Marina Abramovic – Das Manifest. Zweite These

Der zweite Grundsatz in Marina Abramovic Manifest lautet: „Keine Ideen klauen“. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Denn wo verläuft die Grenze zwischen Inspiration und Diebstahl? Wo beginnt das Eigene, wo endet das Andere?

Mein Lieblingszitat zu diesem Thema, immer wieder und immer noch, stammt aus den Blütenstaubfragmenten von Novalis und lautet folgendermaßen:

125. Der wahre Leser muß der erweiterte Autor sein. Er ist die höhere Instanz, die die Sache von der niedern schon vorgearbeitet erhält. Das Gefühl vermittelst dessen der Autor die Materialien seiner Schrift geschieden hat, scheidet beim Lesen wieder das Rohe und das Gebildete des Buchs – und wenn der Leser das Buch nach seiner Idee bearbeiten würde, so würde ein zweiter Leser noch mehr läutern, und so wird dadurch, daß die bearbeitete Masse immer wieder in frischtätige Gefäße kommt, die Masse endlich wesentlicher Bestandteil – Glied wirksamen Geistes.

Übertragbar auf jede andere Kunstform, auf Kultur im allgemeinen.

Was bleibt ist die Frage, wo die Grenze verläuft, zwischen der Kunstform, die folgenden Generationen Türen öffnet, Möglichkeiten bietet, die vorher nicht greifbar schienen und der bloßen Nachahmung.

Gibt es überhaupt Grenzen?

Oder nur diejenigen, die sie ziehen und die anderen, die daran glauben?