Bilderflut

Was ist ein Foto? Beziehungsweise was macht es mit dem Betrachter? Wie viele Informationen liegen wirklich in dem, was man sieht und wie viel Bedeutung bekommt ein Bild erst dadurch, dass es z.B. einen Titel trägt, dass man als Betrachter weiß, das Bild hat eine Frau gemacht, oder ein Mann?

„Die Bilderverehrer von Byzanz waren spitzfindige Leute, die vorgaben, Gott um seines Ruhmes willen darzustellen, die jedoch gerade dadurch, daß sie Gott in Bildern simulierten, das Problem seiner Existenz verschleierten. Von seinem Platz hinter jedem dieser Bilder war Gott nämlich verschwunden. Das Problem stellte sich also gar nicht mehr. Durch Simulation war es gelöst. Das gleiche tun wir mit dem Problem der Wahrheit oder der Realität dieser Welt: wir haben es durch technische Simulation gelöst und durch die Flut von Bildern, auf denen es nichts zu sehen gibt.“ (Jean Baudrillard, Das perfekte Verbrechen)

Je mehr wir sehen, um so weniger verstehen wir. Wir begraben die Realität unter einer Bilderflut. Wir sehen die Dinge doch, warum soll man da noch Fragen stellen. Das Bild erscheint uns als Aussage. Und zwar als eine, die nicht angezweifelt werden kann. Was sehen wir auf Dokumentarfotos? Was sehen wir, wenn wir sehen, wie jemand die Waffe auf einen anderen richtet? Ist das, was wir sehen, wirklich so eindeutig, wie es aussieht?

„Die Objektivität des Bildes ist nur eine Illusion. Die Kommentare, die man ihm mitgibt, können seine Bedeutung völlig verändern.“ (Gisèle Freund)

Bildagenturen bedienen sich der Fotografen zu ihren Zwecken, verfremden und interpretieren die Fotos nach ihren Bedürfnissen. „Um dieser Entmündigung zu entgehen, gründeten Robert Capa, David Seymour, Henri Cartier- Bresson, George Rodger, William Vandivert und Maria Eisner 1947 die Bildagentur der Fotografen Magnum. Sie teilten die tiefe Überzeugung, `dass die welt fotografiert werden muss um verstanden zu werden, dass das medium existiert um uns zu einem erneuten blick zu zwingen`(Michael Ignatieff, in Magnum), dass mit den Reportagebildern von Orten und Schicksalen aus aller Welt noch etwas zu bewegen sein könnte.“ (Boris von Brauchitsch Kleine Geschichte der Fotografie). Viele der Fotografen, die Magnum gegründet hatten, setzten für ihre Überzeugung ihr Leben aufs Spiel, reisten von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, um aufzuklären, um die Welt an dem Unrecht, dem Leid anderer Menschen teilhaben zu lassen. Sie wollten nicht nur nicht die Augen verschließen, sondern aufzeigen. Haben sie etwas damit bewirkt, oder fing damit die Abstumpfung an, unter der wir heute leiden? Wie wichtig sind Fotos, Dokumente von Kriegen und Unrecht, das im Krieg geschieht und ab welchem Punkt bewirken sie das Gegenteil von dem, was sie bewirken wollen?

Während ich noch meine kleinen Gedanken sammle, ohne recht zu wissen, wohin ich mit all den Fragen will, lese ich folgenden Artikel drüben bei den Gleisbauarbeiten. Nur auf den ersten Blick eine andere Fragestellung, im Grunde aber eine, die sich von der anderen nicht trennen lässt. Was sehen wir, was sollen wir sehen und wie können wir sehen lernen?