Vom Einsammeln des Sprachhonigs und gelüfteten Geheimnissen

Am 17.02. fand zum zweiten Mal eine Lesung der Postpoetry Preisträger in der Bürgerwache in Bielefeld statt. Nika Bertram, Journalistin und Mitarbeiterin des Postpoetry Projekts, leitete die Lesung mit der alten Frage, was ein Gedicht ist, ein. Und antwortet selbst, dass Gedichte sich einer eindeutigen Bestimmung entziehen, vielmehr poetischer Ungehorsam sind, ein „aus sich herausschreiben“, wie Friederike Mayröcker es nennt, oder eben das „Einsammeln des Sprachhonigs“ in Anspielung auf Monika Rinks Honigprotokolle. Postpoetry will jedoch nicht nur Sammeln, sondern die Lyrik endlich wieder unter das Volk bringen, mit Postkarten und vor allem mit Veranstaltungen.

Susanne Romanowski wurde mit ihrem Gedicht „urbanal“ für das Aufzeigen der symbiotischen Beziehung zwischen Stadt und Einwohnern ausgezeichnet.

„wir sind unser

eigenes nachtschattengewächs

unsere architektur floriert

in dieser speziellen

herzschlagmetropole“

schreibt sie. Eine „Analphabetin der Zeichen der Zeit“, wie es in einem ihrer Gedichte heißt, ist sie gewiss nicht. Im anschließenden Gespräch mit Nika Bertram erzählt Susanne Romanowski wie konstruktiv sie die Zusammenarbeit mit Bärbel Klässner empfunden hat, und berichtet von ihren polnischen Wurzeln.

Susanne Romanowski am 17.02. in der Bürgerwache, Bielefeld
Susanne Romanowski am 17.02. in der Bürgerwache, Bielefeld

Bärbel Klässner muss viele Details aus ihrer „bewegten Biografie“ berichtigen, nicht aber die Aussage, sie sei eine „Wanderin durch die Wechselbäder deutscher Geschichte“, eine Pilgrima, die weibliche Form des Pilgrims, eine Wortschöfpung, die Wulf Kirsten eigens für sie erfunden hat.

Klässner wurde für das Gedicht „Hundert hertz“ ausgezeichnet, das singen ihrer Überlandleitung bei Nässe, überzeugte die Jury mit raffiniertem Zeilensprung und sich überblendenden Bildern

„… und liebe sagt er

ist gut für die kunst wenn es feucht wird

brummen die seile gespannte saiten

downbeats & bässe überland“

Klässner liest aus „Am ende der städte“ und „Der zugang ist gelegt„, von frierenden Häusern, einem Park, der seine Farben verliert, während die frierenden Häute Nachrichten nach Hause tragen, um den Krieg neben das Brot zu legen. Von der Übertragung des Datenflusses, Maschinensprache verdünnt mit Blut, bis alle Probleme, die in ein paar tausend Jahren nicht berechnet sein werden, mit der Sonne verglühen. Voller Humor und Sarkasmus ist die poetische Auseinandersetzung Klässners mit Datenkompression und Armutsgrenzen.

Bärbel Klässner am 17.02. in der Bürgerwache Bielefeld
Bärbel Klässner am 17.02. in der Bürgerwache Bielefeld

Schon lange, so Nika Bertram, wird Klässner als Geheimtipp unter Lyrikkennern gehandelt, mit diesem Preis, über den sie sich insbesondere deswegen freut, weil sie damit endlich in ihrer „neuen“ Heimat NRW angekommen ist, dürfte das Geheimnis gelüftet sein.

Beide Dichterinen lesen zum Abschluss Slam bzw. Rap-Texte, vielleicht um noch einmal an die einleitenden Worte Nika Bertrams anzuknüpfen, dass die Lyrik wieder mehr Leser, mehr Öffentlichkeit braucht, und auch um zu beweisen, dass Gedichte nichts für einen exklusiven Zirkel sind, sondern eine Einladung an alle.

12 Gedanken zu “Vom Einsammeln des Sprachhonigs und gelüfteten Geheimnissen

  1. Superartikel! Danke! Wieder was gelernt und kennen gelernt. Romanowsky: Ich bewundere ja viele polnische Dichter: die Sprache klingt so zart und sie gehen so sorgsam mit Worten um. Bärbel Klässner: sie legt die Kriege neben das Brot- einfach und von daher genial.
    Das ist der 2. Anlauf zu einem Kommentar, wenn der 1. irgendwo rumirrt, lösche ihn bitte.

