2012

Wir beleben die Zwischenräume, den kleinen Fleck zwischen Anfang und Ende. Und das genügt.

Vor einigen Tagen habe ich Iris Jahresrückblick gelesen und bin in diesem Zusammenhang darauf gestossen, was ich mir Anfang des Jahres für mich selbst vorgenommen hatte. Ziemlich abstrakt, hatte ich geschrieben, seien diese Wünsche. Und das blieben sie auch. Mussten sie bleiben, denn sie hatten nichts mit dem, was ich wirklich wollte und brauchte zu tun.

Dieses Jahr, 2012, war ein gutes Jahr. Zu Pfingsten bekam ich völlig unerwartet einen Vertrauensvorschuss und eine Chance, die sich zu einer sehr schönen Herausforderung entwickelt hat. Im Urlaub war ich zwei Wochen lang vollkommen schmerzfrei. Ein wunderschönes Wunder. Jetzt, zum Ende des Jahres, beende ich ein Manuskript, das lange genug gereift ist.

Ab und zu lebe ich ganz im Hier und jetzt. Ich weiß das Glück zu schätzen, dass es Menschen gibt, die das Leben mit mir teilen und genieße meine Dankbarkeit. Die Familie ist zusammengewachsen, so dass jeder Einzelne freier werden konnte.

Ich habe vier Grundsätze gelernt, die ganz einfach klingen, viel schwieriger sind und trotzdem alles leichter machen [gerade so schwer wie nötig, um nicht abzuheben].

Ich habe interessante neue Blogs entdeckt, die mir Einblicke in mir unbekannte Welten gewähren und einen Blogger habe ich sogar persönlich kennen gelernt.

Ich habe meine Mitte noch nicht gefunden, aber die Suche fühlt sich mehr und mehr mittig an.

Für das neue Jahr wünsche ich uns allen, dass wir immer so naiv bleiben, uns nichts mehr zu wünschen, als Frieden und Liebe.

 

Sansibar und das vorläufige Ende der Welt

Dezember 2012, Brackwede
Dezember 2012, Brackwede

Ein Satz, der sich nicht fortführen lässt.

Als Kind wünschte sich meine Schwester ein Pferd, sagt Sansibar.

[ich musste bei den Klassenarbeiten einen Rand im Heft lassen, den die Lehrerin mit roten Mustern verzierte, während meine Mutter Rotwein trank. Ich dachte immer sie trinkt Blut. Aber in Wirklichkeit war mir egal, was sie trank, ich hätte nur gerne gewusst, wessen Blut es war.]

Du bist so ehrgeizig, dass Du über Leichen gehen würdest, sagte meine Mutter zu meinem Vater, jedes Mal, wenn er vorhatte, uns zu verlassen. Das leuchtete mir ein. Daher also kam das Blut. Mein Vater ging über die Leichen, denen er vorher das Blut abnahm, damit meine Mutter ihren sogenannten Rotwein trinken konnte.

Hier und da gab es jemanden, der mir helfen wollte, aber am Ende wurde nie etwas daraus, schrieb meine Schwester in ihr Tagebuch. Auf dem Deckel waren Pferde. Man konnte es abschliessen. Den Schlüssel trug sie stets um den Hals, aber das Tagebuch lag offen auf dem Tisch.

Welches Tier würdest du gerne sein, wenn du die Wahl hättest, fragte sie mich. Ich sagte: Ein Regenwurm.

In diesem Jahr hatte es in Sibirien weit über 40 Grad unter dem Gefrierpunkt und die elektrischen Leitungen froren ein.

Spiegelbilder

Der Saal bleibt dunkel. Wir sehen schwere Holz- und Eisentüren. Es gibt keine Wände in diesem Verlies. Nur Türen, die eine enge Zelle bilden. Türen ohne Schloss. Keine Möglichkeit zu entkommen.

Die Türen atmen Kälte aus. Sie sind nicht nur eng und hoch und dick und undurchdringlich. Vielmehr unnahbar in ihrer Kälte.

An einer der Türen hängt ein Spiegel.

Ein Stuhl wird hereingetragen. Verwaschenes Blau, abgeblätterte Farbe, alt, sehr klein.

Ein winziger Stuhl und ein Spiegel in einem Raum mit Türen, die niemand öffnen kann.

Sonst nichts.

 

Wir warten. Und während wir warten, beginnen wir zu begreifen. Wir wissen, dass es jeden von uns treffen kann.

