István Kemény

Schlechte oder mittelmäßige Gedichte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass der Dichter das erste Bild, die erste Metapher, die ihm in den Sinn kommt, akzeptiert. Manchmal ist das die richtige Wahl, viel häufiger jedoch geht einem wirklich brillianten Bild eine lange Suche voraus.

Wie sonst kommt einer zu einem solchen Bild: Plastik, das ist das nie und der Niemand, eine nützliche Ruine, die sogar über den Tod noch Schande bringt.

István Keménys Gedichte machen glücklich und auf eine gute Art bescheiden.

„Wenn man die Vergangenheit nicht ordentlich erzieht

wird sie rachsüchtig ab ihrer Pubertät…“

schreibt er. Solche Verse kann ich nur in ganz kleinen Dosen genießen. Sie wollen verdaut werden, verarbeitet, nicht verstanden, sondern begriffen. Es sind Gedichte, die im Leser weiterleben, sich entfalten, verwurzeln.

Diese Gedichte, die man immer bei sich tragen muss, die so notwendig werden können wie Milch und Brot. Ich habe das bislang nicht wirklich nachvollziehen können. Gut, es gab Anne Sexton, Joseph Brodsky, Nora Illuga, sie alle (und viele andere) haben mein Denken in Aufruhr versetzt, haben mich glücklich gemacht, aber so wie bei den Gedichten Keménys war es nie. Jedes seiner Gedichte ist ein Gebet, jedes Gedicht scheint mich zu kennen und zu sehen und eigens dafür gemacht zu sein, meine Traurigkeit zu teilen, sie für Momente in Glück zu verwandeln, weil all das in Worte gefasst ist (eine Form gefunden hat), wofür mir der Ausdruck fehlt.

Ich weiß, das klingt übertrieben und pathetisch, aber das liegt einzig daran, dass ich mich so unbeholfen ausdrücke.

Es ist eine Situation wie in Keménys Gedicht: Er ist Informatiker, Sie – keine Ahnung, als der Mann, der das junge Paar beobachtet, die Bitte äußert:

„Entschuldigung! Könnt ihr mir mal für zwei Minuten

das Nichts abnehmen

bis ich mich hier im Hauseingang

ausgeweint habe? Gar kein Risiko dabei

hier gibt’s keinen anderen Ausgang,

ich bin gleich zurück und

nehm’s euch wieder ab!

Es kostet euch nicht mehr Mühe –

als jemandem zu helfen, sein Auto anzuschieben!“

Ohne dass ich ihn hätte darum bitten müssen, hat Kemény mir diese Gedichte geschenkt und damit diese kleine Pause. Ich weiß nicht, ob es ihn nicht mehr Mühe gekostet hat, als ein Auto anzuschieben, einen Motor in Gang gesetzt hat es auf jeden Fall.

István Kemény – Nützliche Ruinen

20 Gedanken zu “István Kemény

  1. Guten Morgen, liebe Mützenfalterin.
    Ich habe überhaupt keine Ahnung von Lyrik, ich kann nur sagen gefällt mir oder gefällt mir nicht.
    Dein Beitrag gefällt mir.
    Liebe Grüße und einen schönen Donnerstag von Susanne

  2. deine zeilen verwoben mit den gedichtzeilen – ja, damit machst DU MICH jetzt glücklich. da muss ich mehr wissen und lesen.

    (bei mir gibts übrigens eine schweizer band, die mit ihren songtexten/melodien genau dieses phänomen schafft und poesie in musik kleidet, als wären diese songs nur für mich geschrieben worden. das werde ich sehr und gerne pathetisch, jawohl!)

    1. Es gibt leider nur diesen einen Gedichtband von ihm auf deutsch, aber der ist so reichhaltig, auch wenn er nur relativ wenige Gedichte enthält. Reichhaltiger als manche dicken Wälzer. Überhaupt ist die black paperhouse Reihe vom Gutleut Verlag eine wunderbare Verlagsarbeit.

