Das große Heft – Agota Kristof

Nachdem Agota Kristof im Juli letzten Jahres gestorben war, schrieb Sybille Berg einen wütenden Artikel über die mangelnde Aufmerksamkeit, die diese große und wichtige Schriftstellerin ein Leben lang erfahren hatte. Ich weiß nicht, ob dieser Artikel notwendig war oder nur zu spät kam, ob er mehr mit Frau Berg als mit Agota Kristof zu tun hatte, oder ob er genau den faulen Kern des Literaturbetriebs getroffen hat, aber ich bin mir sicher, dass Das große Heft ein Stück sehr große Literatur ist.

Zwei Jungen, Zwillinge, etwa zehn Jahre alt, werden von ihrer Mutter der Großmutter anvertraut, weil das Leben in der „großen Stadt“ zu gefährlich wird, und die Lebensmittel aufgrund der Kriegsfolgen bedrohlich knapp geworden sind. Widerwillig nimmt die Großmutter die Enkel auf. Nicht nur sie, sondern alle Dorfbewohner spotten über die Kinder und quälen sie. Anfangs leiden die Jungen unter den Schlägen, dem Heimweh und der Trennung von der Mutter. Später unterziehen sie sich Übungen, die sie gefühllos gegen Schmerzen machen sollen. Was sie während der Zeit bei der Großmutter, der sie nach einem zweiten Schlaganfall Sterbehilfe leisten, erleben, notieren sie in dem Großen Heft, bis sie sich schließlich trennen und einer der Brüder mit Hilfe des Vaters über die Grenze flieht, während der andere Bruder im Haus der Großmutter zurückbleibt.

Im großen Heft der Brüder beschreibt Agota Kristof ihre eigene Poetologie:

„Um zu entscheiden, ob es „Gut“ oder „Nicht gut“ ist, haben wir eine sehr einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen.

Zum Beispiel ist es verboten zu schreiben: „Großmutter sieht wie eine Hexe aus“, aber es ist erlaubt zu schreiben: „Die Leute nennen Großmutter eine Hexe.“

Es ist verboten zu schreiben: „Die kleine Stadt ist schön“, denn die kleine Stadt kann für uns schön und für jemand anderes häßlich sein“ […]

Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, d.h. an die getreue Beschreibung der Tatsachen.“

Da klingt das Gebot von Ilse Aichinger, sich selbst ständig zu mißtrauen an. Und darüber hinaus entsteht aus dieser Poetik ein grausam schönes Stück Literatur.

Es ist keine richtige „Gemeinsamkeit“, die die Brüder miteinander erleben, vielmehr ein einander Ergänzen, die Möglichkeit, sich in zwei Hälften aufzuteilen, um so pragmatisch wie unter den gegebenen Umständen notwendig, handeln zu können, um bei allen selbst anerzogenen Grausamkeiten, (die keine Grausamkeiten sind, niemand genießt sie) ihre Würde zu behalten.

Im Laufe der Zeit, werden die Kinder zu Mördern, und was bezüglich dieser Entwicklung mit mir als Leserin geschieht, ist erschreckend. Ich empfinde kaum Mitleid mit den Opfern, vielmehr Verständnis für die Morde, die Grausamkeiten, sie scheinen vollkommen folgerichtig.

So leicht veränderbar ist also Moral. Töten ist abscheulich, aber diese Kinder scheinen moralisch so integer, dass ihre Art zu handeln nicht erschreckend, auch nicht verachtenswert erscheint.

Letztendlich handelt dieses Buch von einer Verrohung, die mir beim Lesen selbst widerfährt, und macht damit eindringlicher als Heldenepen oder Opfergeschichten deutlich, was Krieg eigentlich bedeutet.

32 Gedanken zu “Das große Heft – Agota Kristof

  1. Ich bin ganz begeistert darüber, dass du mich an das Grand Cahier erinnert hast, das ich damals zu Schulzeiten regelrecht verschlungen habe. Dieses Buch ist wirklich ganz grosse Literatur, ebenso wie die beiden anderen Bücher der Trilogie. Ich muss sie unbedingt wieder einmal lesen.

