Recherchen im Reich der Sinne

Während meiner Recherchen über Frauen im Surrealismus begegnet mir immer wieder der weibliche Blick, der sich grundlegend vom männlichen unterscheidet. Die Umsetzung von Ideen, Geschlechtsbildern ist direkter und auch eindimensionaler bei den männlichen Künstlern. Es scheint als fehle ihnen die Fähigkeit (oder auch nur die Bereitschaft) zur Kommunikation. Der männliche Surrealismus strebt nach einer Kommunikation mit dem Irrationalen, nicht nach Verständnis.

Beispielgebend dafür erscheinen mir die von André Breton 1928 eröffneten Recherches sur la sexualité. Diese Gespräche, die dazu dienen sollten, den weiblichen Orgasmus zu erkennen, fanden zunächst unter Ausschluss der Frauen statt. Aber auch als im achten und neunten Gespräch Frauen anwesend waren, fand kein Austausch statt. Die Frauen mussten ebenso wie die anwesenden Männer lediglich genau definierte (und von Männern formulierte) Fragen beantworten.

[Insgesamt fanden 12 Gespräche statt, die alle vollständig protokolliert wurden. siehe dazu: José Pierre (Hg.) Recherchen im Reich der Sinne. Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität 1928 – 1932. München, 1996)

16 Gedanken zu “Recherchen im Reich der Sinne

  1. Liebe Mützenfalterin,
    die Vorstellung dieser Gesprächsrunde ist ziemlich skurril!

    Da ich in einem Erziehungswissenschaftsstudium schwerpunktmäßig Veranstaltungen zur Genderforschung und Sozialpsychologie der Geschlechter besucht habe muss ich jetzt aber doch mal ein paar (nicht negativ gemeinte) Worte dazu sagen.
    Eigentlich dürftest du nicht über „Männer“ und „Frauen“ und „männliches“ bzw. „weibliches“ Verhalten schreiben dürftest, sondern über „maskulines“ und „feminines“ Verhalten, welches eben durch die von dir beschriebenen Merkmale definiert ist, aber nicht an das biologische Geschlecht gebunden ist. Denn auch wenn die Mehrzahl der Frauen feminin und die Mehrzahl der Männer maskulin handeln gibt es doch auch Individuen, bei denen des anders ist. So sind die intergeschlechtlichen Unterschiede, d.h. die Unterschiede innerhalb aller Frauen bzw. innerhalb aller Männer bezüglich Verhalten und Eigenschaften viel größer als die intergeschlechtlichen, d.h. die Durchschnittswerte im Vergleich.
    Die durchschnittliche Frau und der durchschnittliche Mann sind sich daher statistisch gesehen viel Ähnlicher als zwei Männer bzw. Frauen aus den oberen und unteren Bereichen der Skala. Ein Sachverhalt, den ich damals unglaublich Interessant fand und deshalb hier anführen wollte! 🙂

    Beste Grüße Ute

    1. Vielen Dank, auch ich finde diesen Gedankengang sehr interessant und nicht nur das, sondern auch überaus hilfreich, weil ich mich selbst mit diesen Zuschreibungen nicht sehr wohl fühle, und es viel lieber so differenziert betrachten möchte. Ich werde also umgehend dazu übergehen, mich an die so eben erlernten Begriffe zu halten.
      Herzliche Grüße

      1. Liebe Mützenfalterin,

        das freut mich! Ich denke ich habe mich selbst so viel mit diesem Thema befasst, weil ich mich, wie du, auch nicht mit den üblichen Zuschreibungen und Vorurteilen wohl fühle bzw. abfinden möchte. Die Frage in wieweit männliches und weibliches Verhalten angeboren oder rein durch geschlechtsstereotype Sozialisation hervorgerufen wird spielt also auch eine große Rolle bei der eigenen Indentitätsfindung.

        Beste Grüße Ute

  2. Gut, dass hier differenziert wird. Nach dem Lesen des Artikels dachte ich nämlich, dass mich die Kommunikation mit dem Irrationalen weit mehr interessiert als das Streben nach Verständnis. Das zieht sich durch viele Bereiche, z.B. auch die Auswahl meiner Lektüre oder Gesprächspartner. Wobei das eine das andere nicht ausschließt, lediglich die Prioritätensetzung meines Interesses ist eine andere. In vielen Bereichen spielt für mich die Frage, ob ich mit Mann oder Frau kommuniziere, eine viel kleinere Rolle als das Thema selbst. Ob diese meine Haltung/Prägung nun eher männlich (maskulin) oder weiblich (feminin) ist, ist mir dabei völlig schnurz, und ich wehre mich auch gegen eine Einordnung. Davon abgesehen fühle ich mich dennoch ganz und gar als Frau, nicht nur körperlich, und sind Frauenfreundschaften überaus wichtig für mich. Ich kann darin keinen Widerspruch entdecken. Die Vielfalt scheint größer zu sein als unser Vorstellunsvermögen.
    Liebe Grüße und danke für Artikel und Kommentare!

