Räume

Ein Mann fährt im perfekten Einklang neben der Stadtbahn, während mich die Erinnerungen überfallen. Erinnerungen an Orte, an denen ich etwas Bedeutendes hätte schreiben können.

Der kleine Resopaltisch in der engen Küche meines so früh verwaisten Elternhauses. Ein Jahr hielt ich es dort aus, nach dem Tod meiner Mutter. Sobald ich das Haus verließ, den Unfallort vor Augen.

Das Zimmer in der ersten WG, Glühwürmchen vor dem Fenster und Hunde vor dem Bett, die zweite WG, in der zu viel Nähe in zu viel Hass umschlug. Das alte Sprossenfenster vor dem ich – immer frierend – mit einer Tasse Kaffee in der Hand die schönsten Sonnenaufgänge beobachtete. Das dunkle Schlauchzimmer in einer unangenehmen Untermietersituation.

Die erste Wohnung mit meinem Mann, in der mein Zimmer hallenbadblau war, weil ich den Mischton vor dem Streichen nicht getestet hatte. Die winzig kleine Dachgeschoßwohung in der Nähe der Uni, die wir danach hatten. Unsere schönste Wohnung, Altbau, stadtnah, aber furchtbar dunkel, zu keiner Tageszeit konnte ich ohne Licht am Schreibtisch arbeiten. Die sehr helle Wohnung mit der Mansarde, in der mein erster Sohn geboren wurde. Unser erstes Haus mit dem riesigen Garten und den grauenhaften Nachbarn, und jetzt dieses Haus, seit Jahren zum ersten Mal wieder ein eigenes Arbeitszimmer.

Aber immer noch sitze ich am liebsten in der Küche, warte auf die Herbstrosen, darauf, dass der Schnee fällt und wieder schmilzt, auf die ersten Krokusse, die Tulpen, die Blütenpracht des Sommers. Bis wieder Herbst wird und ein weiterer Kreis sich schließt.

7 Gedanken zu “Räume

  1. Wie Du von diesen Räumen und Räumlichkeiten schreibst, die Dich umgeben haben. Oder die Du bewohnt hast. Mit so wenigen Worten und Wörtern hast Du Bilder erzeugt, die so klar vor mir stehen, als hätte ich diese Räume und Orte alle einmal gesehen … oder mich darin aufgehalten.
    Das gefällt mir sehr!
    mb

  2. „Aber immer noch sitze ich am liebsten in der Küche, warte auf die Herbstrosen, darauf, dass der Schnee fällt und wieder schmilzt, auf die ersten Krokusse, die Tulpen, die Blütenpracht des Sommers. Bis wieder Herbst wird und ein weiterer Kreis sich schließt.“ – diese worte sprechen mir so aus dem herzen – ich würde diesen kreis nur noch lieber ausserhalb der grossen stadt erleben!

  3. Oft habe ich mich gefragt, ob Gegenstände einen Hauch von Seele bekommen, wenn wir täglich mit ihnen umgehen. Jetzt, nach diesem Beitrag, frage ich mich bewusst, ob das mit Räumen und Orten genauso ist. Vielleicht sogar noch intensiver, weil wir dort ein- und ausatmen; uns und einander ein- und ausatmen. Ist das nicht der Grundgedanke all der Spukgeschichten und Poltergeister?

    1. unbedingt! da bin ich total überzeugt davon … wenn ich neue wohnungen betrete, habe ich immer schnell ein gefühl für das, was da schon passiert ist … natürlich „unfassbar“ … hm …

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