    1. Das begeistert mich wiederum. Schön, dass Du das wunderbare Buch schon lange kennst, bzw. die Triologie, obwohl ich gestehen muss, dass ich die Folgebücher auch gerne gelesen habe, auch atemlos, aber diese Kraft des ersten Buches hatten sie naturgemäß nicht mehr. Ich freue mich jedenfalls sehr, wenn ich irgendwie dazu beigetragen habe, falls Du die Bücher wieder in die Hand nimmst.
      Übrigens, das nur am Rande und ein wenig off topic; ich werde wohl demnächst das neue Buch von Michail Schischkin bekommen. Briefsteller. Kennst Du es schon?

      1. An Briefsteller wollte ich mich auch irgendwann demnächst herantasten, muss es mir aber noch holen. Was würdest du von einer gemeinsamen Lektüre halten? Ich zumindest würde es als Bereicherung empfinden, dieses (bestimmt) grosse Stück Literatur mit jemandem gemeinsam zu lesen (ist aber natürlich kein Muss)

      2. Wie schön. Wie machen wir das? Liest jede einfach mal „munter drauflos“ und schreibt Lesetagebuch? Oder wollen wir dem irgendeine Art Struktur verleihen?

        Virtuell habe ich noch nie eine kollektive Lektüre vollzogen, aber ich freue mich unglaublich darauf. Ganz gleich, wie es nun laufen wird.

  2. Liebe Mützenfalterin, wie schön, dass Du dieses großartige Buch hier empfiehlst! Es war damals, Ende Achtziger/ Anfang Neunziger ein echtes Ereignis für mich. Diese außergewöhnliche Geschichte in dieser ungewohnten Sprache, dieses Herantasten an oder Ringen um eine Wahrhaftigkeit, die nur beschreibt und nichts wertet, weder beschönigt, noch herabsetzt, das Schmerzhafte und zugleich Wunderschöne daran, das hat mich wirklich tief berührt. Und es lohnt sich, die komplette Trilogie zu lesen!
    Was den Ruhm oder wenigstens die Anerkennung betrifft, die Kristoff wohl verdient hätte, aber nicht angemessen erhalten hat zu Lebzeiten – das ist traurig. Aber dass ihre Bücher jetzt neu aufgelegt sind und auf einmal so einen großen Zuspruch erfahren, sehe ich als Grund zur Freude. Ich glaube letztlich auch nicht, dass es Kristoff um Ruhm und persönliche Anerkennung ging, höchstens zur Überwindung ihres Selbstzweifels, sondern vielmehr darum, dass ihre Texte gelesen werden und etwas bewirken. Das haben sie damals schon getan, nicht bei vielen, aber dafür bei den wenigen sehr. Und heute können sie das auch noch.
    Ich würde gerne sagen „Pfeif auf den Literaturbetrieb, ach, am liebsten auf den ganzen Kunstbetrieb“, aber ich stecke ja als Buchhändlerin selbst mittendrin und kann wahrlich nicht behaupten, meinen Lesestoff völlig unabhängig zu wählen. Trotzdem: Nicht die Massen, nicht einmal die Zahlen an sich sind wichtig, sie sagen nichts aus über den Wert eines Buches/ eines Kunstwerks. Solche Stimmen wie Deine hier zu Agota Kristofs Buch sind wichtig, weil sie zeigen, dass etwas bewirkt wurde, etwas nicht Geringzuschätzendes.
    Herzliche Grüße!

    1. Ich freue mich sehr über Deinen kenntnisreichen und schönen Kommentar, Iris. Danke dafür. Ich glaube es ist und bleibt ein „Problem“ der Literatur, der es um Wahrhaftigkeit geht, die, wie du schreibst, nichts beschönigen will, noch herabsetzen, dass diese Literatur nicht gerade offene Türen einrennt. Um so erfreulicher, wenn es Büchhändlerinnen wie DIch gibt, die fern ab vom Mainstream lesen und Bücher verstehen und sich nicht scheuen, dieses Wissen an ihre Kunden weiterzugeben. Letztens hast du von Ursula Zierbarth geschrieben und in diesem Zusammenhang davon, dass Du Menschen, die nach Ratgeberliteratur für Kinder suchen lieber Bücher empfiehlst, die von Kindern handeln, in denen Kinder und ihre Welten eine Rolle spielen. Das hat mir ungeheuer gut gefallen. Ja, so ist es. Mir geht es als Mutter immer wieder so, dass ich viel mehr von meinen Kindern verstehe, wenn ich mit ihnen gemeinsam lese oder Filme ansehe, und wir darüber reden können, als wenn jemand Patentlösungen für Probleme anbietet, die doch so unterschiedlich sind, wie jeder einzelne Mensch, und erst recht Kinder, die noch nicht dermaßen eingenormt sind, wie wir Erwachsenen. Das führt jetzt vom Thema weg, aber ich wollte es Dir längst einmal schreiben.
      Und was Du zu Kristóf selbst schreibst, dass es ihr nicht um Ruhm gegangen ist, sondern vermutlich in erster Linie darum, die Selbstzweifel zu überwinden, das glaube ich aufs Wort. Das ist das Paradoxe und für diejenigen die schreiben, das Schmerzhafte, aber nur so (mit diesem Zweifel) kann wohl wirklich große Literatur entstehen.
      Vielen Dank jedenfalls für deinen überaus schönen und sehr verständnisvollen Kommentar. Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut.
      Herzlich
      die Mützenfalterin

