil ich dachte, ich verstünde nichts. Dabei ist das nur eine Ausrede. Jeder versteht).  Du hast es zuwege gebracht, diese zwei Dinge zu vereinen, die sich für mich ausschließen: Menschlichkeit und eben Politik.

Der Satz ist von Andrea Stifter und steht in einem Nachruf auf die slowenische Dichterin Maruša Krese und gefunden habe ich ihn in der Lyrikzeitung.