Lateinamerikanische Lyrik

Ein hervorragender und sehr differenzierter Artikel über die mangelnde Resonanz lateinamerikanischer Lyrik in Deutschland und die Gründe dafür, auf den die Lyrikzeitung heute aufmerksam macht.

Schade ist nur, dass nicht auf den Hochroth Verlag oder auf SuKulTur eingegangen wird, die die wunderbaren Übersetzungen Timo Bergers verlegen und vertreiben.

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Anna und ich

Ist es denn Annas Schuld dass nichts so ist

wie es sein könnte?

Keine anliegenden Ohren

keine elfenbeinfarbene Haut

nur Mann und Kind

und ein Ballon der platzt

obwohl ihn niemand in die Luft geworfen hat

Als dürfte man nur Menschen lieben

die nach Kleingeld riechen

 

Mamatschi schenk mir ein Pferdchen

mit dem ich durch die Felder sprengen kann

Alraunen und Akazien

Zartbitterschokolade

für den Schlaf der Vögel

scharf wie gebrochene Versprechen

 

Die Bettler verkaufen Knoten

auf denen man Akkordeon spielen kann

zum Gelächter im Dorf

weil der silberne Löffel endlich laufen lernt

 

Wie schön sich Annas feine Stimme

in den Teppich webt

als wäre Schönheit eine Entschuldigung

als gäbe Liebe einem das Recht

auf mehr

auf mehr als schiefertafelig angekreidete Unschuldsbrüche

und Stolz wäre mehr als ein Fleck

auf der Landkarte eines nicht ganz so reinen Gewissens

wie weiße Bettwäsche

mit hässlichen Rändern

und Pantoffeln

die verloren in der Ecke stehen

und vergebens versuchen die Vorwürfe zu überhören

 

Als ich Anna traf

war ihr die Saumseligkeit längst aus den Augen gefallen

Sie war zwei Männern begegnet

Einer versuchte sich für sie umzubringen

Der andere ihr zu vergeben

 

Der Zweifel wächst wie ein Holunderbusch

er vertrocknet als Anna zum Bahnhof geht

und jemand sagt

man braucht einen anderen um sich selbst zu erkennen

wer sagt das denn

und was fangen wir an

mit so einem Satz

Anna und ich

Novembernebel

Sie schluckt diese Tabletten und der Nebel kommt. Wohltuend weicher Nebel. Fast zärtlich. Die Feststellungen verlieren das Feste, ohne ins Wanken zu geraten. Alles wird diesig und dunstig, weich und fließend wie ein Aquarell.

Sie verschwimmt und vergisst, dass sie zurück fließen muss. Sie ist der Novembernebel für den es keine Jahreswechsel gibt.

 

Wie wäre das, wenn alles gleich bliebe, nur sie würde sich verändern? Oder andersherum: alles veränderte sich, außer ihr? Wäre das Stillstand? Gibt es das überhaupt; Stillstand? Ist nicht immerzu alles in Bewegung in das Nichts hinein, aus dem Nebel hinaus.

Nebel. Als wäre das ein Ziel.

 

Wie viel Gewicht der eigene Körper bekommt, wenn er verlassen wird. Erleichtert um das Versprechen des Gemeinsamen.

Erwartungen

Ich habe kein Gefühl für die flatterhaften Zeichen der Zeit.

Überall standen Dinge, auf die ich mich verlassen konnte und doch gelang mir die Orientierung nicht. Als Kind hatte mich dieses Wort fasziniert: Orientierung. Ich dachte dabei an exotische Tiere. Tiere aus dem Orient. Dass die Sätze mit dieser von mir vorgestellten Bedeutung, keinen Sinn mehr ergaben, störte mich nicht. Die Bilder und Farben, die statt dessen vor meinen Augen entstanden, waren mehr als ein Trost für das Unverständnis. Unverständnis hieß ohnehin nichts weiter, als das man nicht stehen blieb. Dass alles weiterging. Immer weiter. Vielleicht in Richtung Orient.