  3. Auf dieses Buch freue ich mich besonders. Es geschieht sehr oft, dass ich unmoralisches Handeln nachvollziehen kann, ja, quasi das Gefühl habe, dass es irgendwie seine Richtigkeit hat. Wie du erschrecke ich mich dabei, aber erst viel später, wenn ich aus dem Film oder dem Buch herausgewachsen bin. Moral ist das wandelbarste Konzept, das es gibt.

    1. Ich hatte Deine Kommentare schon vermisst, Sherry 😉
      Ja, es ist schon verrückt, wie veränderlich und flexibel Begriffe, die wir für unabänderlich halten, tatsächlich sind. Ich habe das gerade bezüglich von Geschlechtsstereotypen an einem wirklich lesenswerten Buch, eindrücklich gezeigt bekommen, das Buch werde ich demnächst hier vorstellen.

      1. Und ich bin sehr gespannt, welches Buch Du meinst, bzw. wie euch die Besprechung dann gefallen wird. Leider ist sie mir nicht halb so unterhaltsam gelungen, wie das Buch selbst ist…

      2. Mist, hätte ich dich doch – bevor ich den Bestellbutton gedrückt habe – noch schnell gefragt, welches Buch du meinst, dann hätte ich das noch mit in der Bestellliste gehabt. Na gut! Ich hoffe, du stellst es echt bald vor. Im Moment werde ich den Büchern, die ich außerhalb der Fachliteratur lese, vermutlich nicht so gerecht, wie ich sollte, aber ich habe für mich herausgefunden, dass es so besser ist, als immer nur zu warten, bis ich „nichts zu tun habe“, weil das wird niemals der Fall sein. Und ich komme doch auch so rein, in die Gedankenstrudel, nur kann ich mir dazu dann keine Notizen mehr machen, aber besser als immer nur verschieben und warten.

        Ja, ich vermisse deine Kommentare auch. Mir tut’s Leid, dass ich im Moment immer nur alle paar Tage reinschaue, immer dann, wenn mein RSS Feedreader mir mit Zahlen wie „80 ungelesene Einträge“ so richtig Druck macht. Ich komm‘ im Moment echt nicht zu viel. Aber das ist der Preis dafür, dass ich mir nun erlaube, auch neben dem Vollzeitstudium doch auch Dinge zu lesen, die nichts mit Psychologie zu tun haben. Hah!

        Schönen Sonntag dir und deiner Familie … ❤

      3. Ach Mensch, ich wollte Dir doch auf keinen, auf gar keinen Fall Druck machen, mit meiner blöden Bemerkung. Nur sagen, dass ich mich freue, wenn ich von Dir lese.
        Was das andere Buch angeht, kann ich es ja getrost verraten, weil Julietta die Rezension genommen hat, sie aber erst übernächste Woche freischalten wird, es dauert also noch bis ihr es lesen könnt. Es geht um Die Geschlechterlüge von Cordelia Fine. Sehr verständlich und unterhaltsam, aber trotzdem überaus fundiert beschrieben. Und ich wäre sehr gespannt, was Du als Psychologin davon hälst.
        Dir auch einen schönen Sonntag. ❤ [besser kann ich Herzchen nicht ;-)]

      4. uh ne , da lag ich doch ganz anderswo 😉 hatte mich nur an dem Geschlechtsstereotypen festgelegen, bin in meinem Kopf weitermarschiert zu Genderstereotypen und von dort weiter zu meinem so geliebten „Middlesex“ von Eugenides. ganz anderes Boot, was die Literaturgattung angeht, aber so was von lesenswert!!