    1. da irrt nichts herum. 🙂
      danke für deinen kommentar. ja, es war ein sehr schöner abend. die junge frau hat mich wirklich beeindruckt, sie ist erst siebzehn, und hat nicht nur die sprache auf dem papier im griff, sondern hat auch sehr gut vorgetragen. und bärbel klässner ist absolut lesenswert. ich habe beide gedichtbände von ihr und möchte keinen davon missen.

  2. Liebe Mützenfalterin,
    “ … die Lyrik endlich wieder unter das Volk bringen …“ halte ich für ein wichtiges und notwendiges Anliegen! Es gäbe so viele Möglichkeiten dazu, eine davon hast Du hier gut vorgestellt. Danke dafür,
    herzlich, mb

    1. Schade eigentlich, dass das ein Anliegen sein muss, und nicht so ist, wie Sherry es für die persische Kultur beschreibt, wie ich es auch für die russische Kultur annehme, was ist da bei uns bloß schief gelaufen, dass die Lyrik so exklusiv geworden ist?

      1. Ich könnte hier nur eine sehr vorsichtige Vermutung anstellen: Möglicherweise haben Gedichte vor allem dann eine notwenige Bedeutung, wenn „die Zeiten schlimmer sind“, wenn Nicht-Eindeutigkeiten ermöglichen, etwas mitzuteilen, das sehr unterschiedlich gedeutet werden kann. Aber je mehr ich gerade darüber nachdenke, glaube ich es auch wieder nicht …
        Eine Frage allerdings, die ich interessant finde … …
        Herzliche Grüße,
        mb

      2. man könnte viele verschiedene vermutungen anstellen, und ich freue mich sehr, dass du eine davon hier niedergeschrieben hast. vielleicht hat es auch etwas mit adornos ausspruch zu tun, oder mit vielen kleinen faktoren, die zusammenwirken. ich weiß es leider auch nicht, obwohl ich die frage auch sehr interessant finde.
        herzliche grüße
        m.

  3. jaaa, ein wunderbarer artikel über einen – wie ich glaube – tollen, inspirierenden abend. toll, wenn junge menschen die sprache wiederbeleben und nicht nur noch sms schreiben 🙂
    herzlich, soso

    1. Tatsächlich war es ein sehr inspirierender, schöner Abend, und ich habe mich sehr gefreut, dass die Veranstaltung gut besucht gewesen ist. Das ist ja schon ein Anfang und leider alles andere als selbstverständlich.

  4. Da lebe ich wieder in zwei verschiedenen Welten was dieses Thema betrifft. In meiner einen Kultur [Persische] musste man die Lyrik nie „wieder“ unter die Leute bringen. Sie gehört uns allen, auf immer und ewig, und wir nutzen sie täglich, sogar für kleine Notizen kann es vorkommen, dass wir daraus Gedichte basteln. Die Gedichte haben sich bei uns verändert, das auf jeden Fall, sie sind subtiler geworden, weil nichts mehr gesagt werden darf, aber ich kenne kaum einen Iraner oder eine Iranerin, die ohne Gedichte leben könnte.

    Dieser Satz hier hat mich besonders beeindruckt: „[…] dass Gedichte sich einer eindeutigen Bestimmung entziehen, vielmehr poetischer Ungehorsam sind, ein ‚aus sich herausschreiben‘ […]“

    So ganz kann ich nicht sagen, was Gedichte für mich sind. Aber ich würde sie spontan ein „Phänomen“ nennen. Und durchaus eines, das Leben retten kann. [Sagte das Erich Fried nicht einmal? „Wer von einem Gedicht seine Rettung erwartet …“]

    1. Zur Rettung durch Gedichte fällt mir nur Anne Sexton ein, die gesagt hat, „Gedichte, und nur Gedichte, haben mir das Leben gerettet.“
      Im übrigen habe ich Dir schon einmal geschrieben, dass ich Dich vielleicht sogar beneide, dass Du aus einer Kultur kommst, wo Gedichte so zum Alltag gehören, wie das für mich der Fall ist, wobei ich aber in meinem Umkreis eben suchen muss nach Menschen, die das nachvollziehen können. Ich kann mich noch an diese schöne Geschichte erinnern, die Du einmal beschrieben hast, von den Zetteln, die ihr euch innerhalb der Familie hinterlassen habt.

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