  3. Klar, das Differenzieren ist wichtig und ich freue mich aufrichtig über eine Leserschaft, die den Finger auf die wunden Punkte legen kann und es auch tut.
    Trotzdem sehe ich ganz deutlich, dass es immer noch ein starkes Ungleichgewicht gibt, dass sowohl der Kunst- als auch der Literaturbetrieb weiterhin männlich dominiert sind, und ich möchte herausfinden, wie das aufgebrochen werden kann. Eine vermeintlich „offene“ und erklärt undogmatische Bewegung wie der Surrealismus scheint mir ein gutes „Forschungsfeld“ zu sein, wo die versteckten Anker liegen, die immer wieder (vielleicht sogar oft gegen besseres Wissen) die Entscheidungsebenen in männlicher Hand zu lassen (und ich fürchte, die wenigsten von diesen Männern sind besonders feminin).
    Also für mich gibt es ganz deutlich den Unterschied zwischen Menschen (wo ich ebenso wenig wie Du, Iris, unterscheiden möchte und muss, ob sie femini oder maskulin sind) und diesen Machtstrukturen, die immer noch sehr eindeutig sind. Bezüglich der „Frauenquote“ in der Wirtschaft habe ich letztens in der Zeit den klugen Satz gelesen, dass es eine Frage ist, ob die Frauen die Wirtschaft verändern können, bevor die Wirtschaft die Frauen verändert. Im Grunde genommen geht es mir um genau diese Frage im Bereich der Kunst.

      1. Das finde ich auch immer sehr angenehm, halt so bei der Gesamtsumme gibt es noch Vorurteile. Wenn die weg wären, dann würden Machos vielleicht eher einknicken.

  4. liebe haushundhirschblog, im grunde ist es mir ja sogar egal, ob ein männlicher oder ein weiblicher künstler das bild oder die literatur geschaffen hat, entweder sie spricht mich an, oder nicht, das ist das kriterium das zählt. was mich nur sehr stört, ist die tatsache, dass es in allen bereichen viel mehr künstler des männlichen geschlechts gibt, die veröffentlichen oder ausstellen etc, dass ich eben das gefühl habe, dass ein großer teil gar nicht zur bekanntwerdung kommt.
    schön und spannend wäre es also, wenn diejenigen, die im jeweiligen betrieb an den hebeln sitzen ohne kenntnis des geschlechts entscheiden würden, wie dann wohl die „quote“ aussehen würde?

    1. Liebe Muetzenfalterin,

      die Quote wäre definitiv eine andere. In einer Studie wurden Probanden die selben Bilder gezweigt, nur der einen Gruppe wurde gesagt, der Künstler sei ein Mann und die andere Gruppe dachte, es sei eine Künstlerin Urheberin des Bildes. Das Ergebnis lautete, dass die Gruppe, die dachte es handelt sich um einen männlichen Künstler die Bilder durchweg signifikant als qualitativ Hochwertiger eingeschätzt hat! (Ich fand das erschreckend.)
      Und dann frage ich mich oft, ob es wirklich sein muss, dass ich bei jeder Bewerbung für Ausstellungen, Kunstpreise o.Ä. angeben muss ob ich Künstler bin oder Künstlerin…

      Ein sehr aufregendes (im wahrsten Sinne des Wortes) Thema. Ich werde demnächst auch etwas dazu auf meinem Blog veröffentlichen.

      Beste Grüße Ute

      1. Danke für diese Information. Die mich nicht wirklich verwundert. Leider. Ich habe mir jetzt tatsächlich Literatur zu Gender in der Kunst besorgt, um nicht weiter mit einem fehlenden Hintergrundwissen zu glänzen ;-). Auf Deinen Artikel dazu bin ich sehr gespannt.

      2. Ich auch ;), ich werde demnächst mit Susanne Haun und andere eine „blogparade“ durchführen, bei der jede Woche auf einem anderen Blog eine andere Frage zur Kunst diskutiert werden soll und ich hatte überlegt, etwas zu Gender in der Kunst zu fragen…

        Über dein Fachwissen bin ich dann demnächst übrigens auch sehr gespannt!

        Lg ute

  5. ich habe noch keine kommentare gelesen, wiederhole mich nun womöglich …

    irgendwie stelle ich mir solche gespräche, die du da beschreibst, ziemlich schräg vor. meine eigenen gespräche mit männern (liebhabern oder auch sonstige) sind ja schon immer sehr erhellend und ich frage mich, wie ein mann einen weiblichen orgasmus verstehen soll? (ich masse mir ja auch nicht an, den männlichen zu verstehen …)

    auch in der psychologie waren es immer die männer, die die frau und ihre sexualität begreifen und beschreiben wollten. ich behaupte: da geht es um macht, nicht um das verstehen.

    deine these, dass männer und frauen im surrealismus einen andern weg gehen, glaube ich dir aufs wort. und jetzt les ich mal die andern kommentare 🙂

    herzlich, soso

    1. Ja, genau Soso, das Gefühl habe ich eben auch, dass es um Macht geht, um nichts anderes. Wobei das nicht alle Männer betrifft, naturgemäß. Ich bin auf jeden Fall sehr gefesselt von diesem Thema, und werde das so bald für mich nicht erledigt haben.
      P.S: Das Belegexemplar ist heute gekommen. Ich freue mich sehr. Besonders darüber, dass Dein Artikel wirklich sehr gut geworden ist.

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