Herbst

Was für merkwürdige Filter man sich zuweilen auf die Augen legt. Jetzt ist die Zeit, da die Zugvögel sich sammeln. Sie fliegen davon. Wir holen nur unsere Jacken aus dem Schrank. Genießen die letzten Sonnenstrahlen. Versuchen sie zu speichern. Einen Vorrat an Erinnerungen anzulegen. Ein letzter Blick auf die langen Beine der Mädchen. Ihre müßigen Schritte. Der Sommer lehnt sich zurück. Er hat seine Arbeit getan. Ein Wechselbad der Gefühle. Alle Jahreszeiten sind männlich. Die Wörter hingegen weiblich.
Die Augenbrauen der alten Männer (nicht sehr alt, nur ein bisschen alt, die Menschen um mich herum werden jünger, je älter ich werde), sind schwarz und die Kopfhaare weiß. Was der Blick vom Sommer in den Herbst rettet und der Rest fliegt davon. Unsere Vögel werden Ausländer, um zu überleben. Sie passen sich nicht an. Sie reisen. Nichts will ich damit sagen. Nur mich wundern, über die Filter, die wir den Blicken aufsetzen und was wir dann sehen. Und wie lang.

Heute mit Schneewittchen Straßenbahn gefahren. Neben ihr saß mein leicht verwahrloster Freund. Aus unerfindlichen Gründen auch er um Jahre verjüngt, mit frischen Bart. Immer noch hänge ich an diesem lächerlichen (niedlich traurigen) Versuch, das Leben festzuhalten, wenn es sich schon nicht begreifen oder genießen lässt. Möglichkeiten schaffen, sich genussvoll an das Versäumte erinnern zu können. (genussvoll oder wehleidig).
Das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs. An- und abschwellende Wellen (Brandung) durch den Farbwechsel der Ampeln (rot: Ebbe, grün: Flut). Die letzte Sommersonne, am letzten Sommertag. Ein Mann mit Handy, eine Frau mit Rollwagen und Hund. H.C. Artmann neben mir auf der Bank. Unter der großen uralten Platane am Niederwall. Die Fassaden der Häuser und davor ein ganz sanfter Schimmer aus diesigem Dunst.
Auf dem frisch gemähten, taugeschmückten Rasen die ersten Herbstblätter. Braun, gelb und rot, viel seltener das Gelb. Im Hintergrund (in gleichbleibender Entfernung) eine ganze Zeit lang schon eine Kinderstimme, ohne Körper, ohne Gesicht. Zwei Männer (kichernd) mit Turnschuhe. Eine Frau mit rosa T-Shirt unter der Jacke und Handtasche (von der Schulter an die Hüfte baumelnd, beige). Die Straßenbahn: rot mit weißer Schrift, fährt die Behauptung: Sparkasse. Gut für Bielefeld. Von Schildesche nach Senne, von Milse nach Sieker und wieder zurück. Jetzt zwei auf der Bank neben mir mit zu viel Duftwasser (süß wie der Tod). Kein Kichern mehr. Stille. Jeder mit eigenem Ohrstöpsel im Ohr.
Stell dir vor, sage ich zu mir.
Dann stehe ich auf.

Eine Woche und jede Menge Nebel liegt zwischen diesem (jenen) Mittwoch und heute. Die Woche nach und nach. Der Nebel plötzlich. Wieder diese Bank. Wieder H.C. Artmann neben mir. Eine Frau mit zwei Hunden geht vorbei. Rauch aus meinem Mund (der Geist in der Flasche). Zwei Bänke weiter ein Mann, der sehr sorgfältig die Bank bearbeitet auf die er sich später setzen wird, während ich die kalte Luft in die Lungen sauge und an Hustenbonbons denke. Jetzt sitzt er, aber gleich darauf steht er erneut auf. Ein Fahrrad fährt quietschend vorbei. Der Mann sitzt nach weiteren Nachbesserungen wieder. Der Verkehr rauscht genauso wie letzte Woche, aber es fällt schwerer an Wellen zu denken, an Brandung und Meer. Die Straßenbahnen fahren heute ungeschmückt, keine kichernden Männer. Rote Jacken statt rosa T-Shirts. Meine Gedanken sitzen im Zug und öffnen Antwortschreiben auf Briefe, die ich nie abzuschicken gewagt habe. Die Schienen sprechen von der Möglichkeit, die Zeit könnte jeden Augenblick neu anfangen still zu stehen. Die Knöpfe am Hemd meines Vaters. Wenn ich die Zahl errate wird alles anders. Es ist zu spät mit mir zu reden.
Also gehe ich ohne ein Wort.