Schneewittchen

Schneewittchen glaubte an Märchen
die ihr niemand erzählte
weil außer dem Spiegel
keiner mit ihr sprach

Sie pflanzte Rosen an
weil sie hoffte
so könnte sie der Prinz für Dornröschen halten

Aschenputtel für sieben Kleinwüchsige
zu spielen
schien ihr nicht erstrebenswert

wer will schon den Frühling abwarten
wenn die Lust auf Liebe in den Winter schneit
und in Schneewittchens Gesicht
war immer Winter
weiß wie Schnee
aber mit drei Tropfen Blut
wenn das keine Drohung war

Aber sie glaubte ja an Märchen
so sehr
dass sie Frösche küsste
und niemals vom Weg abkam
um Blumen zu pflücken
und nicht mit ihrem Spiegel sprach
dem einzigen
der ihr wirklich etwas zu sagen gehabt hätte

12 Gedanken zu “Schneewittchen

    1. Dieses Gedicht ist schon recht alt, von 2008, ich habe es letztens beim „Aufräumen“ gefunden und einfach so reingestellt. Inzwischen finde ich es an manchen Stellen sprachlich unsauber, würde einiges ändern. Aber nur an der Form, nicht an der Bedeutung 😉

  1. Das gefällt mir sehr!
    Weiblicher Narzissmus in phantastische, absurde Bilder gehüllt, denke ich beim Lesen. Und auch: dass es mich überrascht, sofort wieder einen Begriff für etwas gesucht/gefunden zu haben, von dem ich nicht mal ahnen kann, ob Du überhaupt in diese Richtung gedacht hast.
    Danke!
    mb

    1. Was das mit Narzissmus zu tun hat, frage ich mich schon. Aber ohnehin wird dieser Begriff (einer schweren Persönlichkeitsstörung) heute inflatiös benutzt. Vor allem Frauen mit einem gewissen Maß an Selbstwertgefühl, könnten nicht nur Gedichte sondern auch Lieder darüber schreiben, wie schnell man(n) ihnen dieses dignostiziert 😉

  2. Ich möchte zu eurer „Diskussion“ gar nichts weiter sagen, weil ich hoffe, es entwickelt sich vielleicht noch ein Gespräch unter euch beiden. Nur so viel vielleicht, dass ich es mag, wenn Gedanken und Bilder auftauchen, die mir vielleicht nicht unbedingt bewusst waren zum Zeitpunkt des Schreibens, und dass ich mich freue, wenn auf diese Weise eine Diskussion entsteht.

    1. Für mich ist das wohl ein emotionsbehaftetes Thema, deswegen wirkte mein Kommentar etwas harsch. Aber das gute daran – was wäre die Kunst ohne die Gefühle, die es bei dem einzelnen Individuum auslöst. Und hier ist offenbar viel passiert (auch bei mir).

      Im Übrigen mag ich deine Texte sehr gern. Und ich bin schon oft recht mäkelig 😉

      1. Das freut mich, dass du mir Dein Lob aussprichst, gerade weil das ja relativ offensichtlich ist, wenn man bei Dir liest, dass Du ziemlich kritisch bist.
        Ich glaube der Spiegel, und vielleicht auch (um das Reizwort noch einmal aufzunehmen) der eigene Narzißmus, spielt für jeden eine Rolle, eine sehr emotionsgeladene. Ganz unabhängig davon, ob man in sich (und das Spiegelbild) verliebt ist, oder nicht.

  3. Das stimmt wohl – zumal sich zu lieben eine „Grundvorraussetzung“ ist, um andere (bedingungslos) zu lieben. Doch gerade die Selbstliebe wird oft so negativ bewertet und mit einem übersteigerten Selbstwert in einen Topf geworfen. Ich denke das verwirrt auch viele Heranwachsende – sei bescheiden, aber durchsetzungsfähig (und erfolgreich) – sei schön, aber zeige nicht, dass du dir dessen bewusst bist. Sei klug, aber zeige nicht, dass du das weißt. Sei glücklich, aber nur so, wie es in unsere Wertigkeit passt.

    1. Ich möchte Dir da ein bisschen widersprechen, weil ich nämlich glaube, wer sich selbst „wirklich“ liebt, erscheint anderen nicht narzißtisch, es ist vielmehr so, dass andere die Gesellschaft von solchen Menschen suchen, die im Einklang mit sich sind und daher etwas ausstrahlen, wonach jeder für sich sucht. Alles andere, dieses „Ausgestelle“ sozusagen ist ja im Grunde nur Zeichen einer empfundenen Minderwertigkeit. Für Heranwachsende ist das natürlich sehr schwierig, weil man sich in dieser schrecklich anstrengenden Zeit ja überhaupt nicht kennt, man ist ja sozusagen jeden Tag ein anderer. Ich habe das jedenfalls sehr anstrengend in Erinnerung.

    2. Ich möchte Dir da ein bisschen widersprechen, weil ich nämlich glaube, wer sich selbst „wirklich“ liebt, erscheint anderen nicht narzißtisch, es ist vielmehr so, dass andere die Gesellschaft von solchen Menschen suchen, die im Einklang mit sich sind und daher etwas ausstrahlen, wonach jeder für sich sucht. Alles andere, dieses „Ausgestelle“ sozusagen ist ja im Grunde nur Zeichen einer empfundenen Minderwertigkeit. Für Heranwachsende ist das natürlich sehr schwierig, weil man sich in dieser schrecklich anstrengenden Zeit ja überhaupt nicht kennt, man ist ja sozusagen jeden Tag ein anderer. Ich habe das jedenfalls sehr anstrengend in Erinnerung.

  4. Es würde mir nicht gefallen, sollte mein Kommentar wie eine Pauschal-Diagnose wirken. Zumindest habe ich so beim Schreiben des Kommentars nicht gedacht. Neben der vielleicht tatsächlich inflationär benutzten Diagnose der Persönlichkeitsstörung stammt der Begriff des Narzißmus ja ursprünglich aus der Mythologie. Ich halte Selbstliebe für völlig erstrebenswert und wichtig, so schwer dieser Prozess auch sein mag. Aber Selbstliebe und Narzißmus halte ich persönlich für ein Gegensatzpaar.
    Danke, liebe Mützenfalterin, dass Du hier Raum für ein Gespräch bietest.
    mb

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