István Kemény

Es fällt mir schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Schweigen wäre angemessener. Vielleicht sollte ich einfach nur ein Gedicht verlinken und zugeben, dass mich das Gedicht des Tages auf fixpoetry gestern auf diesen Dichter aufmerksam gemacht hat. Wobei aufmerksam gemacht hat, es nicht trifft, in keiner Weise. Es war eher wie ein Schlag, als würde man jemanden wiederfinden, von dem man bislang nicht einmal gewusst hat, wie sehr man ihn vermisst.

Jedenfalls bin ich Marcus Roloff sehr dankbar für diese Entdeckung.

Dieses Gesicht, das seinen Ausdruck über die Jahre nicht verändert hat. Zutiefst melancholisch, zutiefst realistisch. Illusionslos.

Man sieht: für diesen Menschen gibt es keine Rettung außerhalb der Sprache. dieser Mann schreibt nicht, um glücklich zu sein (wie ich es unlängst als Aussage eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin gelesen habe, leider ohne mich erinnern zu können, von wem diese Aussage stammt), sondern um zu überleben.

Um „das Ganze hier [zu] vergessen,

kleine Zettel schreiben:

Milch, Brot

Milch, Brot

[an dieser Stelle auch mein aufrichtiger Dank an die wunderbare Orsolya Kaláz, die dieses Gedicht zusammen mit Monika Rinck übersetzt hat. Unvergessen das großartige Gedicht von Orsolya Kaláz über Christine Lavant.

Zeichen

Johanna

Es hat mich verwirrt, dass keine Sprache mehr da war. Traurig gemacht auch. Denn da waren die Zeichen. Alles war sehr deutlich zu erkennen. Alles war so offensichtlich wie es unmöglich war, ein Wort darüber zu verlieren.

Es gibt Gemeinsamkeiten und Trennendes. Bäume, die Zahl Drei. Geschlechter und Generationen.

Und den Tod, der alles auseinander reisst, lange vor der Zeit.

Von der Vielfalt des Schweigens, Großmüttern und großen Büchern

Erinnerungen und Großmütter können ins Schreiben einwandern. Und ins Lesen. Man liest einen Vortrag, der vom Schreiben handelt, hat aber noch die Bilder der Großmütter im Kopf und schon entsteht ein neuer Ort, die Großmütter, deren Leben begrenzt war, die aber Erinnerungen und Eindrücke zurückgelassen haben in meinem Leben, und die Worte von einer, die die Sprache liebt, aber mehr noch die Geschichten, die man erzählen kann, wenn man sich in der Vielfalt zwischen den Sprachen und dem Schweigen bewegt, diese zwei gehen auf einmal eine Verbindung ein und öffnen Räume entstehen, wo vorher nur verschlossene Türen waren.

Der Standpunkt; das ist die Frage wer ich bin, schreibt Sudabeh Mohafez.

Wo stehe ich, wenn ich versuche mir die Geschichte meiner Großmütter anzueignen? Ihre Vergangenheit zu ergründen, oder zu erfinden?

Man verläuft sich in Büchern, das schreibt Sudabeh Mohafez auch. Und das tue ich zwangsläufig, wenn ich mein Leben mit der Vergangenheit mir kaum bekannter Frauen mische. Ich verlaufe mich dabei in mir selbst, weil das genau der Punkt ist, von dem ich nicht ausgehen will, zu dem aber zwangsläufig alles, was ich schreibe zurückführt. Und das ist Schreiben wohl immer; ein Absehen von sich selbst, um auf Umwegen bei sich selbst anzukommen.

Ob man nun eine Vorlesung schreibt, oder versucht, Geschichten über Großmütter zu verfassen.

Wenn Sudabeh Mohafez aber in ihrer Vorlesung zum Anfang zurückkehrt, um die Dinge zu klären (wie es sich für eine Vorlesung gehört), spricht sie von Vielfalt. Dann stehen da die schönen Sätze: „Am Anfang war Vielfalt. Vielfalt war der Ort, in den ich geboren wurde, das bedeutet Vielfalt war das Buch, in das ich geschrieben wurde.“

Und Vielfalt war vermutlich wiederum das, was meinen Großmüttern fehlte, oder was (und ich hoffe, diese Möglichkeit ist diejenige, die der Wahrheit am nächsten kommt) mir bei der Betrachtung ihrer Geschichten fehlt. Es muss diese Seiten geben, die ich nicht sehe. Hoffnungsvolle, fantastische Seiten. Träume, die sie nie aufgegeben, sondern fast unbemerkt, verwirklicht haben. Oder die Möglichkeit, einen Weg zu verfolgen, der gradlinig und klar ist, ohne die Vielfalt aus den Augen zu verlieren. Weil es auch beim Blick aus dem Fenster Vielfalt geben kann und sogar beim Warten auf den Tod.

