Das Glück

Das Glück, sagt man, sei gleichförmig. Im Unglück zeichnet man sich aus, als Familie. Jenseits des Glücks liegt das Familienleben.

Seine Familie wohnte im Bahnwärterhäuschen. Die Mutter putzte Nachts Büroräume und Bahnhofshallen. Wenn sie die Kinder in die Schule gebracht hatte, gönnte sie sich die wenigen Stunden Schlaf, die sie sich selbst zugestand.

Das Glück“, sagte sie, „wartet auf euch. Ihr seid mit einer Glückshaut geboren, nur auf der Welt, um glücklich zu sein.

Die äußeren Umstände sind irreführend. Vielleicht nur um euch zu schützen vor dem unbändigen Neid der anderen, lebt ihr in Armut.

Diese Art Armut, die die Maßlosen beruhigt.“

Sein Leben lang erinnerte er sich an ihr staubweißes Gesicht, das nichts vergaß.

26 Gedanken zu “Das Glück

  1. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Von diesem Satz Tolstois wurde ja sogar das sogenannte Anna-Karenina-Prinzip abgeleitet: Mehrere Bausteine müssen zusammenkommen, damit etwas (z.B. eine glückliche Familie) gelingt, fehlt nur ein einziger Baustein, ist das Ganze dahin.
    Ziemlich interessant, finde ich.
    Und ich weiß nicht, was es ist, das mein Herz zu einem kleinen Sprung bewegt, jedesmal, wenn so eine Bahnhofsepisode auftaucht. 🙂

    1. dieses „Anna Karenina Prinzip“ kannte ich noch nicht. Werde es gleich einmal googeln. Aber dieser Satz ist auch ohne derartige Prinzipien ein kleines Wunder. Weil in diesem Satz das Programm für den gesamten Roman steckt, ein Roman, den man immer und immer wieder lesen kann, ohne dass er jemals langweilig würde, ohne dass man jemals alles ausschöpfen könnte, was darin steckt.
      Ich freue mich jedenfalls riesig, dass dir die Bahnhofsepisoden gefallen 🙂

      1. dieser Satz spielt auch eine sehr wichtige Rolle in einem meiner Lieblingsfilme: Die Eleganz der Madame Michel nach dem Buch die Eleganz des Igels …

      1. Es ist eine Art der Sichtweise und sicherlich manchmal schwer zu Verstehen. Schneidet mich ein Autofahrer morgens, wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, kann ich denken“ ey du Arschloch“, oder ich kann denken „wow, nichts passiert, welch ein Glück.
        Man kann natürlich jetzt schreckliche Dinge aufzählen die für 99,999% der Menschen nicht als Glück gelten, aber wer weiß es schon wirklich. Es ist eine Sache unserer persönlichen Sichtweise und wer möchte schon dauerhaftes Glück. Das wäre so, wie Sonne ohne Schatten.

      2. Glück ist ja ein sehr großes Wort. Für mich sind das generell auch eher ganz besondere Momente, nicht wiederholbar und nie von langer Dauer. Das, was du beschreibst, ist für mich eher Gelassenheit, eine Einstellung zu den Dingen, die mir passieren, eine Einordnung.

      3. für mich bedeutet gelassenheit, gelassen zu sein. und wenn ich richtig wütend war, ist es umso schöner, wenn ich das nächste mal gelassen reagieren kann. genauso wie ich das glück erst richtig schätzen gelernt habe, auch das ganz kleine, nachdem ich wirklich unglücklich gewesen bin. weil unser leben dieser kleine pass zwischen den abgründen ist…

    1. Das ist sicher das Wichtigste, das Glück überhaupt wahrzunehmen. Es gibt viel mehr davon, in all den kleinen Dingen und Momenten, als man sich vorstellen kann. Da gebe ich dir unbedingt Recht.

  2. Wie sie zu ihren Kindern spricht … Ich denke an eine Mutter, die ihre Kinder vor den kalten und verurteilenden Augen anderer schützt, indem sie allem eine höhere Bedeutung gibt an die sie selbst nicht glaubt – nur für ihre Kinder. Sie sollen glauben.

    1. So habe ich diese Mutter auch gesehen. Vielleicht spielten die ganzen selbstlosen Großmütter von denen in der letzten Zeit die Rede war, dabei eine Rolle. Für sie jedenfalls, da bin ich mir sicher, sind die Kinder ihr Glück. Und wenn diese Kinder glauben können, wächst mit diesem Glauben das Glück der Mutter.

  3. ich muss an die romanprotagonistin katja kammer (astrid paprotta: sterntaucher) denken, die ihren kindern ähnlich wie die figur hier die welt erklärte. vielleicht werden so die weichen gestellt für spätere glück-wahrnehmungsfähigkeit? ich ahne es.

    eine schöne miniatur, liebe mützenfalterin!

  4. seit heute Morgen schon klingt die Glückshaut in mir nach … es ist ein schönes Wort ja, aber es ist noch viel mehr, etwas was mich still und andächtig sein lässt … danke dafür.

    manche sprechen beim Glück vom Geburtsrecht, dies reizt mich nur zum Widerspruch …

    1. glückshaut habe ich mir nicht ausgedacht. das ist eine art medizinisches phänomen, manche kinder haben einen belag an sich nach der geburt, den die hebammen glückshaut nennen.
      das geburtsrecht des glücks verstehe ich nicht ganz. ich weiß nicht, was du damit meinst…

      1. Das sollte auch so sein! Die Grundlagen sollten so sein, dass es für jeden möglich ist, in Frieden mit sich und seiner Umwelt zu leben. Das Glück, da hast du natürlich Recht, muss man sich dann selbst zimmern.

    1. man weiß sicher nicht, wie alles so mit allem zusammenhängt, die äußeren umstände mit den inneren einstellungen usw. aber eine der wichtigsten zutaten für ein halbwegs gelingendes leben ist sicher eine möglichst große portion liebe, so früh und so viel wie möglich.

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