Rapunzel und Hans im Glück

Sie

Erst hatten wir nichts voneinander gewusst. (Ich kannte nur den Turm und die Stiefmutter.) Dann haben wir uns aus den Augen verloren. (Einer von uns hatte die Augen verloren, hieß es in den sehr alten Schriften, die wir einander vorlasen, als bekämen die Worte erst durch uns einen Sinn.)

 

Er

Sie lebte allein. Sie hatte Talent. Sie sang diese sehr alten Lieder. Ihre Stimme war golden. Ich hatte schon manches Gold besessen, es hatte mir nichts bedeutet. Ich hatte alles leichtfertig weggetauscht, aufs Spiel gesetzt. (Verloren, sagten die meisten.) Meinetwegen verloren. Ich hatte es nicht bemerkt, hatte nichts bereut. Dieses Gold hatte mir nichts bedeutet. Ihre Stimme, ihr Haar, der Schatten ihrer Bewegungen hinter dem Fenster, war das erste, das ich wirklich besitzen wollte.

 

Sie

Hören und sehen, sagen sie. Meine Zeit aber ist befleckt.

 

Er

Wie das Leben vorbeischlendert. Nichtsnutzig. Unbeschwert. Ungerührt.

Sie hatte Rapunzel für ihr Eigentum gehalten. Ich hielt sie für mein Glück. Als wir aufeinander trafen, trat das Leben ein Stück zurück. Die Alte verlor alles. Ich verlor nur die Sicht. Und gewann eine neue Suche.

 

 

16 Gedanken zu “Rapunzel und Hans im Glück

  1. ich gewann eine neue Suche. – hm, das muss ich erstmal kauen.
    mir gefällt diese gegenüberstellung. mir gefallen diese gedanken, die sich da einander gegenüberstellen …
    eine sehr spannende idee – möglicherweise sogar eine idee für weitere dialoge – ein anfang?

    herzlich, soso

  2. Sehr spannend! Mehr fällt mir zu dem tollen Text gar nicht ein!

    Ich habe 2009 eine Lithoserie zu Zitaten aus Märchen gemacht, so ähnlich wie jetzt zum Antonius. Am Ende habe ich dann auch angefangen die Drahtfiguren untereinander zu kombinieren, z.B. den Wolf, Rotkäppchen und ein Kind. Auf einmal bekam der Titel „Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er schon das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus“ eine ganz neue Bedeutung. Die Arbeiten waren m.E. die spannendsten. Leider habe ich gerade gesehen, sind es nur zwei oder drei…
    Ich habe übrigens Rapunzel und den Eisernen Heinrich 😉

    Beste Grüße Ute

    1. Die Arbeiten würde ich gerne sehen, Ute.
      Irgendwann als meine Kinder in dem Alter waren, dass ich ihnen Märchen vorlas, hat es mich ärgerlich gemacht, dass die weiblichen Personen nur wenn sie böse sind, aktiv werden, dass überhaupt manche Figuren zu einer so großen Passivität verurteilt sind, und ich habe angefangen, das schreibend zu ändern.

  3. “ … und gewann eine neue Suche“ – Ein wunderbarer Satz, denn eigentlich bedeutet es doch, dass man wieder ein Ziel hat, oder endlich ein Ziel hat. Und besonders schön fand ich, wie er das Verlieren von Gold nicht als Verlust empfand, weil er eine ganz andere Sehnsucht hatte.

    1. ich mag ja diesen hans aus hans im glück sehr, sherry. weil ich ihn gar nicht für dumm halte, sondern für einen, der erkannt hat, dass es viel höhere werte gibt, als „gold“, weil er, wie du schreibst „eine ganz andere sehnsucht hatte.“

  4. diesen Text habe ich jetzt schon dreimal gelesen, liebe Mützenfalterin und mag ihn sehr in seiner ganzen Vielschichtigkeit.
    „Meine Zeit aber ist befleckt“ zum Beispiel stellt Fragen… wovon? Der Vergangenheit?

    Sherry, du hast es gesagt, was auch ich assoziierte …

    herzlich grüßt
    Frau Blau

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