Fortschritt

Sie dachte zu viel, zu vorsichtig (nicht nachsichtig, das wäre gut gewesen), zu ängstlich und auf eine Art misstrauisch, die niemandem zu Gute kam, nur gegen sie selbst arbeitete.

Sie dachte an einen kleinen Mann in ausgefallenen Kleidern, der an einer Straßenkreuzung stand, den Schirm aufgespannt, weil beharrlich Enttäuschungen auf ihn herab regneten. Alle anderen, dachte der Mann, bleiben trocken und er weinte nur deshalb nicht, weil er ein Mann war und sich Tränen für Männer nicht gehören.

Ein anderes Mal (er stand immer noch an dieser Ampel), dachte der kleine Mann über die Wissenschaften nach. Über Kopernikus und Keppler, über das Mechanische der Welt und dass diese Mechanik auch mit Elektrizität nicht zu durchbrechen sei. An den kleinen Gauß dachte er, und an die mathematischen Gesetze, an all das Wissen und dann fragte er sich, wem es nützt. Die einen würden antworten: der Aufklärung, die andere: der Aufrechterhaltung der Zustände und wieder andere würden sagen, dass in der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen der Fortschritt liegt und das glaubte der kleine Mann auch. Nur manchmal fürchtet er eine Antwort darauf zu finden, wovon wir beständig fortschreiten.

10 Gedanken zu “Fortschritt

  1. sie dachte an diesen mann mit ihrem unnützlichen misstrauen. aus diesen gedanken denkt sich der kleine mann.
    wie sollten seine gedanken nützlich sein können, wo sie ihn doch zuerst gedacht hat. es scheint mir vollkommen logisch, dass die gedanken des mannes ebenso unnütz sind, denn er ist der sohn einer ängstlichen frau, die zu viel dachte und sich selbst nicht traute. der arme mann wird immer an dieser ampel stehen bleiben und vor den antworten auf nicht gestellte fragen davon laufen.

      1. genau an diesem punkt, musste ich auch innehalten und fragte mich dasselbe, beschloss es aber so stehen zu lassen, da gegen sich arbeiten und jemanden etwas zu gute kommen m. E. andere Ausdrücke sind, bzw. sich unter nützlich und unnützlich unterordnen lassen.

      2. Danke für Deine Antwort. Ich kann dieser Argumentation folgen. Trotzdem denke ich, dass das unnütze, das gegen sich und andere arbeiten, seine Berechtigung hat, und sogar seine Notwendigkeit.

      3. ich danke auch für deine antwort. wer hat gesagt, dass das unnütze nicht auch seine berechtigung hat? ich glaube ja nicht einmal, dass man wissen muss, ob etwas nützlich oder unnützlich ist, aber wenn etwas eine ganze weile als nützlich, sogar als unbedingt/absolut betrachtet wird, dann landet man in einer sackgasse und das schmerzhafte ist das eingeständnis, dass es eben der eigene irrtum war, der einen hindert sich umzudrehen, den nutzen des unützen anerkennend. [in schwieriges thema. entschuldige, wenn meine worte nicht viel sinn ergeben].

      4. ich finde deine worte ergeben sehr viel sinn, viel mehr jedenfalls als meine sehr vorschnelle unbedachte antwort. ich bin noch sehr in diesem wertenden denken verhaftet, aber im grunde meinen wir genau dasselbe, nur dass ich es recht unglücklich ausgedrückt habe, die eigenverantwortung den nutzen des unnützen anzuerkennen, genau auf die wollte ich wohl hinaus, jedenfalls spätestens jetzt nach deiner sehr klaren antwort, für die ich dir danke.

  2. Stanislaw Lem schrieb in seinem Buch „Also sprach Golem“, dass wir einen Fehler machen, die Evolution so positiv zu bewerten. Die Entwicklung zur Einfachheit (Einzeller oder Algen) zur Komplexität hat nur Probleme mit sich gebracht. Was wir als effiziente, zielorientierte Evolution betrachten, sei nur eine Notlösung; und der Verstand eine notwendige, hinzugefügte Kontrollinstanz, um unser Flickwerk „Organe, Zellhaufen, Notwendigkeiten“ irgendwie bedient zu bekommen.

    Aber ich wollte später einmal etwas dazu in meinem Blog schreiben. Interessant nur, dass du auch darüber schreibst, wenn auch anders.

  3. in meinen Ferien las ich einen Satz bei Pattison (Tibetkrimi), dass wir glauben wir wären etwas besseres, als unsere Vorfahren, nur weil wir Auto fahren, Wasch- und Spülmaschinen füllen und Fernseher die abendlichen Stuben blau schimmern lassen (sehr sinngemäß wiedergegeben), aber das passt…
    es grüßt dich herzlichst
    Frau Blau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s