Schiffe und Verluste

Die Stimmen sind hoch und schwingen sich ein. Wenig später verschmelzen sie mit den Wellen.

Das Schiff ist nur noch ein kleiner Punkt am Horizont, von dem ich nach kurzer Zeit nicht mehr weiß, ob ich ihn sehe, weil es ihn gibt, oder nur, weil ich es mir einbilde.

 

Hätte nicht, denke ich mir, meine Großmutter ein Schiff besteigen können? Oder wenigstens einen Zug, der sie ans Meer gebracht hätte? Der Wind, die Möwen, die Brandung, hätten sie nicht zwangsläufig dazu beitragen müssen, ihr neuen Lebensmut zu verleihen, und die Kraft zu finden, auszubrechen, jetzt endlich für sich da zu sein, nach all den Jahren?

Aber was wusste ich schon von ihr, außer dem, was sie verloren hatte. Kann ein Mensch die Summe seiner Verluste sein?

 

Ich habe ja nie mit ihr geredet. Oder ich habe mit ihr geredet, aber nicht verstehen können, was sie sagt. Weil man manche Sprachen nur mit der Zeit lernt, mit dem Alter, mit dem Voranschreiten der Vergänglichkeit. Und das ist gut so. Und unendlich traurig ist es auch.

17 Gedanken zu “Schiffe und Verluste

  1. Kann ein Mensch die Summer seiner Verluste sein? Eine spannende Sonntagsfrage. In einen Buch habe ich einmla gelesen, wir Menschen erinnern uns eher an negative Erlebnisse, als an positive Geschichten. Es hat wohl mit unseren menschlichen Überlebenskaempfen in all den Jahrtausenden zu tun.
    Jetzt, in dem gegenwärtigen Moment scheint draussen die Sonne und durch mein Fenster. In der Vergangenheit hat es oft geregnet und wie es in 3 Tagen ist kann ich nicht sagen. Ob es in der Vergangenheit mehr geregnet, gestürmt, geschneit hat, oder es mehr Sonnentag gab kann ich nicht genau sagen. Aber an die großen Stürme, den Bielefelder Eisregen kann ich mich erinnern. Es kann viele schoene Momente geben, es sind die Gegenwãrtigen, wenn wir sie annehemen kõnnen und Vergangenheit und Zukunft mal ruhen lassen.
    In einem sonnigen Moment , wie gerade, eine leichte Übung.

    1. ja, ich habe selbst kürzlich irgendwo eine erklärung dafür gehört, warum die erinnerung sich an die schlechten, demütigenden dinge haftet, nicht an das schöne. in dieser erklärung hieß es wir merken uns das schlimme, weil wir es in zukunft vermeiden wollen. aber meine frage bezog sich und bezieht sich hier nicht auf einen menschen, der sie für sich selbst beantworten könnte, was mich so irritiert und auch traurig macht, ist die tatsache, dass ich mir meine großmütter eigentlich nur als summe dessen, was sie in ihrem leben verloren haben, konstruieren kann. allerdings sagt das sicher genau so viel über mich aus, wie über sie. letztendlich ist erinnerung immer erfindung.

  2. „Aber was wusste ich schon von ihr, außer dem, was sie verloren hatte. Kann ein Mensch die Summe seiner Verluste sein?“

    auch mit ist diese sentenz besonders stark eingefahren. es gibt in der fototechnik das überblenden zweier bilder. mit filtern kann dann das eine gegenüber dem andern „subtrahiert“ werden. das ganze sieht dann ziemlich abstrakt aus.

    so ähnlich stell ich mit diesen deinen gedanken vor. das eine bild wäre das leben mit seinen theoretischen möglichkeiten unter idealen bedingungen (wer hat die schon?), das andere bild zeigt das, was tatsächlich gelebt wird.

    fehlt da wirklich etwas oder meinen wir das nur? und was genau ist verlust?

    ich seufze.

    1. deine assoziation mit den überblendeten bildern finde ich außerordentlich spannend. ja, das trifft es sehr gut, denke ich, dass ich das, was ich gesehen habe, was ich wirklich erinnern kann überblende mit dem, was ich bin, was ich erlebt habe, mit meinen ansprüchen und hoffnungen.
      vielen dank für dieses sehr erhellende gedankenbild.

  3. Ich denke oft an meine Oma, also ist sie nicht ganz weg. Sie hat durch ihr Leben auch das Verschweigen gelernt.
    Helmut Schmitt hat in einem Interview gesagt:“ich bin ein Deutscher, das heißt, ich bin durch den Krieg und den Holocaust seelisch beschädigt. Ihr Jüngeren könnt es vielleicht anders sehen, ihr seid nicht so beschädigt wie ich.“

    1. ja, vielleicht hast du recht, vielleicht darf man die geschichtliche dimension des ganzen nicht außer acht lassen. auch das werfe ich mir häufig vor, dass ich fragen nach der ns vergangenheit nie gestellt habe…

  4. Ich glaube, Großmütter und Großväter nehmen wir besonders als die Summe ihrer Verluste oder negativen Erfahrungen wahr, weil sie zum Zeitpunkt, in dem wir beginnen, sie wahrzunehmen, schon „geschwächt“ sind, allein aufgrund des Alters. Es gibt natürlich auch diese gemütlichen und mit sich völlig im Reinen alten Menschen, die uns genau das ausblenden lassen, bei denen wir denken: „Was für ein abenteuerliches Leben sie hatten!“ Sogar den Krieg scheinen sie besser weggesteckt zu haben … Aber die sind doch seltener, scheint es mir. Oder? Zumindest hier.

    1. ganz subjektiv, aus meiner eigenen erinnerung und geschichte heraus, fällt mir extrem auf, dass ich sowohl meinen großvater, den ich nicht kennen gelernt habe, als auch den großvater, den ich immerhin bis in meine zwanziger hinein kannte, ganz anders erinnere als die großmütter, die väter hatten ein leben, eine geschichte, erfolge und abenteuer, während die frauen scheinbar nur aufopferung waren, nur mütter und diejenigen, die verluste aneinander reihten und das dann leben nennen mussten…

  5. ob die Fahrt übers Meer wirklich Hoffnung geschenkt hätte, Stärke, Mut? Das Meer kann uns auch sehr melancholisch stimmen, wenn wir die Ufer schwinden sehen, bis sie nur noch eine Linie sind, die dann auch verschwindet und im Kopf der Satz tönt: nie mehr …

    alles andere haben schon andere geschrieben!

  6. Ich glaube nicht, dass ein Mensch die Summe seiner Verluste sein kann, aber schon in seiner eigenen Wahrnehmung oder der anderer Menschen, die nicht viel mehr von ihm wissen als eben diese Verluste.

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