  3. Ich kann dem ersten Absatz vielleicht nicht in vollem Maße zustimmen, aber fühle mich vom Gedicht angerempelt und von Innen durchwühlt [und das heißt, es ist ein sehr gutes Gedicht]. Warum ist die Einsamkeit so oft ein Mann?, ist meine zweite Frage. Mich trifft die klare Bitte. Übersetzt in meine Sprache hieße sie … Aber dann würde ich wieder zuviel über mich verraten und das Gedicht zerstören, oder?

    Deinen Text mag ich sehr. Und für mich klingt es nicht pathetisch. Die Stellung, die du Gedichten einräumst [solchen Gedichten], ist für mich absolut nachvollziehbar.

    1. Du hast absolut Recht, wenn Du dem ersten Absatz nicht voll zustimmst, denn natürlich gibt es diese Gedichte, die von einer unsichtbaren Hand geschrieben werden (wie bei Adam Zagajewski), aber es gibt auch die anderen, die erkämpft worden sind.
      Gute Gedichte kann man nicht zerstören, ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, aber er hatte Recht. Und ich freue mich, dass ihr mich, entgegen meiner eigenen Wahrnehmung nicht als pathetisch empfindet. Vielleicht darf man sich das Pathos auch an der einen oder anderen Stelle einfach mal erlauben.

  4. Dieser Artikel, liebe Mützenfalterin, macht nun mich glücklich, Keménys Zeilen lassen sofort in mir eine Wellenbewegung entstehen und den Wunsch nach MEHR – du beschreibst es wunderbar, was manche Texte mit einem machen können, dass es nicht vordergründig ums Verstehen geht, sondern um den Nachhall in der eigenen Seele, der Verwurzelung, der Weiterführung in Bildern und eigenen Worten.
    Als pathetisch empfinde ich dich nicht, du drückst deine Berührtheit, deine Begeisterung aus …
    vielen Dank für diesen wertvollen Tipp
    herzlichst Ulli

    1. Ach Danke, Ulli, das ist schön, wenn das Glück solcherart Wellen schlägt. Weil so wenig von ihm übersetzt ist, und er laut Wikipedia derzeit an einem Jahrhundertroman über Ungarn sitzt, habe ich ernsthaft überlegt, Ungarisch zu lernen 😉
      Danke und herzliche Grüße
      m.

      1. es ist selten, dass ich sofort nach einem Tipp versuche das Buch zu erstehen … ich habe mich nun direkt an den Verlag gewendet, da es über die normalen Wege nicht erhältlich ist und einmal mehr denke ich, dass ich gerne nach Leipzig reisen würde … mal schauen, wahrscheinlich muss ich aber arbeiten 😦
        wolltest du nicht letztens erst russisch lernen 😉

      2. Also wenn Du nach Leipzig fährst, komme ich auch! 🙂
        Der Verlag liefert zuverlässig und schnell. Habe es selbst auch über Gutleut bezogen. Ich freue mich riesig, dass Kemény jetzt auch bei Dir einzieht!

  5. Sehr geehrte Muetzenfalterin und alle Mitlesenden,
    ich freue mich sehr, dass Ihnen Istváns Gedichte so wichtig geworden sind. István Kemény wird am 9. Juni 2013 in Berlin auf dem Poesiefestival der Literaturwerkstatt Berlin lesen…. Auch neue Übersetzungen von Monika Rinck und mir.
    Herzliche Grüße
    Orsolya Kalász

    1. Vielen Dank für diese Information, liebe Orsolya. Ich werde mein möglichstes tun, um dabei zu sein. Und herzlichen Dank noch einmal an Sie und Monika Rinck für die Übersetzungsarbeit.
      Herzliche Grüße m.

  6. das Buch ist mittlerweile hier – ich genieße Wort für Wort, die in mir Echos werfen.
    Außerdem gefällt mir die Aufmachung sehr …
    danke nochmals für diesen wertvollen Tipp – den 09.06. habe ich mir vorgemerkt, vielleicht schaffe ich es ja, es ist die Zeit, in der ich eh Berlin besuchen wollte …
    herzlichst Ulli

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