Sudabeh Mohafez aber gelingt es, zu beweisen, dass das Schweigen ein Ort ist. Und wie sie das beweist ist nicht nur lesenswert, sondern atemberaubend und vor allem wunderschön, weshalb jeder, der sich ein wenig Glück gönnen möchte, sich dieses Buch anschaffen sollte, in dem dieser Vortrag, auf den ich mich hier beziehe, und noch ein weiterer von ihr abgedruckt sind, neben denen anderer Schriftsteller, wie z.B. Felicitas Hoppe und Ulrike Draesner, die ich ebenfalls sehr schätze.

Und wen das noch nicht überzeugt, dem verrate ich noch zwei Literaturangaben, die Sudabeh Mohafez für ihren Vortrag macht: sie zitiert sowohl Marguerite Duras aus ihrem Buch Schreiben, als auch Friederike Mayröcker aus meinem Lieblingsprosabuch von ihr; „Und ich schüttelte einen Liebling.“

Schneewittchen am Meer

Frau im Schnee

Die Frau mit dem Hund schwingt ihren Schirm, kapert ein Schiff und verschwindet am Horziont. Denn das Denken lässt sich nicht aussetzen. Treuestes Hündchen, folgt es Dir wohin Du auch fliehst.

Ich saß auf einem Thron und wartete. Die Sanddünen bewegten sich. Rotkäppchen hatte die Koffer gepackt, Schneewittchen verhandelte noch mit den Zwergen.

Wasser

So weit wir wussten, hatte sie niemals jemanden verurteilt. Es lag ihr fern, Urteile zu fällen über andere. Vielleicht hatte sie es nie gelernt. Ich wusste erschreckend wenig von ihr, von dieser Zeit, als ihr Leben sich noch auf der anderen Seite des Fensters abspielte. Als sie sich noch nicht selbst dazu verurteilt hatte, an diesem Platz darauf zu warten, dass sie verschwinden konnte.

Sie trug Kittel, sie roch wie eine Großmutter. Sie hatte drei Söhne verloren, zwei an den Tod und einen an einen fremden Kontinent. Ihre einzige Tochter hatte den falschen Mann geheiratet und statt sich damit abzufinden, ließ sie sich scheiden, um ihre drei Kinder allein zu erziehen.

Das sind Dinge, die ich zu wissen glaube. Und auch, dass das Geld, das sie uns Kindern für die Kirmes in die Hand drückte, immer ganz warm war, aber ob sie Amseln lieber mochte oder Rotkehlchen, ob sie sich manchmal nach dem Meer sehnte, oder davon träumte mit der transsibirischen Eisenbahn zu fahren, davon wusste ich nichts.

Und während ich glaubte zu wissen und nicht bemerkte, was ich nicht wusste, stieg das Wasser.

[Versuch einer Annäherung]

Arne Rautenberg – mund fauler staub

Wer Gedichte auf ein Podest stellt, dürfte Schwierigkeiten haben mit den Versen Arne Rautenbergs, der anlässlich seiner Schullesungen sagt: „Kindern den oft zu großen Respekt vor Gedichten zu nehmen, zu zeigen, dass Sprache ein Medium ist, mit dem man spielen und Spaß haben kann, ist mir ein besonderes Anliegen. Mir geht es darum, mit Kindergedichten und Reimen dem Unsinn, dem freien Spiel mit Laut und Sinn ein Forum zu bieten und damit für Unterhaltung, Überraschung und Staunen zu sorgen.“

Wo das Ende beginnt

„Ist denn unser Leben ein Kreis?“, fragte ich meine Großmutter.
Sie saß am Fenster. Sie sah mich nicht an. Ich war nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkte, wie ich ihr gegenüber saß am Küchentisch.
Meine Großmutter ist weich, sie hat weiche weiße Haare und sehr schwere Beine. Sie trägt Strickjacken. In meiner Erinnerung sind alle ihre Strickjacken flaschengrün, sie friert ständig.
„Ja,“ sagt sie, „ein Kreis und eine Scheibe.“
Sie sieht mich immer noch nicht an.
„Siehst du den Baum dort vor dem Fenster?“, fragt sie mich, „Dieser Baum weiß alles. Im Winter fliegt er ans Meer, um im Frühling Geschichten für die Vögel zu haben. Wie sollte das möglich sein, wenn nicht alles ein Kreis wäre?“
Und jetzt sieht sie mich an. Ihre Augen sind meine Insel. Ich kann ihr alles glauben, aber wenn ich sie ansehe, brauche ich keine Antworten.

Farben

Meine Großmutter3

Sie sitzt am Fenster, als hätte sie das immer schon getan, als wäre sie nur dafür auf der Welt.
Früher hat sie die Bilder vor ihrem Fenster in Farbe gesehen. Ganz langsam, unmerklich, zogen sich die Farben zurück in Zeiten, zu denen sie keinen Zutritt mehr hat.
Zuerst waren es nur die Farben, die sich zurückzogen. Wenig später folgten die Töne. Sie weiß, dass es nun nicht mehr lange dauern wird, bis auch die Vorstellungen sie verlassen.
Dann endlich, wird sie mit ihren Erinnerungen allein sein. Erinnerungen, die sich ihr ausliefern, wie es die Gegenwart nie getan hat.