Die Muster der Wirklichkeit

Einer sagt etwas und ein anderer denkt es zu Ende. In der Mitte häuft sich Luft auf Tapeten. Tapeten, die gehen können. Füße, Hände, Stoffballen. Nur die Knöpfe als Augen haben sie vergessen. Ich war auf diese Art blind, d.h. dass mich zutiefst langweilte, was ich schrieb.
Die Dinge drehen sich im Kreis, ohne einander zu begegnen. Die einen glauben an Kunst, die andern machen sie, weil sie am Leben verzweifeln mit diesen Regeln von Kreisen, die sich drehen ohne sich jemals zu schließen. Spirale, nicht Kreis. Trotzdem rund, und wenn man anfängt Antworten zu suchen, sollte man vielleicht aufhören Fragen zu stellen. An sich! Und sie nur noch an die Welt richten. Das ist einen Standpunkt beziehen, von dem man wissen kann, der Ausblick ist begrenzt, aber klar und deutlich, statt ständig den Kopf zu wenden und alles verschwimmt. Was ist Wahrheit und was sind Gedanken? Und das sind die Muster aus denen man Wirklichkeit webt.

Erinnerung und Schrift

Erinnerungen sind undatiert, ohne Zeit und Alter (Michail Schischkin, Venushaar)

 

1

Meine krakelige Schrift auf dem weißen Papier. Wann habe ich schreiben gelernt? Und warum? Alles ändert sich, wenn man die Möglichkeit bekommt, die Worte festzuhalten. Nieder zu schreiben. Möglicherweise der erste Schritt der Vertreibung aus dem Paradies. Oder der erste auf ein neues Paradies zu. Wer kann das schon entscheiden.

Wenn nicht einmal die Schrift etwas darüber aussagt.

 

2

Plötzlich bleibt nichts mehr unausgesprochen. Weil es jetzt einen gibt, dem man jedes Geheimnis anvertrauen kann. Weil man weiß, dass das Papier nichts preisgibt. Kein Geheimnis von sich aus enthüllen wird. Dass es darüber hinaus bereit ist, alles hinzunehmen, alles zu glauben, ohne Fragen zu stellen. Ohne Vorwürfe und Zweifel. Weil sich auf diese Weise alles herausschleudern lässt, in die Vernichtung durch Schrift.

 

3

Solange man das Papier (das entweihte, beschmierte Papier) nicht erneut zur Hand nimmt. Das Geschriebene liest. Die Worte zu Sätzen verbindet, Muster und Bilder erkennt. Und nachher Dinge über sich herausgefunden hat, die man lieber nicht hätte wissen wollen.

 

 

 

Herbst

Was für merkwürdige Filter man sich zuweilen auf die Augen legt. Jetzt ist die Zeit, da die Zugvögel sich sammeln. Sie fliegen davon. Wir holen nur unsere Jacken aus dem Schrank. Genießen die letzten Sonnenstrahlen. Versuchen sie zu speichern. Einen Vorrat an Erinnerungen anzulegen. Ein letzter Blick auf die langen Beine der Mädchen. Ihre müßigen Schritte. Der Sommer lehnt sich zurück. Er hat seine Arbeit getan. Ein Wechselbad der Gefühle. Alle Jahreszeiten sind männlich. Die Wörter hingegen weiblich.
Die Augenbrauen der alten Männer (nicht sehr alt, nur ein bisschen alt, die Menschen um mich herum werden jünger, je älter ich werde), sind schwarz und die Kopfhaare weiß. Was der Blick vom Sommer in den Herbst rettet und der Rest fliegt davon. Unsere Vögel werden Ausländer, um zu überleben. Sie passen sich nicht an. Sie reisen. Nichts will ich damit sagen. Nur mich wundern, über die Filter, die wir den Blicken aufsetzen und was wir dann sehen. Und wie lang.

Heute mit Schneewittchen Straßenbahn gefahren. Neben ihr saß mein leicht verwahrloster Freund. Aus unerfindlichen Gründen auch er um Jahre verjüngt, mit frischen Bart. Immer noch hänge ich an diesem lächerlichen (niedlich traurigen) Versuch, das Leben festzuhalten, wenn es sich schon nicht begreifen oder genießen lässt. Möglichkeiten schaffen, sich genussvoll an das Versäumte erinnern zu können. (genussvoll oder wehleidig).
Das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs. An- und abschwellende Wellen (Brandung) durch den Farbwechsel der Ampeln (rot: Ebbe, grün: Flut). Die letzte Sommersonne, am letzten Sommertag. Ein Mann mit Handy, eine Frau mit Rollwagen und Hund. H.C. Artmann neben mir auf der Bank. Unter der großen uralten Platane am Niederwall. Die Fassaden der Häuser und davor ein ganz sanfter Schimmer aus diesigem Dunst.
Auf dem frisch gemähten, taugeschmückten Rasen die ersten Herbstblätter. Braun, gelb und rot, viel seltener das Gelb. Im Hintergrund (in gleichbleibender Entfernung) eine ganze Zeit lang schon eine Kinderstimme, ohne Körper, ohne Gesicht. Zwei Männer (kichernd) mit Turnschuhe. Eine Frau mit rosa T-Shirt unter der Jacke und Handtasche (von der Schulter an die Hüfte baumelnd, beige). Die Straßenbahn: rot mit weißer Schrift, fährt die Behauptung: Sparkasse. Gut für Bielefeld. Von Schildesche nach Senne, von Milse nach Sieker und wieder zurück. Jetzt zwei auf der Bank neben mir mit zu viel Duftwasser (süß wie der Tod). Kein Kichern mehr. Stille. Jeder mit eigenem Ohrstöpsel im Ohr.
Stell dir vor, sage ich zu mir.
Dann stehe ich auf.