Und dann sagte Mutter, dass sie ein Kind erwartete und verlangte von mir, ich solle mich mit ihr freuen. Seit wann freut man sich über die Erwartungen seiner Eltern?

Ich habe mein Alter vergessen. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals war.

Ich erinnere mich nur daran, dass Mutters Erwartungen enttäuscht wurden. Das Kind traf nie bei uns ein.

Erinnerungen

Die Zügellosigkeit der Zeit. Die Sprachlosigkeit der Tage. Das Wort Singvogel. Und was damit verbunden ist. Verbindlich. Einfaltslos.

Ich besuchte ein Museum. Ohne zu wissen, dass ich wieder nach ihr suchte. Nach der kleinen Frau.

Erst muss man der Versuchung erliegen, dann kann man herausfinden, aus dem eigenen Labyrinth.

Nenne mich bei meinem Namen.

Die Bedeutungen und die Spuren, die sie hinterlassen.

Sanfte Stimmen, die harte Worte aussprechen. Schneiden. Wunden im Erinnerungsvermögen.

Alles, was er berührte, verwandelte sich in eine Erinnerung. Erinnerungen sind Lügen.

Die Unebenheit der Betrachtung

Das Verlöbnis der Zeit mit etwas außerhalb ihrer selbst. Loben und geloben und dann weitergehen. Nicht darüber hinaus, aber darüber hinweg.

Ein Stirnrunzeln und die drei magischen Sätze der Taxifahrer.

 

Geheimsprachen und das Verstummen der Einsamen. Kraftlosen.

Erst muss man den Mund halten, dann kann man begreifen, was verschwiegen worden ist.

 

Ich verlor mich in der Unebenheit der Betrachtungen. Ein Auge ist kein Auge und einer der zuguckt noch lange keiner der sieht.

 

Die kleine Frau packt ihren Koffer. Es ist ein roter Koffer. Er ist leicht. Die kleine Frau reist stets mit kleinem Gepäck. Erst muss man ankommen in der Bewegungslosigkeit der Zeit, dann kann man aufbrechen, neue Sprachen, Menschen, Länder entdecken, für eine kurze Zeit vergessen, dass sich alles gleicht und es Abenteuer nennen.

 

Die Namen und die Rollen, die wir ihnen zugestehen. Wie kann man etwas begreifen, wofür man keinen Namen hat?

Am Anfang war das Wort. Später das Bild. Aus beiden entstand der Traum vom Festhalten der Beweglichkeit.

Das Haus

Ein Haus im Süden. Der Putz ist abgeblättert. Das Haus ist alt. Möglicherweise nicht mehr bewohnt. Ein stummer Zeuge für Geschichten, die sich in ihm abgespielt haben.

Die Frau wird das Haus kaufen. Koste es, was es wolle. Es ist ihr Haus. Das für sie bestimmte Haus. Sie hat ein wenig Geld. Nicht sehr viel, aber genug, dass man ihr Kredit geben wird, dass sie eine Hypothek aufnehmen kann auf das Haus. Sie ist krank. Sie wird nicht mehr lange leben. Das Haus ist ihr letzter Wunsch. Sie glaubt, dass man ihr diesen letzten Wunsch nicht abschlagen kann.

In der Nacht hat sie von einer Frau geträumt. Erfolgreich, schön und beliebt. Diese Frau hatte sich erschossen und während sie starb dachte die Sterbende: Und ich lebe noch. Noch immer.

Dann war es vorbei. Die Frau war tot, das Entsetzen über ihren Tod breitete sich aus.

 

Briefe

Ich habe dir geschrieben, von diesem unwirklichen Ort, an dem die Bäume leben (wie Wälder, in dieser Art von Zusammengehörigkeit), bevor sie sich in Steine verwandeln (diese Art von Geburt).

Ich habe dir geschrieben, in dieser Art von Schrift, die glaubt, sich selbst entschlüsselt zu haben (diese Art von Lüge. Betrug).

Jetzt warte ich auf dein Schweigen. Aber du schickst mir Briefe, mit Worten voller Verständnis (diese Art von Stillstand).