Der schwarze Hund – Les Murray

Der schwarze Hund ist gestern eingetroffen.

Der Mann, der solche Gedichte schreibt, schreibt darin von seiner Depression, davon wie unvorstellbar grauenhaft das Leben wird unter der Herrschaft des schwarzen Hundes, wie schon Churchill seine Depression genannt hat. Aber auch, und das hat mich vielleicht am meisten betroffen, davon, wie destruktiv Sexualität sein kann, bzw. die Angst und die Scham mit der Sexualität überfrachtet wird. Dass dann ein Vater nicht über die Lippen bringt, dass seine Frau aufgrund einer erneuten Fehlgeburt verblutet, und der Krankenwagen nicht rechtzeitig eintrifft, dass daraufhin das Kind, das diese Frau geboren hat, vor den Fehlgeburten, sich schuldig fühlt am Tod der Mutter und lange Zeit mit der Überzeugung lebt, dass Sex tödlich ist.

Aber auch die sanfte Seite, die Möglichkeit sich dennoch auszusöhnen, mit den Vätern, den Müttern und sogar mit sich selbst. Die Einsicht wie viel Schmerz die Klarheit seiner Gedichte ihn gekostet hat und wie wertvoll sie sind, für die, die immer abseits stehen, aber auch für diejenigen, die diese ins Abseits drängen. Wenn sie sie lesen würden. Eines Tages. Vielleicht.

5 Gedanken zu “Der schwarze Hund – Les Murray

  1. Das Gedicht ist beeindruckend!!
    Sexualität wird nicht nur überfrachtet, der reine Akt und die Glut der Leidenschaft haben etwas stoßend-zerstörerisches und ganz dicht neben Leben gebären liegt das Sterben. Das ist schon eine heikle Angelegenheit.
    Ich bewundere jeden, der es schafft aus seinem Leiden Kunst zu schaffen, ohne sich in seinem Leid zu suhlen, sondern um es loszuwerden, danach dann zu seinem dunklen Kind (oder meinetwegen auch dem schwarzen Hund) zu stehen, dazu gehört viel Mut.

    Und auch hier die Empfängnis und Schwangerschaft und immer die Möglichkeit (ja manchmal sogar die Notwendigkeit) eines Sterbens.

    Danke für die Vorstellung dieses Autor.

  2. Ja, das Gedicht ist beeindruckend. Jedes seiner Gedichte ist beeindruckend. Ich hätte gerne „Ein einfacher Regenbogen“ verlinkt, das Gedicht, mit dem ich ihn sozusagen kennengelernt habe. Es ist in diesem Buch, im schwarzen Hund nochmals abgedruckt, leider habe ich keinen Link dafür gefunden. Ich freue mich sehr, wenn Du Les Murray durch diesen Artikel entdecken konntest, das ist für mich das Schönste, wenn ich die Autoren, die ich liebe und verehre anderen nahe bringen kann.

  3. Ich finde jetzt gerade das verlinkte Gedicht „Poetry and Religion“ nicht beeindruckend, aber ich finde das, was du über ihn schreibst, beeindruckend. Ich möchte ihn gerne kennenlernen.

    Sex ist ein aggressiver Akt, er geht mit einer maskierten Gewalt einher, weil sie triebhaft ist. Dass darauf viel Schuld lastet, weil wir Menschen doch immer meinen, sowenig Tier zu sein, ist ganz klar. Trotzdem ist seine Geschichte eine andere. Die eines Kindes, das die Schuld des Vaters fraglos aufnimmt. Und die eines Vaters, der das Angebot dieses Kindes, ihn zu entlasten, fraglos annimmt.

    1. für mich ist dieses Gedicht genau das, was Poesie für mich ist, was Dichtung für mich und mein Leben bedeutet. Eine Art Glaubensbekenntnis könnte man fast sagen. Stört dich der Begriff Religion? Aber vielleicht hast Du auch einfach eine andere Vorstellung davon, was Poesie ist und kann und soll.
      Die Geschichte ist natürlich sehr komplex, ich habe das nur sehr kurz angerissen in diesem kurzen Artikel. Murray selbst zieht in seinem Essay durchaus auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse, was die Frage des Umgangs mit Sexualität angeht. Ich mache für mein Verständnis einen Unterschied zwischen Scham und Schuld, aber das ist alles ein sehr großes Thema, und außerdem eines, mit dem ich selbst für mich noch längst nich fertig bin.

      1. Ja, ich glaube schon, dass ich ein anderes Empfinden habe, was Poesie angeht, wobei es auch oft Überschneidungen gibt. Mich stört in diesem Gedicht der Begriff Religion, ja. Auch der Stil des Gedichtes ist nicht so meins. Ich mag das nicht so gerne, wenn Gedichte zwar in eine äußerliche Form gebracht werden, sich aber lesen wie „normale Texte“. Der Rhythmus fehlt mir [und dabei meine ich nicht Reime]. Die Pausen zwischen den Haupttönen, etwas, das zwischen den Zeilen greifbar wird, man es nicht übersehen kann. Vielleicht verstehe ich es aber auch einfach nicht, weil das Wort Religion mich die ganze Zeit davon abhält, mich darauf einzulassen. Ich hab’s mir auf Englisch durchgelesen, da ist auf jeden Fall mehr Sprachästhetik drin …

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