      5. Aaaach, keine Sorge, liebe Mützenfalterin, ich mag es gern, wenn ich vermisst werde. (Das kann ich jetzt einfach einmal ehrlich und ohne Scham einwerfen!) … Dein Herzchen ist wunderbar, wie es ist. Dein Buchtipp ist notiert! Danke!

  4. das ist eine geniale rezension, liebe mützenfalterin. klar und konzentriert, ehrlich und nachvollziehbar. ich bin sicher, dass ich – genau wie du – diese innern moralwandel erleben würde. spricht das nun für die autorin – oder gegen unsere sogenannte integrität? hm.
    moral ist das wanderbarste konzept, das es gibt, lese ich sherrys letzten satz. so ähnlich fühle ich auch grad.
    danke für diesen spannenden input!
    herzlich, soso

    1. Ah, Danke Soso, das Lob tut gut. 🙂
      Ich glaube es spricht ganz klar für die Autorin, denn mir fällt es schwer derartiges zuzugeben, ich habe die politische Korrektheit schon sehr internalisiert, da muss schon ein Stück sehr starke Literatur kommen, damit ich solche Wandlungen bei mir öffentlich mache. Aber das ist nur meine Antwort, vielleicht empfindest Du es ganz anders, wenn du dieses große Stück Literatur liest.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar.

  5. Sehr gut geschrieben, machte mich sofort neugierig. Ich muss gestehen, dass ich das nicht kenne (aber wer kann schon alles kennen:-)), und nun werde ich es auf meine Liste zu lesender Bücher befördern, toute suite. Gruß von Snoopy und Danke!

  6. Das Buch stand bereits auf meiner Wunschliste, ich war darüber in den gesammelten Besprechungen von Ruth Klüger gestoplert. Du hast es mir jetzt noch einmal erneut mit Nachdruck ins Gedächtnis gerufen und ich möchte es unbedingt lesen. Danke für deine großartigen Worte.
    Mara

    1. Langsam werde ich verlegen, aber trotzdem freue ich mich über das Lob. Danke dafür. Das Buch ist absolut lesenswert. Und man kann es nicht mehr aus der Hand legen, wenn man einmal zu lesen begonnen hat, das ist mit den Folgewerken, der Beweis und die dritte Lüge nicht anders. Sicher kann ich nach deiner Lektüre bei Dir lesen, wie es Dir beim Lesen ergangen ist.
      Danke und viele Grüße

  7. Deine Buchvorstellung ist sehr gut gelungen. Weder kenne ich das Buch, noch habe ich vor es zu lesen. Was mich fasziniert ist vielmehr deine Beschreibung, was es mit dir zu machen in der Lage war. Wenn das kein Erkenntnisgewinn ist?!

    Was die Brüder angeht, scheint mir, es handelt sich um ein häufiges Konzept, warum Geschwister als solche inkarnieren (sofern dieses Konzept im eigenen Vorstellungsbereich liegt). Bei Zwillingsgeschwistern scheint dies noch intensiver der Fall zu sein, dass sie zwei unterschiedliche Arten auf die Dinge zu reagieren zu einer gemeinsamen Erfahrung nutzen.

    Die Menschheit ist sich im Großen und Ganzen wohl kollektiv darin einig, dass Töten und Morden grausam und grässlich ist.

    Wie immer wir dahin gelangen, sich in die Wahrnehmungswelt eines Mörders oder Tötenden einzufinden, so vertieft dies auf jeden Fall das Verständnis für Verhaltensweisen, die allgemeinhin einfach abgelehnt werden und damit negieren, dass sie passieren können und manchmal so zwingend wie folgerichtig scheinen.

    Das ist kein Plädoyer für Gewalttaten, sondern für eine ganzheitliche Betrachtungsweise aller Facetten davon.

    Liebe Grüße
    Marion

    1. Liebe Marion, was Du noch einmal prägnant als Erkenntnisgewinn beschreibst, ist genau das, was dieses Buch so wichtig und zu wirklich großer Literatur macht. Danke und viele Grüße
      die Mützenfalterin

  8. jetzt habe ich es gerade auch gelesen und finde deine rezension umso bemerkenswerter, vielen dank, liebe mützenfalterin, ich werde bestimmt noch mehr von frau kristov lesen, aber gerade eben brauche ich eine pause, wusstest du, dass das große heft das erste von drei büchern ist?

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