Eine Woche und jede Menge Nebel liegt zwischen diesem (jenen) Mittwoch und heute. Die Woche nach und nach. Der Nebel plötzlich. Wieder diese Bank. Wieder H.C. Artmann neben mir. Eine Frau mit zwei Hunden geht vorbei. Rauch aus meinem Mund (der Geist in der Flasche). Zwei Bänke weiter ein Mann, der sehr sorgfältig die Bank bearbeitet auf die er sich später setzen wird, während ich die kalte Luft in die Lungen sauge und an Hustenbonbons denke. Jetzt sitzt er, aber gleich darauf steht er erneut auf. Ein Fahrrad fährt quietschend vorbei. Der Mann sitzt nach weiteren Nachbesserungen wieder. Der Verkehr rauscht genauso wie letzte Woche, aber es fällt schwerer an Wellen zu denken, an Brandung und Meer. Die Straßenbahnen fahren heute ungeschmückt, keine kichernden Männer. Rote Jacken statt rosa T-Shirts. Meine Gedanken sitzen im Zug und öffnen Antwortschreiben auf Briefe, die ich nie abzuschicken gewagt habe. Die Schienen sprechen von der Möglichkeit, die Zeit könnte jeden Augenblick neu anfangen still zu stehen. Die Knöpfe am Hemd meines Vaters. Wenn ich die Zahl errate wird alles anders. Es ist zu spät mit mir zu reden.
Also gehe ich ohne ein Wort.

Herbst

Diesmal fühle ich wie es mich betrifft

Wenn die Blätter braun werden

Und zu Boden fallen

Als hätten sie jede Erinnerung an das Grün verloren

Der süßliche Geruch beginnender Fäulnis

Von dem was nicht rechtzeitig geerntet wurde

Die Liebesgeschichten haben ihr Verfallsdatum überschritten

Ich selbst bin es die Herbst wird

Schlüssel

Wovon schweigt sie, wenn sie redet. Denn sie redet viel und zu laut. Wie eine, die gern ein Geheimnis hätte und nicht nur den Verrat.

Ihr Gesicht spricht von Versäumnissen. Vieles hat sie zu spät erkannt. Was soll sie nun mit den Schlüsseln zu Türen hinter denen es leer bleibt. Ihr bleibt nichts, als mit diesen Schlüsseln zu klappern.

Räume

Ein Mann fährt im perfekten Einklang neben der Stadtbahn, während mich die Erinnerungen überfallen. Erinnerungen an Orte, an denen ich etwas Bedeutendes hätte schreiben können.

Der kleine Resopaltisch in der engen Küche meines so früh verwaisten Elternhauses. Ein Jahr hielt ich es dort aus, nach dem Tod meiner Mutter. Sobald ich das Haus verließ, den Unfallort vor Augen.

Das Zimmer in der ersten WG, Glühwürmchen vor dem Fenster und Hunde vor dem Bett, die zweite WG, in der zu viel Nähe in zu viel Hass umschlug. Das alte Sprossenfenster vor dem ich – immer frierend – mit einer Tasse Kaffee in der Hand die schönsten Sonnenaufgänge beobachtete. Das dunkle Schlauchzimmer in einer unangenehmen Untermietersituation.

Die erste Wohnung mit meinem Mann, in der mein Zimmer hallenbadblau war, weil ich den Mischton vor dem Streichen nicht getestet hatte. Die winzig kleine Dachgeschoßwohung in der Nähe der Uni, die wir danach hatten. Unsere schönste Wohnung, Altbau, stadtnah, aber furchtbar dunkel, zu keiner Tageszeit konnte ich ohne Licht am Schreibtisch arbeiten. Die sehr helle Wohnung mit der Mansarde, in der mein erster Sohn geboren wurde. Unser erstes Haus mit dem riesigen Garten und den grauenhaften Nachbarn, und jetzt dieses Haus, seit Jahren zum ersten Mal wieder ein eigenes Arbeitszimmer.

Aber immer noch sitze ich am liebsten in der Küche, warte auf die Herbstrosen, darauf, dass der Schnee fällt und wieder schmilzt, auf die ersten Krokusse, die Tulpen, die Blütenpracht des Sommers. Bis wieder Herbst wird und ein weiterer Kreis sich schließt.