Spiegelbilder

Der Saal bleibt dunkel. Wir sehen schwere Holz- und Eisentüren. Es gibt keine Wände in diesem Verlies. Nur Türen, die eine enge Zelle bilden. Türen ohne Schloss. Keine Möglichkeit zu entkommen.

Die Türen atmen Kälte aus. Sie sind nicht nur eng und hoch und dick und undurchdringlich. Vielmehr unnahbar in ihrer Kälte.

An einer der Türen hängt ein Spiegel.

Ein Stuhl wird hereingetragen. Verwaschenes Blau, abgeblätterte Farbe, alt, sehr klein.

Ein winziger Stuhl und ein Spiegel in einem Raum mit Türen, die niemand öffnen kann.

Sonst nichts.

 

Wir warten. Und während wir warten, beginnen wir zu begreifen. Wir wissen, dass es jeden von uns treffen kann.

 

Angst schnürt uns die Kehle zu, unsere Hände zittern. Das Entsetzen kommt wie die Flut, in Wellen, ansteigend, unaufhaltsam.

Niemand will hier sein. Keiner geht.

Wir warten.

 

Die Fragen kommen so selbstverständlich wie das Unvermeidliche in das wir uns fügen werden.

Unsere Gesichter sind Fratzen. Unsere Nerven gespannt. Wir sehen einander nicht an. Jeder hofft, der andere möge das Opfer sein. Die Kälte dringt in uns ein. Wir hören unseren rasselnden Atem. Wir atmen Angst. Unsere Haut wird dünn und brüchig.

 

Eine Frau erhebt sich. Sie betritt die Bühne, setzt sich auf den Stuhl. Im Spiegel verliert ihr Gesicht zunehmend die Konturen. Wird zu einer leeren Maske, in der sich nach und nach jeder von uns selbst erkennt. Es ist uns nicht möglich den Kopf zu wenden. Jeder ist sich selbst ausgeliefert.

Wir sind Schauspieler. Hier nützt es uns nichts. Nichts und niemand gegen den wir anspielen könnten.

Die Stille wird zunehmend durchlässiger. Stöhnen, Schreie, Schluchzen zerreißen das kalte Dunkel. Jeder Ton scheint von außen in uns zu dringen und gleichzeitig aus jedem einzelnen selbst zu entspringen.

Der Spiegel dehnt sich, kontrahiert, nimmt Farbe an, verblasst. Immer schneller ändern sich Form und Tönung. Spiegelbilder spiegeln Bilder. Sie wechseln mit atemberaubender Geschwindigkeit. Gesichtsschemen werden erkennbar, blitzen auf. Ein Bart, blaue Augen, Frauenlippen. Die Bilder schieben sich ineinander.

Wie Spiralen, wie ein Wasserstrudel ziehen uns die Gedanken tiefer in uns hinein, in ein dunkles Loch, ohne Licht, ohne Ausgang.

Ein Wort zerreißt die Stille.

 

Etwas hat sich geändert. Wir spüren. Etwas hat uns berührt. Unsere Köpfe werden beweglicher, neigen sich nach links, nach rechts, – einander zu.

[Dreischneuß]