 

Angst schnürt uns die Kehle zu, unsere Hände zittern. Das Entsetzen kommt wie die Flut, in Wellen, ansteigend, unaufhaltsam.

Niemand will hier sein. Keiner geht.

Wir warten.

 

Die Fragen kommen so selbstverständlich wie das Unvermeidliche in das wir uns fügen werden.

Unsere Gesichter sind Fratzen. Unsere Nerven gespannt. Wir sehen einander nicht an. Jeder hofft, der andere möge das Opfer sein. Die Kälte dringt in uns ein. Wir hören unseren rasselnden Atem. Wir atmen Angst. Unsere Haut wird dünn und brüchig.

 

Eine Frau erhebt sich. Sie betritt die Bühne, setzt sich auf den Stuhl. Im Spiegel verliert ihr Gesicht zunehmend die Konturen. Wird zu einer leeren Maske, in der sich nach und nach jeder von uns selbst erkennt. Es ist uns nicht möglich den Kopf zu wenden. Jeder ist sich selbst ausgeliefert.

Wir sind Schauspieler. Hier nützt es uns nichts. Nichts und niemand gegen den wir anspielen könnten.

Die Stille wird zunehmend durchlässiger. Stöhnen, Schreie, Schluchzen zerreißen das kalte Dunkel. Jeder Ton scheint von außen in uns zu dringen und gleichzeitig aus jedem einzelnen selbst zu entspringen.

Der Spiegel dehnt sich, kontrahiert, nimmt Farbe an, verblasst. Immer schneller ändern sich Form und Tönung. Spiegelbilder spiegeln Bilder. Sie wechseln mit atemberaubender Geschwindigkeit. Gesichtsschemen werden erkennbar, blitzen auf. Ein Bart, blaue Augen, Frauenlippen. Die Bilder schieben sich ineinander.

Wie Spiralen, wie ein Wasserstrudel ziehen uns die Gedanken tiefer in uns hinein, in ein dunkles Loch, ohne Licht, ohne Ausgang.

Ein Wort zerreißt die Stille.

 

Etwas hat sich geändert. Wir spüren. Etwas hat uns berührt. Unsere Köpfe werden beweglicher, neigen sich nach links, nach rechts, – einander zu.

[Dreischneuß]

Frohes Fest

Und wie feiert das Meer Weihnachten?

Beruhigt es sich, fast als würde es den Atem anhalten, damit seine Oberfläche glatt wird, durchsichtig wie Glas? Damit der Stern sich spiegelt auf der ruhigen dunklen Fläche?

Oder macht es sich selbst auf nach Bethlehem, den Stall und das Kind zu suchen? Ihm und den Heiligen Drei Königen Fisch zu schenken und das Versprechen auf Frieden?

An etwas zu glauben, und alles andere zu vergessen für eine Nacht?

Es war einmal

Dieses es war einmal

geht schneller als man denkt

Es war einmal

Das Glück

Es war einmal

Die schöne Königstochter

Es war einmal

Der Prinz

 

der sich in einen Frosch verwandelte

Als er noch Prinz war

hieß er Hans

Aber das hat nichts zu sagen

so hießen viele damals

Drittgeborene Müllersöhne

Kinder von hungerleidenden Tagelöhnern

die Sprecher der Wetternachrichten

 

Kurz

Alle die die jedes Mal hielten

was sich niemand versprechen lassen wollte

Die das Glück mit halbseidenen Tauschgeschäften herausfordern wollten

und sich als Matrosen zum Strümpfestopfen anheuern ließen

um sich beim ersten Landgang

eine Katze auf den Buckel zu setzen

und ein Lebkuchenhaus zu bauen

 

Nur der Prinz der sich in einen Frosch verwandelt hatte

blieb sich treu

ein glibberiges Krötentier

dem die Augen aus dem unkengrünen Schädel quollen

weil er die Kugel verschluckt hatte

um die die Prinzessin Tag für Tag weinte

[Ort der Augen 03/2012)

Gerüchte

Die Gerüche. Aber auch die Gerüchte. Wie das eine zum anderen kam. Eine Lücke in der Betrachtung. Ein Freiraum für die Fantasie. Ich hielt mich an und hielt das aus. Im Tor standen zwei Schneemänner, die langsam vor sich hinschmolzen. Mein Kopf war ein Brett auf dem es sich balancieren ließ.