Lee Miller I

Über Lee Miller, eine der außergewöhnlichsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, habe ich vor geraumer Zeit, einen viel zu kurzen Artikel geschrieben.

Obwohl Miller mittlerweile zu den wichtigsten Fotografinnen gezählt wird, hat ihre “Wiederentdeckung” erst kürzlich stattgefunden. Lange Zeit war sie fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Möglicherweise auch deshalb, weil sie lange als Modell und Modefotografin tätig war. Vielleicht aber auch, weil sie selbst kein großes Interesse daran hatte, sich um die Präsentation ihrer Werke zu kümmern. Ihre einzige Einzelausstellung hatte Miller 1933.

Richard Calvocoressi äußert einen dritten Verdacht als möglichen Grund für den geringen Bekanntheitsgrad Lee Millers als Fotografin.

Der dritte und mögicherweise wichtigste Grund für das mangelnde Interesse, das ihr als Fotografin entgegengebracht wurde, dürfte die Faszination sein, die von ihrer unkonventionellen Persönlichkeit ausging. Ihre legendäre Schönheit, eindrucksvoll festgehalten in Aufnahmen von Streichen, Hoyningen, Huene und, am sinnlichsten, von Man Ray, der Umstand, dass sie im Kindesalter von dem Sohn eines Freundes der Familie [an anderer Stelle ist von einem Cousin oder Onkel die Rede] missbraucht wurde, eine eigentümlich innige Beziehung zu ihrem Vater, zahlreiche Liebesaffären und ihre von Alkohol und Depression gekennzeichneten mittleren Lebensjahre – all das nahm die ganze Aufmerksamkeit der Medien in Anspruch und verhinderte eine echte Wertschätzung ihrer Künstlerischen Gaben“ (R. Calvocoressi: Lee Miller| Begegnungen, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2002).

Lee Miller ist schon früh mit dem Medium der Fotografie vertraut gewesen, ihr Vater war ein begeisterter Amateurfotograf, der besonders seine schöne Tochter sehr gerne und häufig fotografierte. Im Alter von sieben Jahren wurde Lee vergewaltigt. Neben den seelischen Qualen infizierte sich Lee mit einer Geschlechtskrankheit. Einzelheiten wurden totgeschwiegen. Allerdings zogen die Eltern einen Kinderpsychologen hinzu.

Lees erster Verlobter verunglückte tödlich, drei Jahre später verunglückte ihr nächster Geliebter.

1926 wurde sie in New York von Condé Nast entdeckt und erhielt ihre ersten Aufträge als Model für die Vogue. Die Karriere als Fotomodell endete als eine Werbekampagne für Damenbinden mit Lees Bild erschien. In der prüden Zeit der 30er Jahre konnte ein derartiger Vorfall den Ruf als Model zerstören.

Lee hatte allerdings die Fotografie längst für sich selbst entdeckt und wechselte die Seiten, statt sich fotografieren zu lassen, ging sie dazu über, selbst zu fotografieren.

Was das Werk eines Menschen in seiner Qualität von dem anderer unterscheidet, ist seine Aufrichtigkeit.“ (Lee Miller, zitiert nach Ruth Seinfel, „Jeder kann sich darstellen. New York Evening Post. 24.10. 1932).

12 Gedanken zu “Lee Miller I

  1. da wird mir bewusst, wie vielen einflüssen unser kunstschaffen und unser leben ausgesetzt ist. wie aufrichtig können wir bleiben, wenn uns dies oder jenes widerfährt und was ist aufrichtigkeit wirklich? spannende gedankenstupser und danke für das portrait!
    herzlich, soso

      1. leider nein … oder nur vorläufig:
        synonym von authentizität. ohne falsch. ohne korruption. ohne hintergedanken. muss aber nicht altruistisch sein, darf auch „an sich denkend“ sein, aber klar kommuniziert.
        so ungefähr.
        wahrscheinlich kein allgemein gültig-zu definierender begriff … hm.

        herzlich, soso

  2. ich habe mir aufgrund deines Artikels gerade Bilder von Lee Miller angeschaut, was für wunderbare Fotos sie gemacht hat! Da werde ich bestimmt noch öfter lugen. Gleichzeitig dachte ich, wie schön ich immer wieder die gute alte SchwarzWeißFotografie finde!
    Das Schicksal berührt, wieviel Mut und Willen ein Mensch braucht, um an solchen Schlägen nicht zu zerbrechen.
    Das andere sind die Medien, die eben lieber tratschen, als tief zu schauen, die meisten wenigstens …

    vielen Dank fürs Ausmerksammachen und herzliche Grüße
    Frau Blau

    1. Ja, gerade bei Lee Miller ist es mir schwergefallen auf die wunderschönen Fotografien von ihr und mit ihr zu verzichten. Schade. Aber schön, wenn ihr dann selbst danach sucht. „Zerbrochen“ ist Lee Miller dann später doch. Aber das erzähle ich im zweiten Teil ihrer Lebensgeschichte. Danke für Dein aufmerksames Lesen.

    1. Lee Millers Proträt gehört noch zu dem vor längerer Zeit gestarteten Projekt der Frauen im Surrealismus, durch ihre Beziehung zu Man Ray und Roland Penrose, aber insbesondere durch ihre Art zu arbeiten, zu sehen und zu fotografieren, kann man sie dem Surrealismus zurechnen. Ich selbst knipse leider nur. Fotografieren kann ich nicht ;-(

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