Unsere zweiundzwanzig Versuche glücklich zu sein

Nicht was wir aufschreiben

was wir verschweigen

ist das Siegel auf unseren Briefen

Nicht von uns

von unseren Überzeugungen

handeln sie

 

Angesichts des beharrlichen Missverständnisses

erkläre ich hiermit

ich erkenne nicht deine Worte

nur diese Schrift

Alt wie unsere Gedanken

Alt wie die Vertreibung aus dem Paradies

Freischwebende Botschaften

zu den Akten gelegt

Verständnislos

mit System

 

Zur Kenntnisnahme schickst du mir

einige Feststellungen des Unvermeidbaren

Belanglose Worte

durch Unverständnis gekrönt

Einst pflegten wir eine bedeutungslose Verbindung

Später kopierten wir sämtliche Missverständnisse

schwarz auf weiß

Sortierten sie peinlich genau

Diese für dich

die anderen auch

 

Du schreibst das Wort Liebe

auf liniertes Papier

Kein Buchstabe der aus der Reihe tanzt

auf der Reise zu mir

Kein einziger betrifft die Zonen

auf die sie sich beziehen

Wenn man doch erwachen könnte

schreibst du

Und dass die beigefügte Garantieleistung

in zwei Wochen

ihre Gültigkeit verliert

 (Sterz “Krise”)

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13 Kommentare

Eingeordnet unter Papiermützen

13 Antworten zu “Unsere zweiundzwanzig Versuche glücklich zu sein

  1. Aller Bitterkeit in diesen Zeilen zum Trotz: immerhin, wenn die Schrift erkannt wird, gibt es noch Chancen, dass es eines Tages auch mit den Worten so sein wird…
    Oder wie Gustafsson in Sigismund auf seine ganz eigene, wunderbare Weise nicht müde wird zu wiederholen: Wir geben nicht auf. Wir fangen noch einmal von vorne an!

  2. Dein Text spricht mich sehr und direkt an, liebe Mützenfalterin!
    Danke für diese Zeilen, wieder einmal!
    Schreibst Du schon länger für “Sterz”?
    Herzlich, mb

  3. Missverständnisse sortieren, und dann alle an dich … das hat mich dann doch schmunzeln lassen …
    herzlichst
    Ulli

  4. Hiermit erkläre ich…, Siegel…, Akten…, zur Kenntnisnahme…, Garantieleistungen… Ja, solche Briefe könnte man abheften in Ordnern, auch um später mal was beweisen zu können, falls es notwendig würde – die von dir zum Teil gewählten Begriffe aus Geschäftskorrespondenz passen hier sehr gut, denn darin geht es ja auch nicht um Erkennen.

  5. Was ich besonders mag ist die Atmosphäre in diesem Gedicht. Als hätten die beiden sich nichts mehr zu sagen. Als könnten sie das zwar nicht mehr voreinander verbergen, aber würden aus reiner Konvention und Höflichkeit weiterhin so tun, als sei das ein unausgesprochenes “Geheimnis”.

    Die Zeilen, die ich am meisten mag, weil sie genau dieses Verzwickte für mich veranschaulichen, ist diese hier:

    Du schreibst das Wort Liebe
    auf liniertes Papier
    Kein Buchstabe der aus der Reihe tanzt

    In meiner Wahrnehmung ist das ein Symbol steriler Liebe in Form von “Ich bin dir in der Liebe verpflichtet, aber heiße Emotion ist da nicht dahinter.” Natürlich sind das alles nur meine Eindrücke, aber dass überhaupt soviele bei diesen Zeilen entstehen können, ist der Beschaffenheit deines Gedichtes zu verdanken.

    • ich freue mich sehr, dass Du gerade diese Stelle ausgewählt hast. Weil ich die auch ziemlich aufschlussreich empfinde in diesem Zusammenhang. Aber während ich István Kemény lese, merke ich immer wieder was für ein kleines Licht ich bin.

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