Erinnerung und Schrift

Erinnerungen sind undatiert, ohne Zeit und Alter (Michail Schischkin, Venushaar)

 

1

Meine krakelige Schrift auf dem weißen Papier. Wann habe ich schreiben gelernt? Und warum? Alles ändert sich, wenn man die Möglichkeit bekommt, die Worte festzuhalten. Nieder zu schreiben. Möglicherweise der erste Schritt der Vertreibung aus dem Paradies. Oder der erste auf ein neues Paradies zu. Wer kann das schon entscheiden.

Wenn nicht einmal die Schrift etwas darüber aussagt.

 

2

Plötzlich bleibt nichts mehr unausgesprochen. Weil es jetzt einen gibt, dem man jedes Geheimnis anvertrauen kann. Weil man weiß, dass das Papier nichts preisgibt. Kein Geheimnis von sich aus enthüllen wird. Dass es darüber hinaus bereit ist, alles hinzunehmen, alles zu glauben, ohne Fragen zu stellen. Ohne Vorwürfe und Zweifel. Weil sich auf diese Weise alles herausschleudern lässt, in die Vernichtung durch Schrift.

 

3

Solange man das Papier (das entweihte, beschmierte Papier) nicht erneut zur Hand nimmt. Das Geschriebene liest. Die Worte zu Sätzen verbindet, Muster und Bilder erkennt. Und nachher Dinge über sich herausgefunden hat, die man lieber nicht hätte wissen wollen.