Ans Licht

Eine Frau mit geschwollenen Beinen, blaue Flecken am Arm, lärmempfindlich, sehr weiße Haut, sehr schwarzes Haar, dennoch keine Spur von Schneewittchen. Schneewittchen ist kein Märchen, das sie kennt und nicht annähernd sieben Zwerge, die sich um sie kümmern. Bloß einer, der hat sich einmal gekümmert und ist gleich darauf verschwunden.

Du musst doch wissen, wie er heißt. Du musst uns den Namen nennen. Noch heute Schläge, oder gestern. Die Zeit hat eine andere Dimension, seit es diese Schmerzen gibt. Sie hat nichts mehr mit Zahlen zu tun, oder mit dem, was man sich ausdenkt, um es dann früher oder später zu nennen.

Sie presst die Beine zusammen. Meine Beine. Meine Frucht. Sie ist allein. Die Hebamme, die bei ihr ist, ist auch allein. Aber keiner ist so allein wie dieses Kind, das sie nicht gebären will, das vielleicht selbst nicht geboren werden will, und dann geschieht es doch.

Ein Mann im weißen Kittel betritt den Raum und will ihr das Kind unter die Nase halten. Sie sehen ihn entsetzt an. Und schütteln den Kopf. Schütteln den Kopf.

9 Gedanken zu “Ans Licht

  1. Diese Weigerung, zu lieben oder „in Liebe zu fallen“ (leider gibt es bei uns keinen adäquaten Begriff für das englische „to fall in love“, das viel besser dieses widerstandbrechende Ereignis ausdrückt), aus Angst, wieder und wieder verletzt zu werden. Hätte ich erlebt, was diese Frau erlebt hat, würde ich vielleicht auch nicht hinsehen wollen.

    1. Danke für diesen Kommentar, Iris, ich habe tatsächlich noch nie über die ja durchaus vorhandene „gefährliche“ Konnotation des in die Liebe fallens nachgedacht, diese Bedeutungsebene hast du mir gerade mit deinem Kommentar eröffnet. Vielen Dank dafür. Diese Tatsache, die ja auch passiert, wenn man sich verliebt, dass man aus sich heraus fällt, sich ausliefert, dem freien Fall der Liebe ausliefert, ohne irgendeine Kontrolle über den weiteren Verlauf ausüben zu können.

  2. dieser Text schmerzt und erinnert mich an das gerade gelesene Buch von Sybille Berg: Danke für das Leben, gleich am Anfang wird die Geburt von Toto, einem Hämophroditen, geschildert. Ähnlich einsam die Gebärende, ähnlich einsam das Erscheinen von Toto in dieser Welt und das soll dann so bleiben…

    liebgrüß ich dich

    1. Ja, ich kenne das Buch von Sybille Berg, auch wenn ich es eher als eine sehr kluge und bissige Kulturkritik gelesen habe, als ein trauriges Einzelschicksal, aber vielleicht steht immer das Einzelne auch für das Ganze.

      1. Da ich ja daran glaube, dass alles mit allem verbunden ist, so glaube ich auch daran, dass das Einzelne für das Ganze steht und umgekehrt. Deswegen macht es für mich Sinn mich und meine Haltung immer und immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls die Richtung zu ändern.

        Für mich war das Buch beides, das eine war Toto und sein Schicksal und das andere die Gesellschaft in Ost und West. Bisiig war sie. Manchmal meinte ich ihren Zorn zu spüren.

        herzlichst
        Frau Blau

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