Melodie

Der besondere Charme des Schnees
Der besondere Charme des Schnees

Irgendetwas spielt sich immer auf. Das Ego, die Zeit, der Schnee. Spielt sich auf, ohne eine Melodie erklingen zu lassen. Sie wollen Vordergrund, Oberfläche, diese Begriffe. Und wir lassen uns erschlagen von dem Lärm, statt selbst den Ton anzugeben. Unser kleines Lied des Zweifels in den Weg zu stellen. Uns entgegen zu setzen und wenn wir Glück haben, wird daraus eine Melodie, zu der man tanzen kann.

Landschaft

Wir sind ausgezogen aus dieser Landschaft.

Die Landschaft heißt Vergleich.

Sie lag irgendwo zwischen Habgier und Gewöhnung. Wegzusehen fiel uns nicht leicht. Aber zu bleiben war unmöglich. Und so setzten wir vorsichtig einen Schritt vor den anderen, bis wir uns verloren hatten.

Danach wurde alles ganz leicht.

Susan Sontag „Kunst und Antikunst“

Gegen Interpretation

Ich habe vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Mariana Abramovic schon einmal über dieses Buch gesprochen, über den Aufsatz „Gegen Interpretation“. Abramovic läuft immer noch nicht irgendwo in der Nähe, aber ich bin ja demnächst in Berlin und kann ihn hoffentlich dort sehen. Sontags Essay enthält aber so viele bedenkenswerte Gedanken, dass ich einige davon festhalten möchte.

Was ist der Wert von Kunst? Hat Kunst überhaupt einen Wert? Das ist die Ausgangsfrage und Sontag führt Plato an, der Kunst schlichtweg als Lüge bezeichnete, aber auch Aristoteles, der der Kunst immerhin einen „therapeutischen“ Wert zugestand, „da sie gefährliche Emotionen zutage fördert und läutert.“

Auch heute beherrscht diese Fragestellung die Einschätzung von Kunst. Es herrscht die Vorstellung, „daß das Kunstwerk mit seinem Inhalt identisch ist.“

Da der Inhalt dermaßen im Vordergrund steht, ergibt sich die Notwendigkeit der Interpretation, die dann wiederum die Vorstellung, dass es einen Inhalt der Kunst gibt, verfestigt.

Nun könnte man fragen, was denn bedenklich oder überhaupt bemerkenswert daran sein sollte, dass Kunstwerke interpretiert werden. Auf ein Werk einzugehen und es mit Sinn zu füllen, sollte doch genau das sein, was sich jeder Künstler wünscht.

Sontag setzt dem entgegen, dass die Interpetation den Text verändert, das Kunstwerk zähmt. Sie schreibt: „Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es.“

Ihrer Meinung nach, wäre eine entgegengesetzte Herangehensweise die richtige: „Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurückzuschneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt.“

Und das sollte auch der Grundsatz sein, nach dem die Kritik arbeiten sollte: „Die Funktion der Kritik sollte darin bestehen aufzuzeigen, wie die Phänomene beschaffen sind, ja selbst, daß sie existieren, aber nicht darin, sie zu deuten.“

Aber ist das überhaupt möglich? Ist nicht die bloße Beschreibung, die Wiedergabe der Form, bereits Interpretation? Eine Verschiebung von der inhaltlichen zur formalen Interpretation?

Kunst ist, wenn sich der Inhalt in Form auflöst, wenn die Form den Inhalt in den Hintergrund treten lässt, erläutert Sontag in folgenden Aufsatz „Über Stil“ am Beispiel der Filme von Leni Riefenstahl, die in den gelungensten Fällen über Nazipropaganda hinausgehen. „Leni Riefenstahls Genie bewirkte, daß der „Inhalt“ – wenn auch vielleicht gegen ihre eigene Absicht – eine rein formale Rolle spielt.“

14. Dezember

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Und das sind wirklich genau die Farben, die ich morgens von Fenster aus sehe. [leider komme ich nämlich ganz und gar nicht mit der Bildbearbeitung zurecht] Ich finde, da kann man getrost mal sprachlos bleiben und statt dessen noch ein Foto hinterher schicken.

Winter 2012
Winter 2012

Schnee

Schnee
Schnee

I

Jetzt blieb der Schnee liegen und der Mann legte sich dazu. Der Mann ist nicht lebensmüde. Er wird wieder aufstehen, nach Hause gehen, seine Kleider vor dem Ofen trocknen. Er wird sich nicht einmal erkälten.

Aber jetzt liegt er hier im Schnee, denkt daran, wie Kinder „Engel“ machen im Schnee. Er selbst aber bewegt sich nicht.

Ein Hund beschnuppert ihn, eine Frau schreit. Er schließt die Augen und wartet.

Wartet, bis es Zeit ist, um aufzustehen.

II

Meine Stimme (oder vielmehr das Echo, das ich für meine Stimme gehalten habe), verhallte in den Weiten. Gründlich ausgelöscht als der erste Sonnenstrahl auf den schneebedeckten Boden traf.

Ich erinnerte mich an den Mann, der regungslos im Schnee gelegen hatte. Irgendetwas sagte mir, dass er nicht tot war, und dass ich ihn nicht berühren, nicht mit ihm reden durfte.

Der Schrei, der dann aus meinem Mund kam, war etwas ebenso Fremdes und Unheimliches wie der Mann. Und die einzige Möglichkeit weiterzugehen.

 

 

 

Grenzen

Das Nebenan und nebeneinander. Und wie man die Augen verschließt vor sich selbst, und dabei so tut, als öffne man sie für die Welt.

Es war einer dieser Tage, an denen sich der Nebel nicht lichtet. An dem die Sehnsucht schwer in den beinahe unbeweglichen Gelenken hing. Eine Mischung aus Angst und Vorfreude.

Und warum sollte man keine Unruhe empfinden und an die Kindheit denken? Die, die längst vorbei ist, und die, die noch bevor steht. Und wo die Grenze verläuft und was Grenzen überhaupt sind. Wie man sie überschreitet und was dahinter liegt, oder ob es sie nur gibt, damit man manchmal sagen kann: grenzenlos.

Uwe Kolbe

Im September hatte ich das große Glück ein Lyrikseminar mit Uwe Kolbe besuchen zu dürfen. Es fand in einem ehemaligen Schweinestall auf einem im Wald gelegenen Hof statt und war einfach schön.

Kolbe las Gedichte, u.a. auch aus dem neuen Band Lietzenlieder, das Jan Kuhlbrodt heute in einer lesenswerten Rezension bei fixpoetry bespricht. Eines der Gedichte, die Kolbe an diesem Abend las und das dann diskutiert wurde, war aus eben jenem Band. Das Gedicht „Eisvogel“, das Jean-Yves Klein gewidmet ist, weil er maßgeblich zu dessen Entstehung beigetragen hat. Eisvogel ist Teil eines Sonettkranzes, also einer sehr strengen Form. Jan Kuhlbrodt schreibt dazu in seiner Besprechung:

Und was macht Kolbe?!  Er legt sich neue, diesmal formale Ketten an, und schreibt Sonette. Als hielte er die Freiheit nicht aus. Was dabei aber geschieht ist einzigartig, der äußere Zwang, die Macht der vierzehn Zeilen schafft innerhalb der Texte Luft, macht Räume auf. Souveränität.

Beides, erst die gekonnte Besprechung, dann die Gedichte selbst, sind ein hervorragendes Mittel gut gelaunt, ja sogar glücklich, durch diesen naßkalten Tag zu kommen.