Samuel Beckett – Briefe 1929 – 1940

Ich fürchte nur, es ist viel zu gut, um ein populärer oder kommerzieller Erfolg zu werden.

(T.M. Ragg von Routledge, dem Verlag, der Murphy endlich nach vielen Absagen und langem Suchen angenommen hat.)

»Um zu schweigen braucht man einen stoischeren Mund, als ich ihn habe«

 

 

István Kemény

Schlechte oder mittelmäßige Gedichte zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass der Dichter das erste Bild, die erste Metapher, die ihm in den Sinn kommt, akzeptiert. Manchmal ist das die richtige Wahl, viel häufiger jedoch geht einem wirklich brillianten Bild eine lange Suche voraus.

Wie sonst kommt einer zu einem solchen Bild: Plastik, das ist das nie und der Niemand, eine nützliche Ruine, die sogar über den Tod noch Schande bringt.

István Keménys Gedichte machen glücklich und auf eine gute Art bescheiden.

„Wenn man die Vergangenheit nicht ordentlich erzieht

wird sie rachsüchtig ab ihrer Pubertät…“

schreibt er. Solche Verse kann ich nur in ganz kleinen Dosen genießen. Sie wollen verdaut werden, verarbeitet, nicht verstanden, sondern begriffen. Es sind Gedichte, die im Leser weiterleben, sich entfalten, verwurzeln.

Diese Gedichte, die man immer bei sich tragen muss, die so notwendig werden können wie Milch und Brot. Ich habe das bislang nicht wirklich nachvollziehen können. Gut, es gab Anne Sexton, Joseph Brodsky, Nora Illuga, sie alle (und viele andere) haben mein Denken in Aufruhr versetzt, haben mich glücklich gemacht, aber so wie bei den Gedichten Keménys war es nie. Jedes seiner Gedichte ist ein Gebet, jedes Gedicht scheint mich zu kennen und zu sehen und eigens dafür gemacht zu sein, meine Traurigkeit zu teilen, sie für Momente in Glück zu verwandeln, weil all das in Worte gefasst ist (eine Form gefunden hat), wofür mir der Ausdruck fehlt.

Ich weiß, das klingt übertrieben und pathetisch, aber das liegt einzig daran, dass ich mich so unbeholfen ausdrücke.

Es ist eine Situation wie in Keménys Gedicht: Er ist Informatiker, Sie – keine Ahnung, als der Mann, der das junge Paar beobachtet, die Bitte äußert:

„Entschuldigung! Könnt ihr mir mal für zwei Minuten

das Nichts abnehmen

bis ich mich hier im Hauseingang

ausgeweint habe? Gar kein Risiko dabei

hier gibt’s keinen anderen Ausgang,

ich bin gleich zurück und

nehm’s euch wieder ab!

Es kostet euch nicht mehr Mühe –

als jemandem zu helfen, sein Auto anzuschieben!“

Ohne dass ich ihn hätte darum bitten müssen, hat Kemény mir diese Gedichte geschenkt und damit diese kleine Pause. Ich weiß nicht, ob es ihn nicht mehr Mühe gekostet hat, als ein Auto anzuschieben, einen Motor in Gang gesetzt hat es auf jeden Fall.

István Kemény – Nützliche Ruinen

24. Februar

Die Unmöglichkeit, irgendetwas zu verstehen. Gleichzeitig der Zwang, immer weiter zu machen. Worte aneinander zu reihen. Sinnlose Folgen, Listen, nichtssagend, aber wortreich. Die Frau, der Mann, das Koordinatensystem. Nullpunkte und Bezüge. Anzüglichkeiten. Opfer. Haupt- und Nebensätze. Reue, Sünde, Schmach. Geräusche von fremden Leben und die Bücher von denen M. mir erzählt hat. Ich habe sie bis heute nicht gelesen. Vielleicht will man nur sich selbst verlieren, wenn man schreibt.

 

 

Glaube

Das Licht malte Kreuze in die Zimmer, wie in den minimalistischen japanischen Kirchen. Es gab die Augen der Kinder. Und niemanden mehr, der sie ansah. Es gab die Trauer. Und keine Möglichkeit, sie zu teilen.

Keine Augenblicke, keine Wut, nur diesen tauben Schmerz und das Versprechen, er werde ewig bleiben.

Alte Schattenbilder, neue Schattenbilder.

Das Beste, was du erreichen kannst, ist eine gewisse Ähnlichkeit.

Und dann der Moment. Das Messer.

Wenn keiner dir glaubt.

Strindberg und ich – Olof Lagercrantz

Drei Ehen, fünf Kinder, ein Dutzend Berufe, über dreißig Stücke, Romane, Erzählungen, Lyrik und Essays, ein Leben auf der Überholspur, so könnte die Kurzbiografie August Strindbergs lauten, oder wie sein Biograph Olof Lagercrantz es ausdrückt: „Gefühlsmäßig und intellektuell bewältigte er jeden Monat das, wofür normale Leute ein Jahr brauchen. Die Biografie eines solchen Mannes zu schreiben, heißt über eine Person zu schreiben, die nicht dreiundsechzig Jahre alt wurde, sondern dreihundertsechzig Jahre gelebt hat.“

Wahrheit

Das ist die größte Freiheit, die ich mir vorstellen kann, sagt sie, alles aus der Hand zu geben, die Kontrolle abzugeben und mir das Entgleiten zu erlauben.

Dann öffnen sich Orte hinter meinen gelösten Augen, ich breite die Arme aus und weiß, meine Gedanken sind Entfesselungskünstler und mein Körper ist nur ihr Haus.

Briefe an mich

In Wirklichkeit gibt es mich nicht. Oder nur so wenig wie die Buchstaben auf dem Papier, die keiner liest, bevor sie ausradiert werden. Ich – das ist die Scheuklappe der Vernunft, an der sich die Leidenschaft wund gescheuert hat, bevor sie aufgab und sich wieder zurückzog, um auf den großen Moment zu warten, wenn sie zuschlagen würde, mit aller Macht, die einer jahrelang ungeübten Leidenschaft dann noch bliebe.

Und so tanzte die Zeit in den Abgrund, nur ich blieb stehen, um im Schatten der Uhr Briefe an mich selbst zu schreiben.